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Kultur

»Ich glaube, so viel ist gar nicht in die Grütze gegangen«

Autor Lukas Rietzschel über die deutsche Kleinfamilie und seinen neuen Roman »Sanditz«

  »Ich glaube, so viel ist gar nicht in die Grütze gegangen« | Autor Lukas Rietzschel über die deutsche Kleinfamilie und seinen neuen Roman »Sanditz«  Foto: Alexandra Polina

Der Görlitzer Autor Lukas Rietzschel gehört zu den wichtigsten Stimmen deutscher Gegenwartsliteratur. Sein soeben erschienener dritter Roman »Sanditz« spielt wie schon die beiden vorigen (»Mit der Faust in die Welt schlagen«, »Raumfahrer«) in Rietzschels Lausitzer Heimat. Mehr noch als in den beiden Vorgängertexten lotet der Autor in »Sanditz« mit seinen Figuren aus, wie Geschichte in der Gegenwart fortwirkt. Faulkners berühmtes Diktum »Das Vergangene ist nie tot. Es ist nicht einmal vergangen.« schwebt als Geist durch die Seiten. Vor dem Hintergrund der Leipziger Buchmesse hat der kreuzer mit Rietzschel über seinen neuen Roman, aber auch den Zustand unserer Gegenwart gesprochen.

»Erstaunlich, dass man so weit oben stehen und dennoch nichts erkennen kann.« Der erste Satz Ihres neuen Romans fasst ein Lebensgefühl zusammen. Wir sind weit gekommen, erleben atemberaubenden technischen Fortschritt. Warum scheint trotzdem gerade jetzt so vieles in die Grütze zu rutschen?

Ich glaube, so viel ist gar nicht in die Grütze gegangen. Dieses europäische Projekt, die Friedenssicherung. Wenn man die Vollinvasion der Ukraine einmal ausklammert, ist es ein absolutes Novum in der Menschheitsgeschichte, dass in weiten Teilen Europas ganze Generationen ohne Krieg aufgewachsen sind. Das war nicht selbstverständlich. Wenn ich an meine Eltern denke: deren Eltern und Großeltern haben Krieg nicht einfach mitbekommen, sondern haben ihn durchlebt. Klar, es dauert alles viel zu lange. Dass wir das mit dem Klimawandel nicht hinkriegen. Die schreiende Ungerechtigkeit, dass es Menschen gibt, die absurd viel Geld haben – und für andere reicht es nicht zum Überleben. Ich bin eigentlich gar kein Zweckoptimist. So wie ich jetzt klinge – das sage ich mir viel zu selten selbst. Aber die absolute Armut nimmt ab. Kriegerische Konflikte werden weniger. Da wird etwas besser – aber in so kleinen Schritten, dass wir es in unserem kleinen Menschenleben nicht immer überblicken können. Für uns ist die Gegenwart immer die anstrengendste und schlimmste überhaupt. Wenn man mit Historikern spricht, dann sagen die einem: Gegenwart war immer herausfordernd. Ich glaube, dass es im Kern darum geht, eine Resilienz zu entwickeln und eine Haltung zu bewahren, die einen nicht übermannt. Das ist ja auch in meinem Roman so. Viele Figuren darin sind unter die Räder gekommen. Aber sie versuchen, ihre Gegenwart zu bewältigen. Wie sie es tun, sind nicht meine Schlüsse, auch nicht wie ich denke, dass man es tun sollte. Aber irgendeine Form zu wählen ist schon mal besser, als gar nichts zu tun. Mir ist sympathisch, wenn jemand nicht resigniert. Ich finde Stillstand sehr viel beunruhigender.


»Ich finde, Kritik beginnt beim System«


Bei Ihnen selbst geht es temporeich zu: Auf die Uraufführung Ihrer Tschechow-Überschreibung Girschkarten folgte ein Villa-Baldi-Stipendium in Italien; jetzt die Roman-Veröffentlichung. Trotzdem haben Sie das vergangene Jahr für sich als schrecklich bezeichnet. Warum?

Ich bin wahnsinnig konsterniert von vielen gesellschaftlichen Debatten. Vieles wird zu absolut, zu leichtfertig daher gesagt. Dieses permanente Reden von »Spaltung« ist intellektuell unterfordernd und ohne neue Impulse. Mein Eindruck ist: Das wird als Selbstvergewisserung daher gesagt. Demokratiegefährdend und polarisiert – das sind immer die anderen. Man selbst ist nie Teil davon. Auf der anderen Seite erschöpft mich, dass das so oft mit dem Osten verknüpft ist.
Mich stört, dass diese Diskussion beim Individuum ansetzt. Natürlich tragen Individuen Verantwortung. Aber das eigentliche Problem ist doch, wie unsere Demokratien funktionieren, wie auch unser Wirtschaftssystem funktioniert. Im Kern stört mich, dass wir die Individuen pathologisieren, und immer fragen: »Wo drückt denn der Schuh?«. Aber die grundsätzlichen Schiefstände und Regressionen – die fallen dann unter den Tisch. Das kann ich nicht akzeptieren. Das ist mir zuwider. Ich finde, Kritik beginnt beim System, bei der Organisation und auch bei diesem Staat, bei seinem Wirtschaftssystem, und nicht in erster Linie unten. Das erscheint mir ungerecht.


Sie haben kürzlich eine spöttische Bemerkung über den deutschen Familien- und Gesellschaftsroman gemacht – und legen jetzt selbst einen vor.

»Sanditz« ist für mich ein großer Versuch, zu kondensieren, was mich in den letzten Jahren beschäftigt hat. Da war klar, es wird nicht reichen, das in einer Figur, in einem Erzählstrang zu erzählen. Es war mein Wunsch, über mehrere Figuren zu erzählen und ganz viel abzubilden mit wechselnden Perspektiven und vielen kleinen Mini-Geschichten. Ich bin nun einmal im deutschsprachigen Raum literarisch sozialisiert. Und würde schon sagen, dass es hier einen gewissen Fetisch gibt, was diese Art von Literatur betrifft. Amerikanische Literatur ist da anders. Da stehen nicht immer so die Familien im Zentrum…


Einspruch! John Steinbecks »Früchte des Zorns«, auf den Sie als literarisches Vorbild verweisen, ist ein Familienroman. Und nicht der Einzige der US-Literaturgeschichte.

Stimmt. Aber das Individuum und seine Reise entdecke ich in der amerikanischen Literatur häufiger. Klar ist da immer auch eine Familie im Hintergrund. Ich muss den Gedanken anders formen. Die klassische Thomas-Mann-Buddenbrooks-Annahme lautet: Wenn wir diese Familie verstehen, verstehen wir die Gesellschaft im Kleinen. Dahinter steht die soziologisch-politische Ansicht, dass die Familie der kleinste gemeinsame Nenner der Gesellschaft ist. Und mit der Familie erzählen wir das Land und die Zeit, die sie durchlebt. Davon bin ich nicht frei. Mir gefällt dieser Gedanke auch. Außerdem ist es wahnsinnig naheliegend, eine Familie zu beschreiben, weil wir alle aus einer kommen. In meinen Texten steckt natürlich viel, was ich kenne und erlebt habe. Ich komme auch aus einer christlich geprägten, protestantischen Familie. Mir sind diese Gemeinschaften sehr bekannt, das Hausmusische. Ich musste mir nicht wahnsinnig was abbrechen, um das erzählen zu können. Ich kann mich darüber belustigen, dass sich der deutsche Literaturbetrieb an diesen Erzähltraditionen abarbeitet – aber ich nehme mich da nicht aus. Mir fehlen die Fantasie und die Methodik, um das grundsätzlich zu ändern.


»Wenn wir alle nur noch auf uns gestellt sind – was bleibt dann?«


In »Sanditz« spiegelt sich, wie die protestantische Tradition die Beschädigungen der Gesellschaft durch Diktatur abgemildert hat. Was löst das aus, wenn Kirche und andere gewachsene Strukturen heute vor unseren Augen zerbröseln?

Mich beunruhigt das. Und weil es mich so beschäftigt, wollte ich es durchdringen in einer Geschichte. Dem Liberalismus kann ich grundsätzlich nichts Negatives abgewinnen. Es geht um Befreiung von allen Zwängen, kritisches Hinterfragen von Instanzen, das Individuum steht im Zentrum… Aber wenn das Individuum sich von allem befreit hat, von Herkunft, Ideologie, Religion, von Klassen-, und sogar von Geschlechtszugehörigkeiten, wenn alles aufgelöst ist – steht das Individuum ein bisschen allein da, losgelöst, vereinzelt, einsam.
Im Roman ist Tom die Figur, bei der ich mich mit dieser Beobachtung beschäftigt hat. Dagegen steht Roland, der eine Generation älter ist. Die beiden kommen zu gegenläufigen Erkenntnissen. Roland hat verstanden: Das Ich ist das Zentrum von allem. Das Ich von all diesen Ideologien des 20. Jahrhunderts zu befreien – das ist das Einzige, was man tun kann. Wenn das einzelne geschützt wird, ist jeder geschützt. Was ich bei Roland beobachte, ist die Auseinandersetzung des Ichs mit dem Kollektiv – und die Loslösung des Ichs aus dem Kollektiv. Das kann man auf die Kirche übertragen, auf Parteien, Gewerkschaften. Bei Tom ist es genau umgekehrt. Er erlebt die Loslösung des Ichs aus dem Kollektiv und sucht eigentlich schon wieder nach einem. Tom hat den kritischen Punkt des Liberalismus verstanden – und sieht am Ende des Tunnels eine Frage, die die Corona-Pandemie bei ihm noch verstärkt: Wenn wir alle nur noch auf uns gestellt sind – was bleibt dann? Wenn nicht mal meine Familie mich noch hält – was folgt darauf? Bei ihm entdecke ich die Sehnsucht nach einem Kollektiv, Zugehörigkeit, nach irgendeiner Art von Wertmaßstab. Ob das dann die Kirche ist, oder wenigstens noch das Kämpfen für eine Idee, in seinem Fall für Selbstverteidigung, gegen eine schreiende Ungerechtigkeit eines Aggressors: Das ist Tom für mich. Und diese beiden Figuren mit ihren gegenläufigen Ideen von Politisierung haben mich überhaupt bewogen, diesen Text zu schreiben.


»Sanditz« bekommt am Ende einen überraschenden, märchenhaften Zug. Einer der Protagonisten findet das Glück – ganz plötzlich und völlig unerwartet.

Das Märchenhafte am Ende hat auch mit dem Anfang zu tun, der auch eine Legende aufgreift. Am Ende hätte auch eine Geschichte stehen können von einem, der alles Scheiße findet und AfD wählt. Aber darauf hatte ich einfach keine Lust. Ich wollte auch einfach eine schöne Geschichte schreiben. Die Figur des Dirk sieht: Ich kann meine Umgebung verändern, und mich selbst auch. Man kann ein schönes Leben führen – auch in einer beschissenen Zeit. Das geht. Das muss auch möglich sein. Wunder geschehen. Dinge sind veränderbar, nichts ist zwangsläufig. Nichts muss so bleiben, wie es ist.



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