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Kultur

»Die Energie richtet sich vollständig auf die Acts«

Ein geheimes Line-up und abgeklebte Handys bei Unreleased in Leipzig

  »Die Energie richtet sich vollständig auf die Acts« | Ein geheimes Line-up und abgeklebte Handys bei Unreleased in Leipzig  Foto: Federico Battaglia, Mehmet Kücük und Walmir Hong Thomé de Moura bringe die Unreleased-Reihe nach Leipzig (v.l.)/Saybyetoit

Drei Freunde aus der Musikszene organisierten im Juni 2023 das erste »Unreleased Berlin«-Konzert. In den vergangenen drei Jahren hat sich die Größe der Show stark verändert: von anfänglich 150 Gästen, kommen nun bis zu 1200 Gäste zu den Veranstaltungen. Das Konzept ist über die Jahre gleichgeblieben: Ein geheimes Line-up, abgeklebte Handykameras, kurze Sets unterschiedlicher Künstler von zwei bis drei unveröffentlichten Songs. Aufgrund der großen Nachfrage bieten die drei Unreleased-Gründer Walmir Hong Thomé de Moura, Federico Battaglia und Mehmet Kücük das Showkonzept als Deutschlandtour an. Nach Hamburg, Hannover und Köln folgt nun am 6. Mai auch Leipzig. Im Gespräch mit dem kreuzer gibt Mehmet Kücük, der sich als Memo vorstellt, erste Einblicke, wie die Veranstaltung laufen wird.

Wie ist Ihr besonderes Konzept entstanden?

Ich persönlich war bei einer Comedy-Veranstaltung mit dem Prinzip eines Secret-Line-ups. Ich fand es sehr erfrischend, nicht zu wissen, was passiert und habe dadurch auch neue Leute entdeckt. Aus der Veranstaltung bin ich dann mit der Frage rausgegangen, warum es das nicht für Musik gibt. Mit zwei Freunden, mit denen ich mir ein Musikstudio geteilt habe, habe ich dann überlegt, wie man das Konzept für Musik umsetzen kann. Wir haben sechs Monate daran gefeilt, bevor im Juni 2023 das erste Mal 150 bis 180 Leute bei unserer ersten Show in der Monarch Bar in Berlin am Kottbusser Tor waren. Dadurch, dass wir keinen Bezug zum Eventmanagement haben, mussten wir alles durch eigenen Aufwand und Unterstützung von Freunden auf die Beine stellen. Unser DJ, der auch aktuell unsere Shows begleitet, war zum Beispiel eine Empfehlung eines Freundes für unsere erste Show. Das Konzept hat direkt einen Nerv getroffen und für uns war klar, dass das für Größeres bestimmt ist. Wir haben die Tickets für die zweite Show veröffentlicht und waren innerhalb von wenigen Minuten ausverkauft.


Sie haben selbst einen Artist-Background, wie nutzen Sie den für die Unreleased-Shows?

Ja, ich habe selbst Musik gemacht: Anfangs im Rap, das ist mittlerweile 15 Jahre her, später dann als Songwriter. Durch die Arbeit mit anderen Artists konnte ich mir ein Netzwerk aufbauen, auf das ich für Unreleased zurückgreifen kann. Die erste Show war zur Hälfte mit Freunden oder Bekannten besetzt. Wir haben das Konzept auch aus der Artist-Perspektive weiter ausgearbeitet. Dadurch, dass wir selbst teilweise schlechte Live-Erfahrungen gemacht haben, wussten wir genau, wie wir es nicht machen wollten: Man kommt als gebuchter Künstler in eine Venue, niemand kümmert sich, niemand weiß Bescheid, der Soundcheck wird von einem Typen gemacht, der nicht mal weiß, wer der Künstler ist, der Sound ist nicht gut. Deswegen hat unsere Perspektive ­ unabhängig vom Netzwerk ­ den Vorteil, dass wir wissen, wie sich die Künstler fühlen.


Wie kuratieren Sie einzelne Shows?

Wir versuchen bei der Show immer dafür zu sorgen, dass besondere Momente entstehen. Beispielsweise durch Comebacks, wie bei Nina Chuba nach »Wildberry Lillet«. Da die Leute nicht wissen, wer auftreten wird, versuchen wir, ganzheitlich an die Sache ranzugehen. Wir können nicht nur ein Genre abbilden, sondern wollen Vielfalt zeigen: Wir wollen Rap und Hip-Hop klassisch darstellen, Gesang, R&B und Indie mit einfließen lassen. Jemand, der zum Beispiel gerne Hip-Hop hört, hat zwei bis drei Hip-Hop Acts und wird hoffentlich von den restlichen Acts auch abgeholt. Außerdem wollen wir mindestens 50 Prozent Newcomer in den Line-ups haben. Im besten Fall Artists, die noch unbekannt sind, vielleicht sogar noch keinen Song veröffentlicht haben und noch nie auf einer Bühne standen. So können wir coole Momente für die Crowd schaffen, wenn sie die Artists wiedererkennen oder für sich neu entdecken.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Verhältnis zwischen weiblichen und männlichen Künstlern. Mindestens die Hälfte der Line-up-Slots sollen an Frauen vergeben werden. Unser Ziel ist es, nicht nur musikalisch Diversität zu zeigen. Die Songauswahl ist auch ein großes Thema wegen der Texte. Wir wollen, dass sich alle bei uns wohlfühlen. Deswegen achten wir darauf, dass keine Grenzen durch diskriminierende Texte überschritten werden. Im Laufe der letzten 30 Shows hatten wir auch Fälle, in denen wir wegen sexistischen Textabschnitten ins Gespräch mit den Artists gegangen sind. Wir wollen Diskriminierungen keine Bühne bieten. In einem Fall hat der Artist den unveröffentlichten Song dann sogar umgeschrieben und sich für den Hinweis bedankt. Ab und an müssen wir in der Hinsicht aber auch diskutieren und es gibt auch Fälle, in denen die Artists nicht bei uns auftreten, weil sie keine Einsicht zeigen.


Warum die abgeklebten Kameras?

Der ursprüngliche Gedanke hinter dem Abkleben der Handykameras war der Schutz der Artists: Oft werden unveröffentlichte Songs performt, die vor Publikum getestet werden sollen. So haben die Künstler die Möglichkeit, ihre Tracks auszuprobieren, ohne dass sie direkt in den sozialen Netzwerken landen. Wir hatten auch schon Fälle in denen Songs anschließend nicht veröffentlicht wurden oder abgeändert wurden, weil sie festgestellt haben, dass das so vielleicht doch nicht funktioniert. Das wäre schwieriger, wenn er schon auf Instagram oder TikTok online wäre.
Gleichzeitig haben wir gemerkt, dass diese Regel auch die Atmosphäre im Raum verändert. Die Energie richtet sich vollständig auf die Acts, und niemand gerät in Versuchung, das gesamte Konzert durch den Handybildschirm zu erleben. Dadurch entsteht eine intensivere Aufmerksamkeit, die sich spürbar auf die Stimmung und Energie im Raum auswirkt.
Mittlerweile ist aus dieser Regel ein echtes Commitment geworden: Die Crowd achtet selbst darauf, dass sie eingehalten wird und spricht vereinzelt auch Personen an, die sich nicht daran halten, sodass der gemeinsamen Live-Moment für alle bewahrt wird.


Wie gehen Sie mit jemandem um, der noch nie auf einer Bühne stand?

Am Anfang haben wir das vernachlässigt und immer wieder bei den Soundchecks oder während der Performances gemerkt, dass es aufgrund der fehlenden Erfahrung unterschiedliche Qualitätsstufen gibt. Dementsprechend haben wir Gespräche mit den Newcomern eingeführt, in denen wir Tipps für den Bühnenauftritt geben. Da wird im Detail über die Show gesprochen, über das Setup und die Anforderungen – ein kleines Briefing im Vorfeld. Auch unser Sound-Team vor Ort gibt eine Einweisung mit den wichtigsten Fragen: Wie hörst du dich? Wie kann das Equipment eingestellt werden, damit du dich wohlfühlst? Wie hältst du dein Mikrofon am besten? Am liebsten würden wir auch darüber hinaus mehr Arbeit in diesem Bereich leisten, aber dafür fehlt am Show-Tag einfach die Zeit.
Auf der anderen Seite haben wir eine sehr unterstützende Crowd. Selbst wenn etwas nicht wie geplant läuft, weil Erfahrung fehlt oder die Aufregung so groß ist, entstehen authentische Momente, die die Zuschauer schätzen. Wir hatten öfter die Situation, dass aus Nervosität Texte vergessen wurden. Dann waren die Leute vor der Bühne einfach noch lauter. Die Zuschauer sehen, dass jemand etwas zum ersten Mal macht und supporten das aus Leidenschaft für Livemusik. Wir haben bei unseren Shows eine sehr liebevolle Stimmung, es ist viel Liebe in der Luft und das macht unsere Veranstaltungen aus.


> Unreleased.berlin, 6.5. 21 Uhr, Täubchenthal Leipzig


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