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Stadtleben

Freie Fahrt nur für Autos

Der Schneefall in Leipzig schränkt vor allem Menschen ohne Autos ein

  Freie Fahrt nur für Autos | Der Schneefall in Leipzig schränkt vor allem Menschen ohne Autos ein  Foto: Winter am Wilhelm-Leuschner-Platz/Maika Schmitt


Knapp acht Zentimeter Schnee sorgten in der Nacht von Sonntag auf Montag dafür, dass am Wochenanfang der Weg zur Arbeit oder zur Schule wesentlich länger dauerte als sonst. Ähnlich wie Anfang Januar, als sogar bis zu 13 Zentimeter Schnee fielen, war kaum Durchkommen auf Straßen und Fußwegen. Während sich die einen freuen, bedeutet es für andere Menschen massive Einschränkungen. So erzählt es Steven Wallner vom Leipziger Verein Leben mit Handicaps. Er ist selbst teilweise auf dem Rollstuhl angewiesen und auf die Frage, wie gut man sich auf Rädern derzeit in Leipzig bewegen kann, antwortet er bestimmt: »Sehr schlecht!«. Selbst wenn Straßen geräumt werden, wird der aufgeschobene Schnee spätestens an Fußgängerüberwegen zum Problem. Für viele Menschen, die auf Rollstühle oder Rollatoren angewiesen sind, wird der Bewegungsradius durch den Schnee extrem eingeschränkt. Modifikationen an den Rollstühlen wie Wheelblades, also kleine Kufen, oder Winterreifen erleichtern das Vorankommen, werden aber nicht immer von der Krankenkasse übernommen werden. »Für Menschen, die normalerweise selbständig mit dem E-Rollstuhl auf die Arbeit fahren, ist es gerade schwer, weil alle Fahrdienste ausgebucht sind«, berichtet Wallner. Auch beim Einkauf hat derzeit schlechte Chancen, wer keine Assistenz oder anderweitige Unterstützung hat. »Ehrlich: Ich bin wirklich froh, wenn der Winter vorbei ist«, fasst es Wallner zusammen.

In Leipzig sind unterschiedliche Stellen für den Winterdienst zuständig. Auf den Straßen ist es die Stadtreinigung, die mit 21 großen Räum- und Streufahrzeugen sowie 26 kleinen Streufahrzeugen im Stadtgebiet unterwegs ist. Bei Schneefall wie in den letzten Tagen werden zuerst die großen Hauptverkehrsadern wie die Prager, die Wundt- und die Merseburger Straße geräumt und gestreut. Erst danach sind die kleineren Straßen dran.

»Sie können sich vorstellen, dass das eine Sisyphus-Arbeit für unsere Kollegen ist, wenn es so viel schneit, wie in den letzten Tagen und immer neuer Schnee kommt oder breit gefahren wird«, sagt Marc Backhaus von den Leipziger Verkehrsbetrieben. Das Unternehmen ist teilweise für die Räumung von Haltestellen verantwortlich. Grundsätzlich versuchen die Mitarbeitenden der LVB die stark frequentierten Haltestellen in der Innenstadt zuerst zu räumen und arbeiten sich dann sternförmig an den Stadtrand. »Gerade bei solchem Wetter wird der ÖPNV verstärkt nachgefragt, rege genutzt und wir versuchen, Störungen schnell zu beseitigen und gegebenenfalls die Infrastruktur schnellstmöglich zu reparieren«, erzählt Backhaus. Vor allem Weichen seien sehr anfällig, dafür und auch für die Räumung seien deshalb gerade alle verfügbaren Mitarbeitenden im Einsatz. »Der Winter ist nicht die Schuld der LVB oder der Stadt. Das ist eine Herausforderung für alle, insbesondere für mobilitätseingeschränkte Menschen«, wirbt Backhaus für eine stadtgesellschaftliche Perspektive.

Denn oft sind weder die Stadtreinigung noch die Leipziger Verkehrsbetriebe für die Räumung der Haltestellen und der Fußwegen zuständig, sondern die Anlieger. Wer dieser Pflicht nicht nachkommt, muss mit einer Geldbuße von 500 Euro rechnen. Die Leipzigerinnen und Leipziger kämen der Räumpflicht aber grundsätzlich nach, heißt es von der Stadt. Eine statistische Erhebung, wie oft Bußgelder verordnet werden, gibt es allerdings nicht.

Doch wohin mit dem geräumten Schnee? Der sorgt dann für weitere Probleme. Etwa, wenn er Barrieren an Überwegen bildet, die für mobilitätseingeschränkte Menschen ein weiteres Hindernis darstellen. Oder auf Fahrradwegen landen. Denn die werden auch im Winter weiterhin genutzt. Am Montag verzeichneten die Zählstellen der Stadt gut 7000 Menschen, die mit dem Rad unterwegs waren. Dass auf den Radwegen häufig der geräumte Schnee landet, bestätigt auch die Stadtreinigung. Schnee werde am äußersten Fahrbahnrand abgelegt, das betreffe also oft Fahrradwege. Langfristig sollen laut Stadtreinigung auch die wichtigen Radverbindungen im Winter geräumt werden. Dazu brauche es aber zuerst eine Analyse der bestehenden Wege, ob sie breit genug für Räumfahrzeuge und hindernisfrei sind. Eigentlich sind Kommunen vom Bundesgerichtshof dazu verpflichtet, »verkehrswichtige« Radwege zu räumen. » Für Radfahrende und Fußgänger:innen sind ungeräumte Wege deutlich gefährlicher als für Menschen im Auto«, sagt Anne Hutschenreuter vom ADFC. Solange diese aber nicht geräumt sind, darf man mit dem Rad auch die geräumte Straße benutzen. Darüber hinaus rät der ADFC, bei Fahrten im Winter den Reifendruck zu verringern und den Sattel nach unten zu stellen, um im Notfall mit den Füßen einfacher den Boden erreichen zu können. Grundsätzlich gelte: vorausschauend und defensiv zu fahren und lieber mit dem Hinterrad zu bremsen, da sich dieses bei einer Blockade leichter kontrollieren lässt. Auf Glatteis sollte man möglichst aufs Lenken und Bremsen verzichten und das Rad besser ausrollen lassen.

Für die kommenden Tage ist kein Niederschlag mehr gemeldet, die Temperatur wird allerdings weiter im Minusbereich bleiben.


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