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Kultur

»Ich habe dazugelernt, was Selbsthass und Selbstmitleid angeht«

Julius Fischer übers Vatersein und ob er immer noch Menschen hasst

  »Ich habe dazugelernt, was Selbsthass und Selbstmitleid angeht« | Julius Fischer übers Vatersein und ob er immer noch Menschen hasst  Foto: Enrico Meyer

In der kreuzer-Redaktion nimmt Julius Fischer auf einem der Sessel in der Gesprächsecke Platz. Er sei durch und durch ein Sesselmensch. Darüber hinaus steht er als Moderator, Musiker und Autor auf der Bühne – und ist Vater. Im Interview zu seinem Buch »Ich hasse Menschen. Eine Fortpflanzung« spricht er über das größte Nervpotenzial am Vatersein und darüber, was seine Kinder wohl über sein neuestes Buch denken. 

Warum setzt man neue Menschen in die Welt, wenn man Menschen eigentlich hasst?

Das ist eine gute Frage. Es war definitiv kein Experiment. Mir war relativ früh klar, dass ich irgendwann gerne Vater sein möchte. Aber mir war natürlich nicht in vollem Umfang klar, was das bedeutet. Also die ganze Bandbreite dessen, was da mitkommt. Sowohl die Verantwortung als auch diese teilweise überbordende Liebe. Das war mir in der Intensität vorher nicht bewusst. Ich wollte das gerne machen, auch einfach, um der Vielzahl an nervigen Personen Menschen entgegenzusetzen, die vielleicht nicht so nervig sind oder wenn dann nur am Anfang nervig sind, aber die dann irgendwann cool werden. Der Titel ist natürlich auch ein Kokettieren mit Gefühlen, die so gut wie jeder Mensch hat, nämlich genervt zu sein von gewissen Eigenschaften anderer Leute. 


Was ist das Nervigste am Vatersein?

Momentan ist es mal wieder der fehlende Schlaf. Aber auch verantwortlich zu sein für zwei Wesen, die ihr Ding machen und ihre eigenen Konzepte von Tag- und Nachtzeit haben. Was tatsächlich total nervig ist und gar nicht so explizit im Buch vorkommt, ist, wie viel man eigentlich schleppen muss. Gerade am Anfang. Wann immer man eine Reise macht, hat man ein Reisebett dabei. Beim ersten Kind haben wir noch Stoffwindeln verwendet, dann musste man immer noch Waschmittel mitnehmen. Und grundsätzlich würde ich auch sagen: andere Eltern. Sowohl die älteren Eltern, die einem dann erzählen, was man alles besser machen kann, als auch die Eltern, die mir auf dem Spielplatz begegnen. Da ist schon extrem viel Nervpotenzial. Jeder hat sein eigenes Konzept vom Elternsein. Und ich stehe dann immer dazwischen und denke mir: »Seid ihr alle bekloppt?« 


Und das Schönste?

Einer der intensivsten Momente ist, wenn ich in den Kindergarten komme und die Kinder auf mich zu gerannt kommen. Sie schreien »Papaaaa« und umarmen mich so fest, als hätten sie mich zwei Jahre lang nicht gesehen. Was auch toll ist, sind Entwicklungen, die ich so beobachten kann. Unser großes Kind lernt gerade in der Vorschule Buchstaben. Er wusste schon, wie man Papa schreibt. Ich habe zu ihm gesagt: »Ey, pass auf. Wenn du hier nur einen Buchstaben veränderst und aus dem A ein O machst, dann wird daraus Popo.« Ich habe in seinen Augen gesehen, wie er es begreift. Diese Freude beim Kind zu sehen ist spektakulär. 


Also sind Sie weicher geworden, seitdem Sie Kinder haben? Hassen Sie jetzt weniger?

Nee, das kann ich so nicht sagen. Das beschreibe ich ja auch im Buch. Da geht es um Autoaggression. Ich habe auf jeden Fall dazugelernt, was Selbsthass und Selbstmitleid angeht. In Gefahrensituationen oder in Situationen, wo ich funktionieren muss als Vater, bin ich überhaupt nicht weich. Insofern würde ich sagen, ich bin nicht weicher geworden – höchstens weicher in der Birne wegen Schlafmangels.

Für wen ist das Buch? Für Eltern, Noch-nicht-Eltern oder überzeugte Nicht-Eltern?

Es ist ein Buch für alle, die Kinder haben oder auf keinen Fall welche wollen, weil es natürlich die Schwierigkeiten beschreibt, die mit Kindern kommen können. Ich habe gerade eben einen Kumpel auf der Straße getroffen und der sagt: Die Kinder sind ja auch immer ein bisschen wie die Eltern. Das heißt, wenn die Eltern entspannt sind, sind die Kinder auch entspannt. Deshalb kann ich jetzt nicht für alle sprechen. Ich freue mich natürlich, wenn andere Leute meine Erfahrungen teilen. Trotzdem habe ich versucht, das Buch so zu gestalten, dass es auch lustig ist für Leute, die keine Kinder haben. Aber es ist monothematisch. 

Was, glauben Sie, werden Ihre Kinder denken, wenn sie dieses Buch irgendwann lesen?

Ich hoffe, dass sie denken: «Oh cool, dass er da was draus gemacht hat. Das muss ja eine mega nervige Zeit gewesen sein.« Ich gehe aber eher davon aus, dass sie denken: »Ey, was soll denn das? Stimmt doch alles gar nicht.« Es ist kein Tagebuch, es ist Literatur. Vielleicht ist es aber auch so, dass wir das irgendwann gemeinsam lesen und uns so zurückerinnern. Und vielleicht lernen sie darüber auch etwas über Ironie. 


Julius Fischer: Ich hasse Menschen. Eine Fortpflanzung. Berlin: Voland & Quist 2026. S.160, 18 €.


Lesungen:


Mi., 18.3., 18 Uhr, Lange Leipziger Lesenacht, Moritzbastei

Do., 19.3., 19.30 Uhr, Voland & Quist Verlagsabend, Werk 2

Fr., 20.3., 14 Uhr, Große Bühne, Halle 5, A500

Sa., 21.3., 20 Uhr, Lesung mit Gitarre, Werk 2



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