anzeige
anzeige
Kultur

Großes Kino

Die Kinostarts der Woche

  Großes Kino | Die Kinostarts der Woche  Foto: spok films


Eine Retrospektive für den Großmeister des Films darf schon mal drei Monate dauern. Im Februar sind nun die letzten beiden Filme der Werkschau Stanley Kubrick zu sehen. Die Passage konzentriert sich bei ihrer Auswahl auf seine Literaturverfilmungen. Am 2.2. ist das die bahnbrechende Adaption von Arthur C. Clarkes »2001«. Am 16.2. findet die Reihe mit Nabokovs »Lolita« von 1961 ihren würdigen Abschluss.

»Stanley Kubrick Retrospektive«: 2., 16.2., 20:30 Uhr, Passage-Kinos (OmU)


Der kreuzer-Klassiker entführt uns im Februar in den Provinzkosmos des winterlichen North Dakota. »Fargo«, die brillante schwarze Krimisatire der Coen-Brüder gibt es zum 30. Geburtstag nochmal in Groß und mit einer kurzen Einführung.


»Fargo«: 04.02. 19:00, Luru-Kino in der Spinnerei (kreuzer-Klassiker, mit Einführung, OmU)

Masha hat gerade einen Suizidversuch hinter sich. An einer Modelschule in Belarus ist die unnahbar Wirkende der Liebling der Chefin, wird deswegen von der Konkurrenz getriezt. Masha findet Misha, einen tätowierten, introvertierten Leichen-Präparator, der auch explizit morbide Bilder über seine Arbeit malt und bei seiner Mutter wohnt. Aus ihrer jeweiligen Einsamkeit tasten sie sich zu einem Gemeinsamen. Dieses vorsichtige, aber dennoch aufgeladene Annähern wird umwebt von einer facettenreichen Licht- und Musikdramaturgie. Die Authentizität ist quasi fühlbar, denn die (Laien)-Darsteller spielen mehr oder weniger sich selbst. Dates laufen bei der sich anbahnende Romanze aber teils so ab: Detailgetreu und eindringlich erklärt Misha, wie er bei einer Toten die Kopfhaut präparieren würde – und Misha lauscht gebannt. Das Liebesspiel der Protagonisten wird am Ende nicht ganz so variantenreich wie das der Schnecken – letzteres wird auch im Film symbolisch-effektvoll eingesetzt. Der schneckenhaft behutsam gleitende Bilderreigen streckt seine Fühler thematisch unter anderem in Richtung Vergänglichkeit, Ästhetik, aber auch Spiritualität – etwa erfahrbar durch die Eso-Exorzistin, die der weiter suizidalen Masha den Dämon aus dem Unterbauch treiben soll. »White Snail« vermeidet jeglichen Kitsch und Ballast, bleibt aber leider auch etwas spannungsarm und verschenkt am Ende Potenzial. MARKUS GÄRTNER

»White Snail«: ab 29.1., Passage-Kinos, Schaubühne Lindenfels


Nahaufnahmen von Augen, Mündern, Ohren, Fingern, die an Haarsträhnen spielen. Dazu der glockenhelle Gesang der Mädchen. Lucías Blick gleitet durch den Raum. Die 16-jährige ist eine Träumerin. Minutenlang fixiert sie den Olivenbaum im Hof des Konvents, während die anderen Mädchen hinter ihr tuscheln. Sie ist mit ihren Mitschülerinnen auf einer Chorfahrt, angeführt von ihrem autoritären Musiklehrer. In der Abgeschiedenheit unter den Nonnen sollen sie die Kantaten einstudieren, doch vor allem die Vorlaute Ana-Marija hat andere Dinge im Kopf und stiftet Lucía dazu an, die schwitzenden, kräftigen Hilfsarbeiter auszuspionieren. Fasziniert von Lucías Unschuld verführt sie ihre Mitschülerin dazu, die strengen Regeln zu brechen und zu ihrem ersten Kuss. Die chaotische Gefühlswelt heranwachsender Mädchen und ihr sexuelles Erwachen fasst die slowenische Regisseurin Urska Djukic in einen sinnlichen, rauschhaften Film. Die Kamera von Lev Predan Kowarski fängt die Wahrnehmung Lucías in intensiven Bildern ein. Dazu der betörende Gesang, der von den alten Mauern widerhallt – »Little Trouble Girls«, der seine Premiere im Encounters-Wettbewerb der Berlinale feierte und dort den Preis der internationalen Filmkritik gewann, ist ein förmlich fühlbarer Film. Die Leistungen der jungen Hauptdarstellerinnen, die hier zum ersten Mal vor der Kamera standen, sind bemerkenswert. Auf die Monotonie und Langsamkeit dieser Sommertage muss man sich allerdings einstellen.

»Little Trouble Girls«: ab 29.1., Passage-Kinos, Luru-Kino in der Spinnerei


Es fängt an mit Lachen, das überfordert klingt. »Wer ist diese Lady, ist sie Jüdin, ist sie Iranerin, ist sie Araberin?«, spricht Noam Shuster Eliassi die Fragen in den Köpfen des Publikums aus. »Sollte ich sie boykottieren?« Die jüdische Stand-up-Comedian spielt mit der Komplexität ihrer Identitäten, wenn sie ihre Comedyshow »Coexistance, My Ass!« auf Arabisch beginnt, dann zu Englisch wechselt, Farsi, Hebräisch. In Jerusalem werde sie oft für eine Palästinenserin gehalten. Schade, der israelische Soldat wolle am Checkpoint nicht mit ihr flirten, nur ihren Perso sehen. Vor ihrem palästinensischen Publikum sagt sie: Keine Sorge, sie sei nur für sieben Minuten gekommen, nicht für 70 Jahre.

Die Fähigkeit, an der Grenze des Sagbaren entlangzulaufen, dafür ist Humor bekannt. Noam nutzt sie, um Bewusstsein zu schärfen, politische Realitäten in Israel und Palästina zu ändern. Desillusioniert von klassischeren Formen des Friedensaktivismus bei der UN, verlagerte sie nach und nach ihre politische Arbeit in Punchlines. Mit Erfolg, wie die kanadisch-libanesische Regisseurin Amber Fares dokumentarisch festhält. Noam trat 2019 als erste jüdische Künstlerin beim Palestine Comedy Festival auf, Harvard fragte sie für eine Zusammenarbeit an. Sie sagte zu – unter der Bedingung, dass ihre Show den Titel »Coexistance, My Ass!« trägt.

Was anfangs die Prätention der »Friedensindustrie« auf die Schippe nehmen soll, drängt sich Noam und dem Publikum im Laufe des Films mehr und mehr als kaum schluckbare Wahrheit auf. Dabei ist sie selbst in jener Quasi-Utopie der »Coexistance« aufgewachsen. Wahat al Salaam/Neve Shalom zwischen Jerusalem und Tel Aviv – »Oase des Friedens« – ist das einzige Dorf weltweit, in dem rund 300 palästinensische und jüdische Menschen freiwillig zusammenzogen. Darunter auch Noams iranisch-jüdische Mutter und rumänisch-jüdischer Vater. Doch selbst dort holt sie die Grenze zwischen Palästina und Israel ein: Ab der sechsten Klasse werden die Jugendlichen in der Schule getrennt, ihr Vater geht mehrmals ins Gefängnis dafür, den Wehrdienst bei der israelischen Armee zu verweigern, auch Noam wird von der Armee angeworben, wegen ihres exzellenten Arabisch. Anders als die meisten Gleichaltrigen weigert sie sich. Immer wieder holt sie sich den Titel einer Verräterin ein, wenn sie auf der Straße oder in Bildschirme sagt: wahre Demokratie ist nur ohne Okkupation möglich.

In der Verflechtung persönlicher und politischer Geschichte zeigt der Film fünf der schwersten Jahre für die, die an die Vision der Gleichberechtigung geglaubt haben: Leute wie Noam. Auf israelischen Demos gegen die neuformierte rechtsextreme Regierung zur sechsten Amtszeit von Benjamin Netanyahu 2022 erfährt sie, dass die Protestierenden nur für die Rechte der Israelis kämpfen. In den Nachrichten sieht sie immer wieder tödliche Ausschreitungen gegen Palästinenserinnen und Palästinenser in gemischten Städten. Besonders eindrücklich ist eine Autofahrt-Szene mit dem befreundeten Elad. Trocken erzählt er, dass Steine auf Autos von palästinensische Menschen zu werfen das »Ding« seiner Jugendclique war. Erst als er bei einem Job in der Pizzeria palästinensische Kollegen kennenlernte, habe sich seine Sicht auf die Dinge geändert. »Ich hab gemerkt, das sind Menschen wie ich. Das hat mein Leben geändert«, sagt er, Noam schweigt.

An der schmalen Grenze zwischen Weinen, Lachen, Schweigen arbeitet sich der Film unermüdlich ab. Und manchmal verschwindet sie völlig. Etwa als Noam in einem »Corona-Hotel« in Jerusalem landet, in dem palästinensische und jüdische Menschen unfreiwillig in Quarantäne zusammensitzen, Zumba tanzen und Essen teilen. Die Szene ist so abgrundtief simpel und absurd, dass man lange lachen und weinen möchte. Viel Zeit lässt der Film dafür nicht. Ab dem 7.Oktober 2023 klafft nur noch eine offene Wunde. Zwischen Beerdigungen von ermordeten Freundinnen durch den Hamas-Angriff und unaufhaltsamen Bombenabwürfen über Gaza bricht Noam zusammen. »Die Regierung lässt uns keine Zeit, um zu verarbeiten, was passiert«, sagt sie und greift dem Publikum abermals vor. YI LING PAN

»Coexistance, My Ass«: 4.2., Passage-Kinos, 5.2., Schaubühne Lindenfels


Weitere Filmtermine der Woche

Das Ungesagte
D 2025, Dok, R: Patricia Hector, Lothar Herzog, 143 min

Die meisten Deutschen, die damals für das NS-Regime waren, haben nach 1945 nie wieder über diese Zeit gesprochen. In fast allen deutschen Familien war das Thema tabu. Ein Film über das Ungesagte.

Cinémathèque, 29.01. 19:00 (mit Regiegespräch, OmeU)


Compassion and Inconvenience & resonance in resistance
D 2024, Dok, R: Vika Kirchenbauer, 30 min

In ihrer essayistischen Videoarbeit bezieht sich Vika Kirchenbauer auf die ersten öffentlich zugänglichen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst im London der Mitte des 18. Jahrhunderts.

UT Connewitz, 29.01. 20:00 (im Rahmen von »Paradoks«, Screening und Gespräch mit den Künstlerinnen Binha Haase und Vika Kirchenbauer)


Eine Revolution – Aufstand der Gelbwesten
F 2021, Dok, R: Emmanuel Gras, 104 min

Doku über die französische Gelbwesten-Bewegung.

Cineding, 29.01. 19:00 (OmU, Reihe »Gewerkschaftskino«)


Electronic Body Movie
GB/D/I 2024, Dok, R: Pietro Anton, 61 min

Der Dokumentarfilm erzählt die Geschichte der EBM – Electric Body Music.

Cineding, 30.01. 21:00, 31.01. 19:00 (»Unterschall-Fest 2026« mit Gespräch)

Iron Lung
USA 2026, R: Mark Fischbach, D: Mark Fischbach, Elle LaMont, Seán McLoughlin, 127 min

In einer postapokalyptischen Zukunft, in der alle bewohnbaren Planeten des Universums vernichtet sind, begibt sich einer der wenigen Überlebenden mit einem U-Boot in einen mysteriösen Blut-Ozean auf einem fernen Mond.

Cinestar, 30.01. 22:30 (OF)

2001: Odyssee im Weltraum
USA/GB 1968, R: Stanley Kubrick, D: Keir Dullea, Gary Lockwood, William Sylvester, 141 min

Wegweisender philosophischer Sci-Fi-Klassiker von Stanley Kubrick nach dem Roman von Arthur C. Clarke.

Passage-Kinos, 02.02. 20:30 (Literatur trifft Film, mit Einführung, OmU)

Anatomie eines Falls
F 2023, R: Justine Triet, D: Sandra Hüller, Swann Arlaud, Milo Machado Graner, 150 min

Die deutsche Autorin Sandra Voyter gerät unter Verdacht, ihren Ehemann ermordet zu haben. Der einzige Zeuge ist ihr 11-jähriger blinder Sohn. Der Gerichtsthriller gewann bei den Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme.

Cinémathèque, 01.02. 20:15 (OmU, Tatorte)

Audre Lorde – The Berlin Years 1984–1992
D 2012, Dok, R: Dagmar Schultz, 81 min

Der Film erkundet den Einfluss der Aktivistin Audre Lorde auf die deutsche politische und kulturelle Szene während eines Jahrzehnts des grundlegenden sozialen Wandels. Und darüber hinaus die Bedeutung von Lordes Erbe, das Afro-Deutsche ermutigte, sich selbst innerhalb einer Kultur sichtbar zu machen, in der sie bisher isoliert und ohne Stimme waren.

Ost-Passage-Theater, 04.02. 19:00 (Black History Month, OmU)

Coexistence, My Ass!
USA/F 2025, Dok, R: Amber Fares, 99 min

Porträt der israelischen Komikerin und Aktivistin Noam Shuster-Eliassi.

Passage-Kinos, 04.02. 18:15 (OmU, Preview)

Drei Kilometer bis zum Ende der Welt
RO 2024, R: Emanuel Parvu, D: Bogdan Dumitrache, Ciprian Chiujdea, Laura Vasiliu, 105 min

In einer konservativen Gemeinde im Donaudelta kollidiert die Selbstfindungsreise eines schwulen Teenagers mit den traditionellen Werten, die seine Eltern und Nachbarn aufrechterhalten.

Cinémathèque, 04.02. 19:30 (In die Walachai, mit Einführung, OmU)

Falsche Bekenner
D 2004, R: Christoph Hochhäusler, D: Constantin von Jascheroff, Manfred Zapatka, Victoria Trauttmansdorff, 94 min

Ein junger Mann gesteht Taten, die er nicht begangen hat.

Cineding, 05.02. 19:00 (Reihe Grenzgänger)

Fargo
USA 1996, R: Ethan Coen, Joel Coen, D: Steve Buscemi, Frances McDormand, Peter Stormare, 94 min

Brillante schwarze Krimisatire der Coen-Brüder aus dem Provinzkosmos des winterlichen North Dakota.

Luru-Kino in der Spinnerei, 04.02. 19:00 (kreuzer-Klassiker, mit Einführung, OmU)

Im Staub der Sterne tipp
DDR 1976, R: Gottfried Kolditz, D: Leon Niemczyk, Jana Brejchová, Ekkehard Schall, 95 min

Zeitgeschichtliches Forum

Utopischer SF-Film aus den DEFA-Studios, dessen angestrebte Gleichnishaftigkeit und psychologische Ausrichtung durch einige vordergründigen Schaueffekte etwas überdeckt wird.

02.02. 19:00 (Reihe: Babelsberg statt Hollywood – 80 Jahre DEFA)

Kurzfilmprogramm für Erwachsene

Gezeigt werden die Filme »I Am a Flower«, »Kafana na Balkanu – Balkan, Baby«, »On Hold«, »Mücken nervern Leute«, »Yallah Habibi« und »A Simple Fucking Gesture«.

Kinobar Prager Frühling, 04.02. 18:00

Lonig und Havendel
D 2025, R: Claudia Tuyết Scheffel, D: Tri An Bui, Nano Nguyen, Volker Scheffel, 116 min

In ihrem Debütfilm erzählt Claudia Tuyết Scheffel von Fremdheit, Alltagsrassismus und familiärem Erwartungsdruck im Erzgebirge.

Kinobar Prager Frühling, 04.02. 18:00

Lost Highway
USA 1997, R: David Lynch, D: Bill Pullman, Patricia Arquette, Balthazar Getty, 135 min

David Lynchs Werk ist sicherlich nicht arm an Merkwürdigkeiten und unlösbaren Rätseln. Mit diesem faszinierenden Thrillerdrama, in dem urplötzlich Rollen von anderen Darstellern als zuvor gespielt werden, hat der Mitte Januar 2025 verstorbene Regisseur sich aber selbst übertroffen – wer hier nichts versteht, muss sich dafür nicht schämen.

Regina-Palast, 03.02. 18:00 (Best of Cinema, OF), 20:00 (Best of Cinema), Cinestar, 03.02. 19:30 (Best of Cinema), Cineplex, 03.02. 20:00 (Best of Cinema)

Luru Archive: Mondo Cannibale / Lebendig gefressen
I 1972/1980, R: Umberto Lenzi, D: Ivan Rassimov, Me Me Lay, Prasitsak Singhara / Robert Kerman, Janet Agren, Ivan Rassimov, 182 min

Zwei vor allem wegen ihrer realen Tiertötungen umstrittene Kannibalenstamm-Machwerke des italienischen Regisseurs Umberto Lenzi.

Luru-Kino in der Spinnerei, 02.02. 20:00


The Zone of Interest
USA/GB/PL 2023, R: Jonathan Glazer, D: Sandra Hüller, Christian Friedel, Freya Kreutzkam, 105 min

Schmerzhaft realistisch schildert Regisseur Jonathan Glazer den Alltag der Familie eines Nazi-Kommandanten in Auschwitz. Eiskalt überragend: Sandra Hüller.

Zeitgeschichtliches Forum, 03.02. 19:00 (Wissenschaftskino mit einem Nachgespräch mit Axel Doßmann)

Ungeduld des Herzens
(D 2025)

Ein intensives Psychodrama über die Sehnsucht nach Nähe, die Grenzen von Empathie und die Unmöglichkeit, für andere zu leben. Frei Stefan Zweigs Roman.

Schaubühne Lindenfels, 06.02. 20:30 (Filmgespräch mit Hauptdarstellerin, Reihe Newcomer)

Fargo
USA 1996, R: Ethan Coen, Joel Coen, D: Steve Buscemi, Frances McDormand, Peter Stormare, 94 min

Brillante schwarze Krimisatire der Coen-Brüder aus dem Provinzkosmos des winterlichen North Dakota.

Luru-Kino in der Spinnerei, 04.02. 19:00 (kreuzer-Klassiker, mit Einführung, OmU)


Kommentieren


0 Kommentar(e)