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Stadtleben

»Ferienlager-Vibes
 gegen den Alltag«

Organisator Zacker über die dritte Ausgabe des Queer-Music-Festivals

  »Ferienlager-Vibes
 gegen den Alltag« | Organisator Zacker über die dritte Ausgabe des Queer-Music-Festivals  Foto: Marius Moertl


»Glitter und Trauma« als traditionelle WGT-Queer-Party und die Partyreihe »No No No« sind Instanzen des Tanzens in Leipzig. Ins Leben gerufen hat sie der nachnamenlose Zacker, seit zwanzig Jahren umtriebiger Organisator der queeren Party-Szene in der Stadt. Mit Bouygerhl hat er außerdem ein Archiv für queere Musik gegründet – und im Anschluss gleich noch ein ganzes Festival auf die Beine gestellt: Das Queer-Music-Festival mit Konzerten, Tanzkursen, Workshops und mehr findet nun zum dritten Mal statt.


Wie ist das Festival entstanden?

Als ich in der Corona-Zeit ein Archiv für queere Musik gegründet habe, habe ich mit mehr als 1.200 queeren Acts aus der ganzen Welt Kontakt aufgebaut. Aus diesen Kontakten ist im kleinen Rahmen dann eine Queer-Music-Night entstanden. Die lief so gut, dass ich gesagt habe: Was ich an einem Abend machen kann, kann ich auch an zwei Abenden machen. Dann kamen Filme und Lesungen dazu, dann logischerweise eine Clubnacht – und plötzlich war aus der Idee ein großes Festival geworden.

Was ist dieses Jahr neu?

Es gibt natürlich die klassischen Sachen, die es immer gab: die UT-Connewitz- und Moritzbastei-Konzertnächte, Clubnacht in der Neuen Welle. Aber es gibt auch ein, zwei Sachen, die neu sind. Ich bin sehr happy, dass ich die D-Dur Dykes* gewinnen konnte – das ist der größte Flinta-Chor Europas und er singt in der Heilandskirche am Westkreuz. Das ist einerseits schräg, als Queer so eine Kirche zu besetzen – aber andererseits auch schön, so einen Flinta-Chor zu haben, der noch mal eine neue Musiksparte aufmacht. Außerdem übernehmen wir die Distillery an einem Nachmittag. Da gibt es einen Artist-Talk und die Live-Performance einer Ambient-Künstlerin. Neu sind diesmal auch die Tanzkurse mit der Tanzcrew Poppers. Die machen Choreografien von Queer-Icons wie Kim Petras, Lady Gaga, Ru Paul oder George Michael.

Und Sie organisieren das alles alleine?

Ja, schon immer. Es gibt natürlich Support: helping hands, die mich vor Ort unterstützen, und hinter den Kulissen Personen, die Korrektur lesen oder ihre Meinung einbringen. Und mit meinem Mann gehe ich das Booking durch. Aber die finanzielle Verantwortung, die Anträge, die Abwicklung: Das trage ich alleine.

Es gibt auch eine Panel-Diskussion zur Frage, was der aktuelle Rechtsruck für queere Artists bedeutet – was bedeutet er denn für Sie und Ihre Arbeit?

Ganz einfach: Es ist wichtiger denn je, dass die Community einen Weg findet, wieder zusammenzurücken – statt dieses Zerclustern, das gerade passiert. Uns fällt jetzt auf die Füße, dass wir kein gemeinschaftliches Organ mehr sind. Wir sind jetzt kleine Gruppen, die teilweise gegeneinander kämpfen und andere innerhalb der Community abwerten. Ich sehe mein Festival als Moment zu sagen: Wir kommen hier gemeinschaftlich zusammen, wir gehen nicht weg, wir bleiben. Ich will gar nicht die Welt verändern, ich will nur sagen: Wir lassen uns gewisse Räume nicht nehmen.

Queere Kultur ist im Mainstream angekommen, gleichzeitig steigen Hasskriminalität und Gewalt gegen queere Menschen seit Jahren an. Wie erklären Sie sich dieses scheinbare Paradox?

Ich glaube, das eine hat mit dem anderen nur bedingt was zu tun. Der Anstieg der Gewalt wird natürlich dadurch getriggert, dass Queersein sichtbarer ist – aber das ist nicht die Ursache. Ich denke, die eigentliche Gefahr liegt in der Verschiebung des Sagbaren: Wenn plötzlich auf politischer Ebene Dinge gesagt werden, wird eine Art Schleuse aufgemacht für Gedanken einer Mehrheitsgesellschaft, die bisher verschlossen war. Hans-Peter auf der Couch denkt vielleicht schon immer: »Die ganzen Schwulen gehen mir auf den Sack, die ganzen CSDs und plötzlich sind alle non-binär«, hält aber die Klappe, weil er keine Resonanz bekommt. Aber plötzlich gibt es einen Trump, eine AfD, die sagen, dass sie das auch so sehen. Und plötzlich werden Dinge, die selbstverständlich waren, wieder in Frage gestellt. Plötzlich ist Queersein wieder verhandelbar. Plötzlich sind Errungenschaften weg. Dann gibt es plötzlich kein Geld mehr für queere Vereine. Dann wird plötzlich eine Homo-Ehe wieder abgeschafft. Das geht schneller, als wir alle denken.

Bekommen Sie selbst mehr Hassnachrichten oder Drohungen?

Habe ich in zwanzig Jahren – toi, toi, toi – noch nie bekommen. Was ich aber merke, ist ein zurückgehendes Interesse bei Sponsoren. Die meisten, die da sind, sind fantastische Unterstützer. Aber ich merke schon, dass viele gerade sagen: Wir haben selbst zu kämpfen, wir müssen selbst überleben, wir können gerade nicht. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass manche sich auch bewusst nicht positionieren wollen.

Was kann das Festival in dieser Gemengelage erreichen?

Bei diesen Veranstaltungen werden queere Geschichten aus queerer Perspektive eigenmächtig erzählt und das stößt beim Publikum auf Resonanz. Wenn da Emotionen erzeugt werden und ein Gemeinschaftsgefühl entsteht, hab ich eigentlich alles erreicht. Ich spreche nicht umsonst oft von Ferienlager-Vibes. Was bleibt, ist das Gefühl, nicht alleine zu sein, so banal das klingt. Irgendwie schaffen wir es gemeinsam durch das, was da kommt. Also: zusammenrotten, Community neu definieren und gemeinsam laut sein. Das ist ein total bescheuerter Spruch, aber das ist für mich der Weg, mit dem umzugehen, was da draußen los ist.

Queer-Music-Festival: 23.–26.4., diverse Orte – präsentiert vom kreuzer




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