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Kultur

Das Leben der Anderen

Eine Initiative Filmschaffender kämpft für mehr ostdeutsche Perspektiven in der Branche

  Das Leben der Anderen | Eine Initiative Filmschaffender kämpft für mehr ostdeutsche Perspektiven in der Branche  Foto: Wollen mehr Raum für ostdeutsche Perspektive: Peter Schneider, Christine Otto, Sophie Pfennigstorf und Jochen Alexander Freydank (v.l.)/Jette Bäumler


Schauspieler Peter Schneider weiß, wie wichtig die authentische Darstellung der regionalen Lebenswelt für jeden Film und jede Serie ist – er stand schon für »Tatort«-Folgen aus Leipzig, Bremen, Berlin, Konstanz und Köln vor der Kamera. Nur klappt das mit der authentischen Darstellung nicht immer: »Ich hab mal in einem Film gespielt – siebziger Jahre in der DDR – und ein Typ fragt: ›Wollen wir uns Viertel nach drei treffen?‹«, berichtet er. »Ich habe erlebt, dass man ganze Dialoge umschreiben musste, weil kein Mensch dort so gesprochen hat.« Die Veranstaltung, bei der diese Anekdote fällt, trägt den passenden Titel »Man spricht ostdeutsch«. Unter diesem Motto kamen Filmschaffende im November im Cineding zusammen, um über die Repräsentation des Ostens im deutschen Film und Fernsehen zu sprechen.

Eingeladen hatte die Initiative Netzwerk Quote Ost, die sich im Herbst 2023 gebildet hat und auf ein großes Problem hinweist: Der Osten Deutschlands und seine vielfältige Wirklichkeit findet in Film und Fernsehen entweder gar nicht statt – oder wird verzerrt und stereotypisiert. Die Entscheider der Film- und Medienbranche sind meistens Westdeutsche, die das Problem entweder nicht sehen oder nicht angehen. Einen offenen Brief der Initiative haben über 100 Branchenmenschen unterzeichnet, darunter Leander Haußmann, Milan Peschel und der Regisseur und Mitinitiator Jochen Alexander Freydank (»Tatort«, »Polizeiruf«).

Die ostdeutsche Bevölkerung mache etwa 20 Prozent Deutschlands aus, der Anteil dieser Gruppe auf Entscheiderpositionen in der Medienbranche liege aber gerade mal bei sieben Prozent – »ganz klar eine strukturelle Benachteiligung«, heißt es in dem Brief. »Filme und die Geschichten, die erzählt werden, sind eben oft aus diesem Außenblick. Es sind die von außen, die dann auch mal was über die da machen, die hier in Leipzig oder in Rostock wohnen«, erklärt Freydank.

Der Regisseur, der für seinen Kurzfilm »Spielzeugland« 2009 den Oscar erhielt, sieht in der fehlenden Repräsentanz aber nicht nur ein Problem für die Branche, sondern auch Folgen für die Gesellschaft. So seien beispielsweise die Erfahrungen der Wende und der folgenden Transformation filmisch nicht ausreichend erzählt worden, was dazu beitrage, dass Ostdeutsche sich nicht gesehen fühlen und dann »eine Partei, die eigentlich gar keine Lösungen anbietet, so viel gewählt wird im Osten«, denkt Freydank.

Die Initiative sei schon bei Expertengesprächen dabei, wolle aber sowohl politisch als auch in der Branche noch mehr Einfluss nehmen. Die Forderungen: eine dem Bevölkerungsanteil entsprechende Quote für Ostdeutsche in verschiedenen Entscheidungspositionen (wofür Findungskommissionen eingesetzt werden sollen) sowie mehr Filme und Serien, die im Osten gedreht werden – Sender und Institutionen sollen für das Thema spezielle Ansprechpartner bereitstellen.

Die Ursachen für die fehlende ostdeutsche Sichtbarkeit sind vielfältig: Ostdeutschen Akteuren fehle es etwa oft an Netzwerken, bei der Gründung von Produktionsfirmen auch an Geld. Den meist westdeutschen Verantwortlichen fehle hingegen oft ein Problembewusstsein. »Es gibt dieses: Brauchen wir nicht noch irgendwas über den Osten?«, sagt Freydank. »Und die Umsetzung ist ganz oft hilflos und auch ein bisschen fragwürdig.«

Dabei hat zumindest Peter Schneider auch erlebt, dass das ostdeutsche Leben authentisch abgebildet wurde, etwa im Polizeiruf Halle. Inhaltlich verantwortlich für diesen: der Leipziger Regisseur Thomas Stuber und der Leipziger Autor Clemens Meyer. »Das war eine glückliche Fügung, es hat Preise gegeben, ich weiß gar nicht, warum man so etwas absetzt«, zeigt sich Schneider ratlos über den MDR. »Vielleicht ist es denen auch einfach scheißegal.« Der Sender erklärte dazu, die Produktion sei von Beginn an als Trilogie konzipiert gewesen.

Ironischerweise hat ausgerechnet ein US-amerikanisches Unternehmen sein Herz für den Osten entdeckt: Netflix hat gemeinsam mit dem Produzentenverband Producers of Germany vom 25. bis 28. November in Zeitz einen Workshop für Filmemacherinnen und -macher mit dem Ziel veranstaltet, ostdeutsche Perspektiven sichtbar zu machen. Dessen 28 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wollen in den nächsten Monaten mit der Branche weiter in Austausch treten. »Wir sind überzeugt, dass die neuen, überraschenden Geschichten gerade aus bislang unterrepräsentierten Perspektiven erzählt werden können«, sagt Julia Piaseczny, Projektverantwortliche bei Netflix. Jochen Freydank hätte so ein Angebot gern von einem öffentlich-rechtlichen Sender gesehen und kritisiert: »Ihr könnt euch doch nicht diese Themen aus der Hand nehmen lassen.«


> www.quote-ost.de


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