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Von und für Angehörige

Der Selbsthilfeverein »Wege« berät seit mehr als 30 Jahren Angehörige von psychisch erkrankten Menschen

  Von und für Angehörige | Der Selbsthilfeverein »Wege« berät seit mehr als 30 Jahren Angehörige von psychisch erkrankten Menschen  Foto: Seit fast 30 Jahren engagiert beim Verein Wege: Gudrun Geyler/Marius Moertl

Wenn ein Mensch psychisch erkrankt, betrifft das häufig nicht nur ihn selbst, sondern auch das unmittelbare Umfeld. Die Belastung kann dabei so groß werden, dass auch Angehörige Hilfe benötigen. Unterstützung bietet unter anderem der Verein Wege. Gegründet wurde er 1995 von fünf Müttern und zwei Vätern, deren Kinder von einer psychischen Erkrankung betroffen waren. Bis heute wird er von Angehörigen geführt und versteht sich als Angebot von Betroffenen für Betroffene. Ein Hauptbestandteil der Arbeit ist deshalb die Beratung von Angehörigen. Diese übernehmen ehrenamtliche Mitarbeitende wie Gudrun Geyler.

»Dass die Beraterinnen und Berater selbst ähnliche Erfahrungen gemacht haben, hat großes Potenzial«, betont Geyler im Interview mit dem kreuzer. »Dadurch kann erfahrungsbasierte Expertise ins Gespräch gebracht werden.« Geyler ist seit knapp 30 Jahren Beraterin und Leiterin einer Selbsthilfegruppe. Sie selbst kam ebenfalls als Angehörige zum Verein. Ihr inzwischen verstorbener Mann war zu diesem Zeitpunkt an Schizophrenie erkrankt. »Seine Psychosen und wahnhaften Phasen, die die Krankheit in ihm ausgelöst haben, haben auch mir Angst gemacht«, erzählt sie. Vom psychiatrischen Versorgungssystem fühlte sie sich alleingelassen. Erst in der Beratung des Vereins habe sie gelernt, mit der Belastung umzugehen. Diese sei viel praxisnaher gewesen als die Gespräche mit Ärztinnen und Ärzten. Geyler berichtet, dass sie gelernt habe, die Krankheit zu akzeptieren und auch wieder auf ihre Bedürfnisse zu achten.


Vielfältiges Angebot

Der erste Anlaufpunkt des Vereins ist die Kontakt- und Beratungsstelle (KUB) in der Lützner Straße. Niemand solle sich gehemmt fühlen, Hilfe in Anspruch zu nehmen – unabhängig davon, wie belastend die eigene Situation ist oder ob man zum ersten Mal über die Erkrankung eines Angehörigen spricht, erklärt Geyler. Es gehe stets um das Zuhören, das Verständnis für Emotionen, die Einordnung der Probleme, manchmal auch um niedrigschwellige Aufklärung über psychische Erkrankungen und Unterstützungsmöglichkeiten für Angehörige.

Konkret ist die KUB eine Beratungsstelle, die eine individuelle Beratung und Betreuung für Angehörige anbietet, um den persönlichen Umgang mit der erkrankten Person zu erleichtern. Dazu treffen sich Selbsthilfegruppen, die von betroffenen Angehörigen ehrenamtlich geleitet werden. Insbesondere zu den Themen Medikamente, soziale Absicherung und Rehabilitation. Auch die Familienberatungsstelle »Auryn« gehört zum Verein, die speziell bei Erziehungsfragen und Konflikten innerhalb der Familie Unterstützung bietet.

Mit dem Begriff »Angehörige« ist zudem nicht nur der engste Familienkreis gemeint. Alle Menschen aus dem direkten Umfeld, sei es aus der Nachbarschaft oder der WG oder von der Arbeit, können sich an den Verein wenden, wenn sie merken, dass jemand unter einer psychischen Erkrankung leidet oder mitleidet. Denn tatsächlich stellt Wege auch Hilfsangebote für Erkrankte selbst bereit. Diese werden dann von ausgebildeten Therapeutinnen und Therapeuten begleitet. Im Gegensatz zur sonstigen Tätigkeit im Ehrenamt ist die Hilfe in diesem Fall professionalisiert.

»Distel« und »Neuer Schwung« sind zum Beispiel Beschäftigungsangebote zur Wiedereingliederung psychisch erkrankter Menschen, die den Aufbau einer Tagesstruktur und die Pflege sozialer Kontakte unterstützen sollen. Daneben gibt es Wohneinrichtungen, wie das »Haus Chiron«, eine betreute Wohngemeinschaft für junge Erwachsene und das Familienhaus für junge Eltern. »Abw« und »Boje« dagegen sind ambulante Wohn- beziehungsweise Erziehungsangebote im eigenen Zuhause.

Trotz der diversen Angebote von Wege steht der Verein immer wieder vor Herausforderungen. Aktuell durch die bundesweit angedachten Kürzungen in der psychosozialen Grundversorgung. Diese hält Geyler für eine gefährliche Entwicklung. Sie berichtet, dass die langanhaltende Inflation auf die Menschen, die in die Beratung kommen, großen Einfluss nehme. »Allein der Wohnungsmarkt in Leipzig schafft viele Probleme.« Diese sozialen Ängste würden die ohnehin schwierige Auseinandersetzung mit psychischen Erkrankungen zusätzlich verschärfen. »Wenn dann noch weitere Kürzungen beschlossen werden, möchten wir uns gar nicht ausdenken, was auf die Betroffenen und ihre Familien zukommt. Das ist kein gutes Signal.«

Auf der anderen Seite habe sich gesellschaftlich in den letzten Jahren viel getan. Erkrankungen wie Depressionen oder ADHS seien mittlerweile akzeptierter, ein offener Umgang damit einfacher. Dazu ist Wege finanziell divers aufgestellt. Die Gelder kommen vom Jugend- und Gesundheitsamt, dem kommunalen Sozialverband oder durch Spenden.

Insgesamt blickt Geyler auf gute 30 Jahre Vereinsarbeit zurück. Zentral sei dabei immer die breite Präsenz- und Öffentlichkeitsarbeit in Leipzig gewesen. So betreibt der Verein jedes Jahr einen Informationsstand auf dem »Aktionsspieltag zu psychischen Erkrankungen« der BSG Chemie Leipzig. Auch im Mai stehen weitere Termine an, bei denen man mit den Mitgliedern des Vereins ins Gespräch kommen kann. Gudrun Geyler betont: »Jede und jeder kann zu uns kommen. Wir sind da, einfach offen für alle.«


> Beratungsstelle: Lützner Str. 75, 04177 (Lindenau), Tel. 03 41/9 12 83 17, www.wege-ev.de


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