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Kultur

»Dann zeigte er sein wahres Gesicht«

Alina Cyranek hat für ihren Film »Fassaden« mit Frauen über Gewalterfahrungen gesprochen

  »Dann zeigte er sein wahres Gesicht« | Alina Cyranek hat für ihren Film »Fassaden« mit Frauen über Gewalterfahrungen gesprochen  Foto: Filmstill »Fassaden«/ Rotzfrech Cinema


Es war alles total toll. Es war ein wirklich schönes Kennenlernen und jeder von meinen Freunden und der Familie hat gesagt: Er ist es! Es war wirklich ein Traum. Wir waren unglaublich ineinander verliebt. Jetzt habe ich die Frau fürs Leben gefunden, hat er immer gesagt. Ich habe ihn auch über alles geliebt. Er war wirklich absolut überzeugend. Ich habe mein komplettes Leben für ihn aufgegeben. Ich habe ihm hundertprozentig, ach, tausendprozentig alles geglaubt. Und von da an ging es los. Dann habe ich ihn nicht wiedererkannt. Von da an hatte der mich komplett im Griff.« – Zunächst ist es krankhafte Eifersucht, bald kontrolliert er ihre E-Mails, schließlich mündet es in Gewalt. »Es fing an mit einem Schubser, dann ein Treten, und es wurde immer schlimmer.«

Die Schilderungen der Frauen gleichen sich immer wieder. »Alle Gewaltbeziehungen entwickeln sich exakt nach dem gleichen Muster«, sagt die Filmemacherin Alina Cyranek. »Lediglich die Umstände, die Art der Gewaltanwendung und ihre Intensität variieren.« Jede dritte Frau wird mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von Partnerschaftsgewalt. Jeden Tag wird eine Frau aufgrund ihres Geschlechts getötet. »Die Statistiken sind alarmierend und offenbaren ein strukturelles Problem«, sagt Cyranek. Durch die Ratifizierung der Istanbul-Konvention zur »Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt« im Jahr 2018 wurde Gewalt an Frauen in den Medien häufiger thematisiert. Das zeigt auf erschreckende Weise: Das sind keine Einzelfälle. »Die Zahlen haben mich total schockiert! Dabei wusste ich sehr wenig darüber. Ich wollte vor allem wissen: Welche Strukturen begünstigen das? Also, warum lassen wir das als Gesellschaft zu? Warum kann das überhaupt passieren?« Cyranek nahm Kontakt zu jenen Menschen auf, an die sich betroffene Frauen wenden: Polizistinnen und Polizisten, Ärztinnen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Psychologinnen und Rechtsanwältinnen. »Und natürlich habe ich mit betroffenen Frauen gesprochen.«

Ihr Film »Fassaden« gibt deren Geschichten ungefiltert wieder. Die Worte, welche die Frauen für das Erlebte gefunden haben, bilden das Fundament für die filmische Erzählung. Die Originalzitate aus Gesprächen mit vier betroffenen Frauen werden einfühlsam gesprochen von Sandra Hüller. Sie verkörpert so die Protagonistinnen, deren Erlebnisse unter die Haut gehen. Visuell unterstützt werden die Zeugnisse von Sebastian Webers intensiver Choreografie, in der Gesa Volland und Damian Gmür die Dynamiken der toxischen Beziehungen verkörpern. »Tanz wird als nonverbale Darstellungs- und Ausdrucksform genutzt, um innere Gefühlszustände oder Paardynamiken zu beschreiben«, erklärt Cyranek. »In der Inszenierung des Körpers und seiner Bewegung habe ich die besten Möglichkeiten gesehen, die eigenen physischen Grenzen, Energien, Gefühle, Gedanken, Vorstellungen und Erinnerungen auszuloten, die ohne Worte in Bewegung versetzt werden konnten.« Die damit verbundene Haptik, das Physische, war ihr darüber hinaus für den gesamten Film wichtig und äußert sich auch in der dezent eingesetzten Animation und in der analogen Tongestaltung und Musik von Freya Arde.

Das Paar bewegt sich in einer Blackbox, in der seine Beziehung ausgetanzt wird. Eine reduzierte, bewusst gesetzte Licht- und Kameragestaltung von Tim Pfautsch dringt zum Kern vor, was zwischen den beiden passiert. Dazwischen Bilder von friedlichen Fassaden deutscher Wohnsiedlungen, die im Kontrast stehen zu den erschreckenden Schilderungen aus dem Off. Unterbrochen wird die mitunter schwer erträgliche Erzählung von Interviews, in denen Fachleute Auskunft geben über ihre Erfahrungen, Abläufe und Regeln. So entsteht ein guter Eindruck von dem System, das greift, wenn Frauen Gewalt erfahren.

Mit ihrem Film war Cyranek bereits auf vielen Festivals, wie dem Exground, dem Neiße-Filmfestival und dem Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern. Bei den Gesprächen mit dem Publikum habe sie festgestellt, dass vielen tatsächlich gar nicht klar sei, wie tief verwurzelt Gewalt in unserer Gesellschaft ist: »Dabei kennen die meisten in ihrem Umkreis Betroffene. Nach einer Vorführung kam ein älterer Herr, über 70, der sagte, dass ihm eigentlich erst jetzt klar geworden sei, was seiner Mutter widerfahren ist und auch was seiner Schwester widerfahren ist. Das zeigt, dass diese Muster sich in Familien häufig durchziehen. Da war eine relativ junge Frau, die sagte, der Film habe sie veranlasst, selbst tatsächlich zum ersten Mal darüber zu sprechen, was ihr widerfahren ist. Das ist sehr bewegend und gut und wichtig. Also wenn man ein Menschenleben retten kann durch diesen Film, finde ich, hat es sich gelohnt.«

> »Fassaden« (D 2025, R: Alina Cyranek, 87 Min.) ab 12.2., Luru-Kino in der Spinnerei, Passage-Kinos, Schaubühne Lindenfels, am 20.2. mit Filmgespräch


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