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Kultur

»Meine Fans sind cooler«

Nils Keppel im Gespräch über sein Debütalbum »Super Sonic Youth«

  »Meine Fans sind cooler« | Nils Keppel im Gespräch über sein Debütalbum »Super Sonic Youth«  Foto: Christiane Gundlach

Nach Jahren zwischen Konzerten, Clubnächten und post-pandemischer Unschärfe hält der Leipziger Nils Keppel inne und liefert ein Debütalbum, in dem sich die vergangene Zeit wie ein Nachhall festgesetzt hat: »Super Sonic Youth« trägt die Spuren einer zu schnell gelebten Jugend in sich. Mit rauen Riffs und organischen Drums ist es ein rohes Post-Punk-Album und zugleich ehrliches Porträt einer Generation zwischen Ängsten, Hedonismus und den Fängen ihrer Zeit. Wir haben mit Nils Keppel über sein Debütalbum gesprochen. 

Woher kommt das Gefühl, dass Sie Ihre Jugend zu schnell gelebt haben?

Anfang 20 zu sein ist so eine intensive Zeit – wenn die vorbei ist, hat man immer das Gefühl, dass alles zu schnell war oder dass man nicht aufmerksam genug gelebt hat. In Zeiten, in denen man so mit Content von überall zugeballert und Musik zu einem Hintergrundrauschen wird, macht man sehr wenig bewusst. Auf dem Album geht es nicht darum, dass ich es nicht getan habe, sondern darum, diesen bewertenden Blick zu erkennen. Wo habe ich vielleicht was verpasst? Wo habe ich alles rausgeholt? Im Tour- und Festivalleben gab es einfach so viele extrem hohe Hochs und dazwischen extrem tiefe Tiefs, dass sich der Nullpunkt aufgelöst hat. Wenn ich nach so einem intensiven Wochenende heimkomme, dann ist alles auf null und fühlt sich eher schlecht an, weil sich meine Erwartungshaltung so verschoben hat. 


Nach zahlreichen EPs und Singles kommt am 13. Februar das Debütalbum raus. Wann wussten Sie, dass es Zeit für ein Album ist? 

Nach meiner Tour 2024 war ich erst mal in einer Starre und habe zwei Monate lang keine Gitarre angerührt. Dann kamen nach und nach Demos zusammen und ich habe gemerkt: Das ist gerade das erste Mal in meinem Leben, dass ich so viele Songs schreibe und alle mag. Ende 2024 hatte ich alles fertig geschrieben und habe 2025 komplett damit verbracht, es auszuproduzieren. Mir war es wichtig, unbedingt einmal eine eigene Schallplatte in den Händen zu haben. Ich will nicht, dass meine Musik und meine Kunst nur dann greifbar sind, wenn man sie sich im Internet anhört. 


Gibt es bestimmte Einflüsse oder Inspirationen für das Album, musikalisch oder auch darüber hinaus?

Es wird ja immer NNDW gesagt. Ich bin davon ein bisschen irritiert, weil ich nie vorhatte, etwas zu reproduzieren oder eine Hommage an etwas zu machen. Natürlich arbeite ich mit Referenzen, aber das passiert unterbewusst. Es hat viel Einfluss, was ich zu der Zeit höre. Damals waren das The Horrors, Sonic Youth, aber auch Slowdive, Beach House und Messer. Als ich mir das Album dann angehört habe, dachte ich, spätestens jetzt wird man aufhören, NNDW dazu zu sagen. Das klingt ja jetzt nicht nach Hubert Kah. Aber ich glaube, das bekomme ich nicht mehr los.


Der Song »Raus in die Welt« ist ein Feature mit der Musikerin Lilli Belle. Wie kam es zur Zusammenarbeit?

Lilli und ich kennen uns noch von früher aus Soundcloud-Zeiten. Sie ist öfter für Linus eingesprungen, der bei mir in der Band Synth spielt. Bei »Raus in die Welt« hatte ich das Gefühl: Das muss ein Duett sein. Ich liebe Lillis Stimme und ihre Songs. Ich habe das Gefühl, das hat dem Song sehr viel gebracht. 


Was sollen die Hörerinnen und Hörer aus dem Album mitnehmen?

Ich singe viel über Ängste und hoffe immer, dass sich irgendjemand davon gesehen fühlt. Für mich ist der Prozess von »Ich bin glücklich, weil ich Musik mache« in dem Moment abgeschlossen, in dem ich die Lieder fertig habe. Die Veröffentlichung ist dann noch ein extra Ding. Wenn ich das Gefühl habe: Das ist ein Lied, das nur für mich ist, dann zeige ich das auch niemandem. Bei dem Album hatte ich das Gefühl, damit können auch andere Leute etwas anfangen. Wenn man Angst hat, ist das Schöne daran, zu sehen, dass andere Leute die gleichen Ängste haben und dass man damit nicht alleine ist. Wenn ich ein Lied, das maßgeschneidert auf meine Angst ist, dann live auf einer Bühne singe und Leute im Publikum denselben Text zurücksingen, dann ist das für mich wie eine Gruppenumarmung.


Das klingt nach einer tollen Community. 

Ich weiß, dass auf meinen Konzerten ganz viele Freundschaften entstehen. Immer wenn ich mir denke: Das Album hat so viel Geld gekostet, was mache ich hier eigentlich? Wieso tue ich mir das an? Dann muss ich nur eine Show spielen und ich sehe diese Leute, die sich ganz doll lieb haben, von denen ich weiß, dass sie sich dort kennengelernt haben. Das ist eine superherzliche Community. Ich bin so stolz darauf. Wenn ich auf Konzerten von großen Bands aus England oder Amerika bin, denke ich immer: Meine Fans sind noch cooler.


Bei der Tour gibt es aber keinen Stopp in Leipzig. Hat das einen Grund?

Ich finde es ganz komisch, auf Tour daheim zu sein. Ich will nicht plötzlich einen Brief im Briefkasten haben und dann anfangen, Wäsche zu waschen und aus meinem Kühlschrank zu essen. Aber wir spielen in Dresden, ich habe auch schon Züge rausgesucht – dann können alle gemeinsam hin- und zurückfahren. 


> Album ab 13.2., Tour im März, u. a. 27.3., 20 Uhr, Groovestation (Dresden), 28.3., 20 Uhr, Festsaal Kreuzberg (Berlin)


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