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Kultur

(Nicht) In die Hose gegangen

Die (bekanntlich wichtigste) Leipzigerin Sandra Hüller beweist in »Rose«, dass sie zu den besten ihres Fachs gehört

  (Nicht) In die Hose gegangen | Die (bekanntlich wichtigste) Leipzigerin Sandra Hüller beweist in »Rose«, dass sie zu den besten ihres Fachs gehört  Foto: Filmstill »Rose«/ ROW Pictures, Walker+Worm Film, Gerald Kerkletz

Dreißig Jahre Krieg. Undenkbar. Inmitten dieses »ersten großen Krieges« im 17. Jahrhundert taucht der Soldat Rose in einem abgelegenen protestantischen Dorf auf. Rose behauptet, der rechtmäßige Erbe eines seit langer Zeit verlassenen Gutshofs zu sein. Seinen Anspruch macht er mit einem Dokument geltend. Er strebt nach Anerkennung und Integration in der eingeschworenen Dorfgemeinschaft. Sein Erscheinen zieht jedoch deren Misstrauen auf sich. Den Fremden umgibt ein Geheimnis – tatsächlich steckt hinter Rose eine Frau, die eine falsche Identität und ein anderes Geschlecht angenommen hat, um ihr Glück zu finden.

Mit der Figur des Soldaten Rose hat die Charakterdarstellerin Sandra Hüller eine neue Herausforderung gefunden. Nach der Frau eines SS-Kommandanten in »Zone of Interest« und einer angeklagten Witwe in »Anatomie eines Falls« stellt sie in Markus Schleinzers »Rose« eine »Frau, die vorgibt, ein Mann zu sein« dar, wie Hüller im Rahmen der Pressekonferenz der diesjährigen Berlinale – wo der Film am 15. Februar Premiere hatte – betonte: »Ich spiele keinen Mann.« Und doch ist diese Rolle für sie eine auch körperliche Transformation. Nicht nur die Stimme wirkt fester, betonter, auch ihr Schauspiel trägt »männliche« Züge, solange sich Rose als Mann ausgibt. Für den österreichischen Regisseur Markus Schleinzer war Hüller die einzige Wahl für die Rolle der Rose. Er schätzt an ihr »dieses enorme Talent, diese bezwingende Logik gepaart mit einer extremen Ehrlichkeit und Uneitelkeit in ihrem Spiel.« Hüller, so habe er im Gespräch mit anderen Darstellerinnen erfahren, sei zudem enorm wichtig »für nachfolgende Generationen an Schauspielerinnen«.

Schleinzer hat vor acht Jahren mit seiner Recherche zu »Rose« begonnen. Auf Basis der Informationen, die er in alten Schriften und Nacherzählungen fand, begann er ein Romanfragment zu schreiben. Mehr als tausend Seiten umfasste am Ende die Geschichte der fiktiven Figur Rose, von der Geburt bis zum Tod. Mit dem Drehbuchautor Alexander Brom konzentrierte er sich auf das letzte Kapitel ihres Lebens. »Ich bin auf an die 300 Geschichten von Frauen gestoßen, die über etwa drei Jahrhunderte hinweg aus unterschiedlichsten Gründen ›den Weg in die Hose‹ genommen haben.« Gründe für Frauen, »in die Hose zu steigen«, waren mannigfaltig, so Schleinzer: »Es erleichterte den Zugang zu Arbeit. Es war die Hoffnung, Vergewaltigungen oder Zwangsheiraten zu entgehen, dadurch selbstbestimmter zu leben«, die Frauen antrieb. »Wer ein selbstbestimmtes Leben führen, Zugang zu Bildung und Besitz haben wollte, der tat gut daran, ein Mann zu sein oder zumindest eine Hose zu tragen.« Immer wieder stellte Schleinzer fest: »In dem Moment, in dem sie sich dieses Stückchen Stoff angelegt haben, war diese Freiheit, diese Autonomie sofort gegeben.«

Bereits mit seinem letzten Film »Angelo« behandelte Markus Schleinzer einen historischen Stoff. Darin wird zu Beginn des 18. Jahrhunderts ein afrikanischer Sklavenjunge von einer europäischen Comtesse ausgesucht, um getauft und ausgebildet zum Wiener Hofmaskottchen zu werden. Diesmal setzte Schleinzer die Geschichte in starken Schwarz-Weiß-Bildern in Szene. Weniger, um das Historische zu unterstreichen, sondern vielmehr für die Fokussierung. »Es bringt die Geschichte manchmal zurück zu den Menschen. Wir konzentrieren uns ganz auf die Handlung, nicht darauf, welche Farbe ein Kleid oder eine Uniform hat.« Für »Rose« holte er auch Robert Gwisdek und Godehard Giese ins Ensemble. Caro Braun ist als Roses Partnerin Suzanna eine Entdeckung. Marisa Growaldt führt als Erzählerin durch die Geschichte. Dadurch gewinnt der Film die Hoheit der Narration, die Distanz des Blicks auf die Ereignisse. Vor allem Hüllers Spiel geht dabei unter die Haut.

Gedreht wurde im Harz in Sachsen-Anhalt und in Niederösterreich. Die Leipziger Produktionsfirma Row Pictures, die bereits »3 Tage in Quiberon« und »Irgendwann werden wir uns alles erzählen« mit Regisseurin Emily Atef sowie Sandra Hüller in »Zwei zu Eins« produzierte, war mit an Bord. Auch die Tonbearbeitung ist in Leipzig entstanden. Sandra Hüller bleibt ihrer kontrastreichen Rollenwahl treu: Ende März wird sie neben Ryan Gosling auch im Science-Fiction-Film »Der Astronaut« zu sehen sein. 


> »Rose«: ab 30.4. (dem Geburtstag der Hauptdarstellerin) im Kino


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