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Ein veränderter Blick

Eine Stadtführung erzählt von Leipzigerinnen und Leipzigern, die nicht in die Norm passten

  Ein veränderter Blick | Eine Stadtführung erzählt von Leipzigerinnen und Leipzigern, die nicht in die Norm passten  Foto: Thomas Müller erzählt auf seiner Stadtführung von Schicksalen hinter den Namen/Marius Moertl

Statt medizinischer Diagnosen gab es Begriffe, unter die alles fallen konnte«, erzählt Thomas Müller. »›Angeborener Schwachsinn‹ war einer davon.« Eine, die das traf, war Elsa Knabe. Sie wurde in den 1930ern als »geistesschwach« stigmatisiert und deshalb in die Städtische Arbeitsanstalt in der Riebeckstraße 63 gesteckt. Ihre Diagnose sei mehr eine soziale als eine medizinische gewesen; ausgegrenzt und verwahrt, bis sie durch die »Euthanasie« der Nationalsozialisten ermordet wurde. Wie Elsa Knabe erging es in der Arbeitsanstalt Riebeckstraße mindestens 75 anderen ermordeten Insassen, die vermeintlich nicht ins Stadtbild gehörten, zu unangepasst waren. Inzwischen habe Knabe einen Stolperstein an der Kuhturmstraße, Ecke Angerstraße, erzählt Thomas Müller auf dem Parkplatz des Naturkundemuseums stehend – hier beginnt seine besondere Stadtführung. Als Leiter des Psychiatriemuseums und Vorstandsmitglied des Vereins Durchblick bietet Thomas Müller die Tour als Außenprojekt des Museums an; je nach Nachfrage rund zehn bis fünfzehn Mal im Jahr.


Die Leipziger Innenstadt ist voll von geschichtsträchtigen Orten und Gedenktäfelchen. So wie hier beim Naturkundemuseum. Ein paar Meter weiter, hinter einem Hagebuttenbusch platziert, steht eine Gedenktafel zum Georgenhospital, dem ältesten Hospital Leipzigs. 1212 wurde es gegründet und galt als Auffangbecken für Alt und Jung; auch für Menschen, die man heute als psychisch krank bezeichnen würde.

In der Leipziger Innenstadt verbergen sich viele persönliche Schicksale hinter dem teils alten Gemäuer. Müller möchte diese in seinen Führungen zur psychiatrischen Stadtgeschichte sichtbar machen und somit psychische Erkrankungen entstigmatisieren und für eine höhere Sensibilität sorgen: »Psychische Erkrankungen gehören in die Mitte der Gesellschaft«, sagt Müller. Dort finden wir sie auch – keine Sehenswürdigkeiten im klassischen Sinn, sondern Geschichten von gebrochenen Persönlichkeiten. Während der Stadtführung wird er vom Nervenarzt Paul Julius Möbius und seine Forschungen erzählen, von der Entwicklung der Homöopathie durch Samuel Hahnemann und Woyzeck als Spalter der Gesellschaft thematisieren. Müller macht einen langen Weg sichtbar: Weg von der reinen Verwahrung hin zu medizinischer Behandlung und einem Krankenbild, das über die soziale Beurteilung hinausgeht.

Über Jahrhunderte wurden Betroffene an den Rand gedrängt: in Anstalten außerhalb der Stadt, in Systeme, die weniger auf Heilung als auf Verwahrung setzten. Heute, erklärt Müller, sei das anders. Initiativen wie der Verein Durchblick, Träger des Psychiatriemuseums, schaffen Orte in der Mitte der Stadt: niedrigschwellige Beratungsstellen, Begegnungsräume, Anlaufpunkte. »Die Möglichkeit, wieder in ein normales Lebensumfeld zurückzukehren, ist entscheidend«, sagt er, »früher fehlte diese vollkommen.«

So abstrakt diese Entwicklung klingt, wirklich greifbar wird sie erst in den Geschichten der Personen, die Thomas Müller auf dem Weg durch die Leipziger Innenstadt erzählt.

Da ist zum Beispiel Lene Voigt, Leipziger Schriftstellerin, die in den 1920er Jahren als sächsische Mundartdichterin populär war. Nach einer akuten manischen Phase, die zu einem Psychiatrieaufenthalt führte, fühlte sie sich Ende der 1940er Jahre nicht mehr in der Lage, allein zu leben; wollte sie vielleicht auch nicht mehr allein leben. Sie blieb im Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie in Dösen; nicht nur aus medizinischen Gründen, sondern auch aus Mangel an Alternativen. Es existierten schlicht keine Ausweichmöglichkeiten. Voigt lebte sich literarisch weiter aus, indem sie über den Alltag in der Psychiatrie dichtete, übernahm Botengänge für die Psychiatrie, blieb produktiv. Dennoch veränderte sich der Blick der anderen. »Das wurde von der Stadtgesellschaft auch entsprechend wahrgenommen«, weist Müller auf die veränderten Blicke hin. Wenn sie in Leipzig unterwegs war, wurde Voigt schief angesehen, abgestempelt als »schizophren«. Sie selbst verarbeitet in ihrem Gedicht »Wir armen Irren«, wie sie als »verblödet« wahrgenommen wurde.

Für Müller ist ihre Geschichte ein Gegenbild zu gängigen Vorstellungen. Voigt sei humorvoll gewesen, lebensfroh, beliebt. Sie entsprach nicht dem stereotypen Bild einer »psychisch Kranken«. Genau darin liegt für Müller ihre Bedeutung. »Psychiatrie heißt nicht, dass man schwer geisteskrank ist und in der Zwangsjacke steckt«, sagt er bewusst zugespitzt. Man müsse genauer hinsehen, die ganze Biografie betrachten. Lene Voigt war keine klassisch psychisch Kranke, weil es keine klassisch psychisch kranke Person gebe. Das ist ein Gedanke, den Thomas Müller beim Erzählen der Individualschicksale immer wieder betont: »Jeder kann psychisch erkranken.« Es gebe keinen typischen Verlauf, keine typische Biografie, die zwangsläufig zu einer Erkrankung führt oder davor bewahrt.

Wir gehen weiter und stehen anschließend im Museum der bildenden Künste, vor der beeindruckenden Beethoven-Skulptur. Unterschrieben ist sie von Max Klinger. Müller holt aus seiner schwarzen Mappe das laminierte Bild einer zierlichen Frau. Es soll sich um Elsa Asenijeff handeln, die in einem pompösen, farbenfrohen Kleid abgebildet ist. Müller erzählt von ihr als beeindruckende und eigenständige Frau, die nach einer ungewollten Ehe und dem Tod ihres ersten Sohns 1897 nach Leipzig kam, um zu studieren. Hier sei sie mit dem »Künstler-Star der Stunde«, Max Klinger, zusammengekommen – bekannt habe er sich allerdings nie zu ihr. Das wurde ihr zum Verhängnis. Trotz vieler gemeinsamer künstlerischer Arbeiten stand Elsa Asenijeff zuletzt ohne Absicherung da, als sich Klinger in eine andere Frau verliebte und diese heiratete. Auch an der Beethoven-Skulptur haben sie zusammen gearbeitet, doch zugeschrieben wird sie allein Klinger.

Abgelehnt und ohne Geld, begann sie zu kämpfen: Elsa Asenijeff machte öffentlich, dass sie die künstlerische Partnerin war, und wollte deshalb nach Klingers Tod am Erbe beteiligt werden. 1921 folgte das Urteil: »Der Kampf wurde ihr letztendlich als Querulantenwahnsinn ausgelegt.« – Eine damals häufig verwendete Diagnose für Personen, die Unrecht anprangerten. Asenijeff wurde entmündigt und durchlief eine Odyssee durch unterschiedliche Psychiatrien in Leipzig und Umgebung. Bis zu ihrem Lebensende mit 74 Jahren blieb sie in stationärer Behandlung. Müller beschreibt sie als eine weitere Frau, deren soziale Umstände zur Diagnose wurden. Als Schriftstellerin und intellektuell aktives Mitglied der damaligen Gesellschaft hat sie die Psychiatrie als sozialen Auffangraum genutzt: Nicht nur eine Krankheit, sondern auch die Lebensumstände seien entscheidend für den Verlauf einer Biografie, denn psychische Krisen seien oft eng an soziale Bedingungen geknüpft. Müller erzählt, dass später aus Asenijeffs Zeit in der Psychiatrie, in der sie vermeintlich geisteskrank war, expressionistische Gedichte veröffentlicht wurden – für ihn ein Beweis, dass Asenijeff geistig vollkommen fit war.

Gleichzeitig weitet Müller auf unterschiedlichen Stationen der Tour den Blick über die Betroffenen hinaus. Dass auch Angehörige eine oft unsichtbare Last tragen, verdeutlicht er zuletzt durch Clara Schumanns Geschichte – zwischen Fürsorge, Überforderung und gesellschaftlichen Erwartungen. Ihr Mann Robert Schumann versuchte sich das Leben zu nehmen, ihre Handlungen werden diesbezüglich bis heute moralisch beurteilt. Müller erzählt: »Sie wird und wurde dafür verurteilt, dass ihr Mann in der Anstalt leidet und sie sich sozusagen ein schönes Leben gemacht hat.« Auch ihr ältester Sohn war in einer Klinik: »Er hat sie immer wieder gebeten, ihn da rauszuholen. Sie ist einmal hingefahren und konnte das nicht. Das hat sie so belastet, dass sie danach über Wochen kaum arbeitsfähig war.« Ihre Perspektive zeigt, dass psychische Erkrankungen nicht isoliert existieren, sondern immer auch das Umfeld betreffen. Damit wird einmal mehr deutlich, dass es sich bei psychischen Erkrankungen um eine gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe handelt, die mehr verlangt als medizinische Behandlung: Verständnis, Offenheit und die Bereitschaft, genauer hinzusehen.

Was sich durch die Führung zieht, ist die Mahnung, dass psychische Erkrankungen vor niemandem haltmachen: »Egal ob Professor, Obdachloser, Künstler oder Physiker; es kann jeden treffen, und es sollte jeden etwas angehen.« Unabhängig von Herkunft, Beruf oder sozialem Status. Über den Menschen an sich sage das erst einmal gar nichts aus – es gebe keinen typischen Verlauf, keine eindeutige Grenze zwischen »gesund« und »krank«.

Indem Müller die Geschichten einzelner Leipzigerinnen und Leipziger erzählt, holt er das Thema aus der Abstraktion. Er zeigt nicht nur, was Menschen widerfahren ist, sondern auch, was eine Gesellschaft mit denen macht und gemacht hat, die nicht in ihre Normen passen. Die Stadt wird dabei zu einem Archiv, und wer genauer hinsieht, erkennt: Diese Geschichten gehören nicht der Vergangenheit an, sie sind ebenfalls Teil der Gegenwart.

MARIE ALLMANSBERGER

■ www.psychiatriemuseum.de/stadtrundgang
■ Buchungen ab 10 Personen, Anfragen unter: museum@durchblick-ev.de


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