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Stadtleben

Familienleben mit ADHS

Sina Nieberle erhielt ihre Diagnose erst als Erwachsene und Mutter eines Kindes

  Familienleben mit ADHS | Sina Nieberle erhielt ihre Diagnose erst als Erwachsene und Mutter eines Kindes  Foto: Christiane Gundlach


Als Sina Nieberle über ihr Leben mit der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) spricht, stehen ihr Tränen in den Augen. Die 36-jährige Mutter lebt seit 2022 mit der Diagnose ADHS, die Krankheit selbst begleitet sie jedoch bereits seit ihrer Kindheit. Ein zentrales Kriterium für die Diagnose im Erwachsenenalter ist, dass die Symptome bereits vor dem siebten Lebensjahr aufgetreten sind.

Rückblickend erkennt die Leipzigerin viele typische Anzeichen. »Ich glaube, ich hatte ein ziemlich typisches Leben, also mit ganz vielen Extremen, irgendwie auch in jede Richtung«, sagt sie. In der Schule geriet sie immer wieder mit Lehrerinnen und Lehrern aneinander, galt als intelligent, aber auch als faul. Als eine Schulpsychologin in der dritten Klasse erstmals den Verdacht auf ADHS äußerte, blieb es bei dieser Einschätzung – Nieberles Eltern gingen dem Hinweis nicht weiter nach. Erst zwei Jahrzehnte später, während ihrer Diagnostik, erfährt Sina Nieberle, dass ADHS schon einmal Thema war.

Der Weg zur Diagnose war lang: drei Jahre. Sie berichtet, dass nicht alle Psychologinnen und Psychologen Diagnostiken durchführen, wodurch die Wartezeiten sehr lang seien. Aufgrund der sehr hohen Nachfrage schreibt auch die Ambulanz der Uniklinik für Erwachsene mit einer ADHS aktuell keine weiteren Patientinnen und Patienten auf die Warteliste.

ADHS galt lange Zeit als reine Kinderkrankheit und man nahm an, die Störung »wachse sich aus« mit dem 18. Lebensjahr. Erst seit den neunziger Jahren ist in Deutschland auch eine reguläre rückwirkende Diagnostik für Erwachsene möglich. Für Kinder gab es bereits seit den siebziger Jahren den Diagnoseschlüssel »Hyper­kinetisches Syndrom des Kindesalters«. Heute ist klar: ADHS verschwindet nicht. Viele Betroffene tragen ihre Schwierigkeiten auch im Erwachsenenalter mit sich – oft ohne zu wissen, warum ihnen manches schwererfällt als anderen. »Die Grundsymptome sind die gleichen, sie zeigen sich nur anders«, erklärt Maria Strauß, Oberärztin an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Leipziger Uniklinik. Während Hyperaktivität und Impulsivität bei vielen Erwachsenen nachlassen und sich beispielsweise durch Gedankenrasen oder innere Unruhe häufig nach innen kehren. Was aber bleibt, ist das Aufmerksamkeitsproblem.


Seltene Diagnosen bei Mädchen

Und noch einmal unterscheiden sich die Symptome, wenn man Frauen und Männer vergleicht. Besonders Frauen erhalten die Diagnose oft spät. ADHS werde bei Mädchen bis heute zu selten erkannt, sagt Georg von Polier, der Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik. Das liege auch daran, dass ADHS häufig mit dem Bild eines herumzappelnden Jungen verbunden werde, Mädchen zeigen allerdings häufig andere Symptome, wie innere Unruhe oder starke emotionale Schwankungen. Viele Diagnoseinstrumente sind aber vor allem auf die äußeren, direkt ersichtlichen Symptome ausgerichtet, wodurch »Mädchen systematisch benachteiligt sind«, so von Polier. Im Erwachsenenalter gleicht sich das Verhältnis der Diagnosen bei Männern und Frauen fast an. Laut Strauß liegt das daran, dass Frauen sich dann selbst Hilfe suchen können, während Kinder auf ihr Umfeld angewiesen sind, das die richtigen Schlüsse ziehen muss.

Auch bei Sina Nieberle führte der Weg zur Diagnose über Umwege. Mit ihrer Schwangerschaft entwickelte sie eine schwere Depression. Erst durch eigene Recherchen und therapeutische Gespräche wurde klar: Die Depression war vermutlich eine Folge der jahrelang unbehandelten ADHS. »Die meisten Erwachsenen, die zu mir kommen, kommen, weil sie im Alltag nicht mehr zurechtkommen«, sagt Oberärztin Strauß.

ADHS hat eine starke genetische Komponente. Laut von Polier liegt sie bei rund 78 Prozent, wobei es allerdings nicht »den einen großen genetischen Faktor gibt, den man adressieren könnte«, vielmehr ist es »eine Vielfalt von genetischen Mutationen und Variationen«. Für den weiteren Verlauf und einen möglichen Leidensdruck seien verschiedene Komponenten und Umwelteinflüsse verantwortlich. Sicher ist: Wer die Diagnose ADHS erhält, hat einen hohen Leidensdruck, wird in bestimmten Lebensbereichen eingeschränkt und hat Probleme, der Gesellschaft mit ihren sozialen, aber auch ökonomischen Anforderungen gerecht zu werden.


Diagnose hilft auch im Erwachsenenalter

Gerade für Eltern kann das auch entlastend sein: Schwierigkeiten mit Konzentration, Organisation oder Gefühlen sind kein Zeichen von mangelnder Disziplin oder Folgen der Erziehung, sondern Teil einer psychischen Störung.

Gedanken an diese Probleme wurden bei Sina Nieberle durch ihre Schwangerschaft besonders präsent – bedeutete diese doch, dass sie von nun an nicht nur sich selbst sicher durchs Leben bringen muss, sondern auch noch einen weiteren Menschen – und dass sie ihre bisherige Strategie nur noch bedingt anwenden kann: Vor der Schwangerschaft sei sie viel gereist, um sich vor den Gefühlen rund ums (Nicht-)Funktionieren im Alltag zu schützen: »Für mich ist es ein Gefühl von Sicherheit, wenn ich gar nicht weiß, was als Nächstes passiert«, erzählt Nieberle. Heute hat sie den Umgang mit ihrer ADHS und der Rolle als Mutter gelernt. Jeden Tag aufs Neue entscheiden sie gemeinsam, was für sie und ihren Sohn das Beste ist. Nach der Schule spielen sie häufig zusammen. Dabei kann sich Nieberle vor allem dann gut auf das Spielen fokussieren, wenn sie bereits einen abwechslungsreichen Tag hatte. Dass solche Muster erkannt und Strategien entwickelt werden können, ist ein Grund, warum eine Diagnose auch für Erwachsene relevant ist: Sie erst ermöglicht eine Therapie und Medikation, die von der Krankenkasse bezahlt werden. Auch Nieberle nimmt Medikamente und macht eine kognitive Verhaltenstherapie, die darauf abzielt, durch Veränderung in Denk- und Verhaltensmustern sowie passenden Strategien für den Alltag psychische Probleme zu bewältigen.

ADHS habe aber nicht nur negative Auswirkungen. Ihr würden oft Dinge auffallen, die andere nicht bemerken, und sie könne sich mit großer Ausdauer in neue Themen vertiefen, erzählt die Leipzigerin. Dieser sogenannte Hyperfokus habe auch Vorteile und ermögliche es, sich gezielt zu spezialisieren, erklärt von Polier das mit ADHS verbundene Phänomen.


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