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Kultur

Lakonischer Roadtrip

Der Leipziger Regisseur Thomas Stuber schickt ein ungewöhnliches Duo auf eine Reise quer durch Deutschland und nach Japan

  Lakonischer Roadtrip | Der Leipziger Regisseur Thomas Stuber schickt ein ungewöhnliches Duo auf eine Reise quer durch Deutschland und nach Japan  Foto: Felix Abraham / Pandora Film


Gotthard Kuppel hat selbst eine Lebensgeschichte vorzuweisen, die den perfekten Stoff für einen Film liefern würde. Geboren in Bremen, studierte er zunächst Medizin und reiste 1972 nach Japan, als Teil der Olympiaauswahl im Judo. Über den Sport entdeckte er seine Liebe zum Theater. Er stand auf den Bühnen zunächst als Schauspieler in Ensembles, später als Solokünstler, Seiltänzer, Kabarettist, Spaßmacher und Performer unter dem Namen »Doktor Kuppels Kombinationskunst«. Bei einer seiner Reisen sah er im Zug sitzend auf der Kölner Rheinbrücke, wie sich zwei Reisegruppen begegneten, eine deutsche und eine aus Japan. Er stellte sich vor, wie es wäre, wenn einer der Touristen plötzlich kehrtmachen und sich der anderen Gruppe anschließen würde. Aus dieser Tagträumerei entstanden die ersten Gedanken für ein Drehbuch. Mit Kuppels Engagement im Bremer Blaumeier-Atelier, einer Institution, in der seit vierzig Jahren Menschen mit und ohne körperliche oder geistige Beeinträchtigungen Theater und Musik machen, wurde aus dem Protagonisten seiner Geschichte ein Held mit Downsyndrom.

Gotthard Kuppel schrieb sein Drehbuch. Es landete beim Pandora-Filmverleih und beim Leipziger Regisseur Thomas Stuber. »Das war kurz nach der Premiere von ›In den Gängen‹ auf der Berlinale«, erinnert sich Stuber ans Jahr 2018. »Das war schon ein ganzes Drehbuch, lang und dick. Ich habe es gelesen und es hat noch nicht ganz funktioniert. Aber es hatte diese geniale Idee von einem Mann, der ausbricht und sich einer japanischen Reisegruppe anschließt.« Stuber war begeistert von der Originalität des Stoffs und die gemeinsame Arbeit mit Kuppel an dem Drehbuch begann.

Als Dritter im Bunde kam schließlich der Japaner Hyoe Yamamoto hinzu. Er war das Bindeglied, als es darum ging, aus dem deutsch-europäischen Arthousefilm-Kosmos aus- und nach Japan aufzubrechen. »Also es ging zunächst um Finanzierung, Besetzung und so weiter. Und dann mussten wir das ganze Buch auf Japanisch übersetzen. Jede dritte Sache sagt man so in Japan nicht, macht man so in Japan nicht, kann man als Szene so nicht verstehen. Jede zweite Sache ist aber ein Klischee. Also raus damit und was Neues, und so weiter.«

Yamamoto begleitete den Dreh zudem als Dolmetscher, da Hauptdarsteller Kanji Tsuda weder Deutsch noch Englisch spricht. Die Kommunikation am Set war eine Herausforderung. »Das war unglaublich anstrengend, aber gleichzeitig auch sehr befriedigend«, sagt Stuber. »Mit Hyoe auf einer Wellenlänge zu sein, war ganz entscheidend. Aber auch so ein kluger Schauspieler wie Kanji ist natürlich ein Geschenk, der alles ganz schnell von allein begreift.« Auf der anderen Seite war Stuber damit beschäftigt, seinen Leinwandpartner Aladdin Detlefsen zu bremsen. »Aladdin hatte immer einen großen Drang zu sprechen. Wir brauchten bestimmt ein halbes Jahr in den Proben, dass Aladdin dahin gekommen ist: Nicht sprechen ist cool.«

Der Bremer Theaterschauspieler Detlefsen und der japanische Charakterdarsteller Tsuda (»Onoda – 10.000 Nächte im Dschungel«) entwickeln eine geradezu magische Chemie auf der Leinwand. Detlefsen ist »Buschi« – ein Spitzname für seine Figur Stefan Busch und gleichzeitig ein augenzwinkernder Vorgriff auf die Reise, denn »Buschi« ist die Bezeichnung für einen japanischen Samurai. Er lebt in einer betreuten Wohngruppe. Bei einem Ausflug nach Köln macht sich Buschi selbstständig und steigt in den Bus einer japanischen Reisegruppe. An Bord ist der schweigsame Hideo Kitamura (Tsuda). Obwohl die beiden einander nicht verstehen können, entwickelt sich eine behutsame Freundschaft zwischen ihnen. Buschi, der sich sein ganzes Leben lang geweigert hat, über Sprache mit seinen Mitmenschen zu kommunizieren, blüht in dieser fremden Umgebung auf. Hideo wiederum hat persönliche Gründe für diese Reise: den Verlust seines Bruders.

Mit viel Liebe für seine Figuren erzählt Stuber ein lakonisches Roadmovie mit wenigen Worten, in der Tradition von Filmemachern wie Jim Jarmusch, Aki Kaurismäki oder Takeshi Kitano. Gedreht wurde »Der Frosch und das Wasser« in Köln, Dresden und im schweizerischen Bern. Die Reise führte schließlich nach Tokio für fünf abenteuerliche Drehtage in einem leer stehenden historischen Haus, das für Filmarbeiten reserviert ist. »Da war dann auf einmal das Team wieder riesengroß, weil man das in Japan so macht. Da standen dann in diesen irrsinnig kleinen Räumen bis zu dreißig Leute.«

Seine Weltpremiere feierte der Film schließlich bei den Tallinn-Black-Nights, wo Tsuda und Detlefsen gemeinsam als beste Darsteller ausgezeichnet wurden. Beim Arthouse-Filmfestival im italienischen Bergamo erhielt Stuber Mitte März den Preis für die beste Regie.


> »Der Frosch und das Wasser«: D 2025 R: Thomas Stuber, D: Aladdin Detlefsen, Kanji Tsuda, Bettina Stucky, 113 Min., ab 30.4., Passage-Kinos


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