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Kultur

»Ich hätte vor 100 Jahren wahrscheinlich auch als Dadaist gegolten«

Steffen Schleiermacher über sein Programm mit Musik des Tausendsassas Erwin Schulhoff

  »Ich hätte vor 100 Jahren wahrscheinlich auch als Dadaist gegolten« | Steffen Schleiermacher über sein Programm mit Musik des Tausendsassas Erwin Schulhoff  Foto: Christiane Gundlach

Dada ist da: Er klingt aus einigen Stücken des Komponisten und Pianisten Erwin Schulhoff (1894–1942), dem sich ein Abend im Gewandhaus widmet. Das Konzert ist Teil der Reihe Musica Nova, in der der Komponist und Pianist Steffen Schleiermacher seit fast 40 Jahren neuere und ganz neue Musik vorstellt und aufführt, die sonst selten bis nie zu hören ist.

Können Sie sich daran erinnern, wann Sie das erste Mal Musik gemacht haben?

Kaum, das ist 60 Jahre her. Meine Mutter hat Klavier gespielt und irgendwann sollte auch ich Klavier spielen lernen. Das haben die Eltern entschieden, es bestand nicht unbedingt Freiwilligkeit meinerseits. So war ich auch kein angenehmer Schüler – offensichtlich, denn ich habe elf Klavierlehrer verschlissen. Wann dann der Groschen gefallen ist, weiß ich nicht mehr. Das war wahrscheinlich ein schleichender Prozess.


Das erste Konzert der Musica Nova im neuen Jahr dreht sich um Erwin Schulhoff. Wie Sie ist er sowohl Jazz als auch Neuer Musik und der Avantgarde zugeneigt. Es heißt, der Dadaist George Grosz habe Schulhoff den Jazz gezeigt. Welche Bedeutung hat Dada für Sie?

Schwierig zu beantworten, da es ja keine Definition gibt, was genau Dada eigentlich ist. Es ist eben bloß ein Fantasiewort. Ursprünglich war es eine ganz kurzlebige Varieté-Bespaßung in Zürich während des Ersten Weltkrieges. Nichtsdestotrotz, ein gewisser fröhlicher Anarchismus, ein gewisses Maß an Nonkonformismus, auch die Geste des »épater la bourgeoisie« (»das Bürgertum schrecken«, Maxime französischer Schriftsteller wie Baudelaire oder Rimbaud, Anm. d. Red.) sind mir durchaus zu eigen. Aber die hatte ich schon vorher, bevor ich das Wort Dada überhaupt kannte. Als ich dann die ersten Dada-Ausstellungen sah, Texte von Kurt Schwitters oder Richard Huelsenbeck las und mich mit dem Cabaret Voltaire beschäftigte, hat das nicht mein Weltbild plötzlich umgekrempelt. Mir war es irgendwie vertraut. Ich hätte vor 100 Jahren wahrscheinlich auch als Dadaist gegolten.


Und wie war das bei Schulhoff?

Schulhoff hat sich an die Berliner Dada-Bewegung, die ja hochpolitisiert war, ziemlich spät angehängt. Er tat immer so, als ob George Grosz ein guter Freund von ihm sei. Ich glaube aber, Grosz kannte ihn überhaupt nicht persönlich. Schulhoff war eine spezielle Figur. Ich sag es mal so: Hätte es damals schon Tiktok oder Instagram gegeben, wäre er ein Social-Media-Star gewesen – er war einer der Ersten, die eigene Stücke auf dem neuen Medium Schallplatte eingespielt haben, als das für viele andere noch tabu war. Er hatte auch keine Berührungsängste mit Cabaret und Ernster Musik, hat Schönberg gespielt und gleichzeitig dadaistische Theaterstücke gemacht. Heute ist er vor allem für seine Jazzkompositionen bekannt – er war damit einer der Ersten und eigentlich auch der Beste. Es gibt leider keine Aufnahmen von ihm als Improvisator, aber sehr wohl Aufnahmen, wo er spielt – das ist alles vom Feinsten!


Er hat aber nicht nur Jazzstücke komponiert

Schulhoff wurde nach seiner expressionistischen, einer Dada- und einer Jazz-Phase später sogar zu einer Art Anarchokommunist. Wobei bei ihm nicht wirklich eine Phase auf die andere folgte: Vieles hat er parallel gemacht, manchmal vermutlich auch nur, um etwas Geld zu verdienen … Aus der Faszination für den Kommunismus heraus hat er auch Märsche geschrieben, die er den tschechischen Arbeitern widmete – was die tschechischen Arbeiter bestimmt brennend interessierte … Eines dieser wunderlichen Werke habe ich übrigens auch für das Konzert im Januar ausgesucht.

Er hat auch ein Riesenstück komponiert: das Manifest für Männerchor, Kinderchor, zwei Solisten und Blasorchester, dessen Texte dem Kommunistischen Manifest von Marx und Engels entnommen sind. Es ist schon ein seltsames Werk, aber: Für das, was es sein will, ist es wirklich gut gemacht. Schulhoff wollte 1940/41 sogar in die Sowjetunion auswandern. Er hatte vermutlich keine Vorstellung von Stalins Regime. Das wäre de facto sein Todesurteil gewesen! Zeitgleich zu diesem Manifest hat er aber auch die »Hot-Sonate« komponiert – heute ein Standardstück im zeitgenössischen Jazz für Saxofonisten – ein Meisterwerk!

Zudem hat er Streichquartette und Symphonien und alles Mögliche geschrieben – vieles davon ist heute leider fast vergessen. Er war sehr, sehr vielgestaltig. Man glaubt es oft gar nicht, dass das immer der gleiche Komponist ist.


Das Konzert ist damit überschrieben, dass es im Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen stattfindet. Können Sie dazu noch etwas mehr berichten?

Ich habe das erst aus dem gedruckten Gewandhaus-Programm erfahren. Es ist wirklich Zufall, dass das Konzert in dem Rahmen stattfindet. Das ist zwar ganz ehrenhaft, aber es sollte völlig selbstverständlich sein, dass man diese Komponisten aufführt. Und gerade die Stücke von Schulhoff sind einfach gute Musik, völlig unabhängig von seiner Biografie und den üblichen Mitleids- oder Moralkoeffizienten. Es gibt übrigens keinerlei Hinweise von Schulhoff, dass er besonders gläubig gewesen wäre, vermutlich hat er nie eine Synagoge von innen gesehen.


> Musica Nova: Erwin Schulhoff – Ensemble Avantgarde, Steffen Schleiermacher (Klavier, Leitung, Moderation), 21.1., 19.30 Uhr, Gewandhaus, Mendelssohn-Saal – im Rahmen von »Tacheles – Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026«


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