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Kultur

Radikale Erholung

In einer Leipziger Sauna fusionieren traditionelle Aufgusskultur mit DJ-Sets

  Radikale Erholung | In einer Leipziger Sauna fusionieren traditionelle Aufgusskultur mit DJ-Sets  Foto: Kultursauna e.V.

Zwischen Mercedes, Dekra und VW, im tiefsten Westen der Stadt, da erwartet man nicht viel, außer jemanden, der einem den Weg zurück zeigt. An diesem Ort scheint Leipzig auszufransen. Die aneinandergereihten Gewerbehallen überschlagen sich. Trotz alledem soll hier eine Sauna zu finden sein – »Radical Wellness Sauna Space«, wie sie sich nennt. Es ist Samstagnacht. Google Maps berechnet den Weg über Rückmarsdorfer Straße bis zur Paul-Langheinrich Straße, wo aus Hausnummer 13 ruhige Musik ertönt und kleine, bunte Lichtkegel den Nachthimmel erleuchten. Hinter einem Zaun sitzen zwei oberkörperfreie Männer in einem geschlossenen Boot. Drinnen herrscht eine Mischung zwischen ruhiger Sauna- und ausgelassener Festivalstimmung. Auf einer Infotafel steht »Wellnessrave« – 22 bis 10 Uhr. Das ganze Areal ist sehr holzig und gemütlich eingerichtet. Während des ersten gut besuchten Saunagangs, wird die Musik plötzlich lauter. Die Menschen strömen in eine kleine Lagerhalle, die am Space angrenzt. Hinter dem Mischpult steht eine Frau – die DJ. Umhüllt von wohlriechenden Rauchschwaden spielt sie ein ruhiges Downtempo-ambient-Set. Mit der Sachsentherme, dem Platzhirsch der Leipziger Wellnesslandschaft, ist das nicht zu vergleichen. Die Menschen hier sind sehr offen. Man kommt schnell ins Gespräch, sitzt gemeinsam in den Ruhebereichen oder an der Feuerschale. Alles in allem eine gänzlich neue Saunaerfahrung. Dabei hat die Nacht gerade erst begonnen.

Zur Genese

Hannes Jung ist im Vorstand des Vereins Kultursauna e.V. und leitendes Mitglied des Saunaspaces. Das Projekt seinen Anfang in einer fast zehnjährigen Geschichte als mobile Festivalsauna. In dieser Zeit habe es erstmal nur die Sauna gegeben, berichtet er. Mit jährlich größer werdendem Interesse der Leute sei dann immer mehr dazu gekommen – Snackstationen, Aufgussmaterial, Ruhebereiche. Jung erzählt, dass der ständige Auf- und Abbau dennoch anstrengend gewesen sei. Zusammen mit dem Wunsch eines Winterbetriebes entschied man sich dazu, dass der Space stationär in Leipzig bleibt. »Die Sauna hat durch das Rumreisen echt viel gesehen. Hier hat sie jetzt ihren Gnadenhof.«

»Der Gesundheitsbegriff wird bei uns gesellschaftlich gedacht.«, sagt Jung ein wenig sozialistisch angehaucht. Klassisches Wellness sei für ihn selten etwas, was an die Substanz gehe. Für ihn sei es wichtig, sowohl körperliche als auch mentale Gesundheit in den Begriff einzubeziehen, wodurch neben dem Saunieren auch der Communityaspekt eine besondere Rolle einnehmen würde. Das Zusammenspiel der beiden Welten sei für Jung das, was das Konzept radikal mache. Dass Saunieren für viele ein sehr sensibles Thema darstellt, sei auch den Verantwortlichen im Space bewusst, so Jung. Im sonst »mackrig« geprägten Saunakosmos möchte der Verein daher eine achtsame Atmosphäre schaffen. Neben allgemeinen Geboten zur Selbstreflexion gebe es Awareness-Verantwortliche, an die man sich bei unangenehmen Situationen wenden solle. So möchte man vermeiden, dass Menschen, häufig Männer, zu viel Raum beanspruchen. Das sei laut Jung sehr wichtig, vor allem in einem Raum, in dem viele Menschen nackt sind. Unter anderem deswegen gibt es seit einigen Wochen einen Flinta -Donnerstag. Jung beschreibt diesen als ein weiteres »Angebot, das den kleinsten gemeinsamen Nenner nochmal einen Ticken höher ansetzt.«

Zur Musik

Ein weiterer Pfeiler von Radical Wellness sind die Events, die dem Ort erst sein Alleinstellungsmerkmal verleihen würden. »Die Musikszene ist schon immer stark mit Radical Wellness verknüpft, allein durch die Festivals.«, betont Jung. So stehe jeden Freitag der sogenannte Ravy Friday mit DJ-Sets auf dem Programm, dazu habe es in der Vergangenheit Klangschalenevents und abseits vom Musikalischen Yogakurse oder Flohmärkte gegeben. Der Wellnessrave vom Samstag zu Sonntag war in der Form erstmalig. Jung erklärt, dass der atmosphärische Downtempo vom Event zwar zum »klassischen Saunasound« gehöre, dieser aber nicht immer zwingend aufgelegt wird. »Bei anderen Events wurden auch schon richtig richtig schnelle Sachen gespielt.« Um das alles aufrechtzuerhalten hat Hannes Jung mit seinem Team ein neues Finanzierungskonzept in Form eines Mitgliedermodells entwickelt. Die Finanzierung sei in der Vergangenheit nicht immer einfach gewesen. Durch das Modell können Mitglieder mit Monatsbeiträgen den Verein unterstützen, wodurch die Eintrittspreise nicht steigen.

Läuft man durch das Areal, fällt nochmal auf, wie gemütlich der Space ist. Vor allem durch die Feuerschale, die Holzbänken und die Sauna selbst. Irgendwann steht Jung in dem Boot, in dem die Männer gesessen haben. Er erzählt, dass es sein Boot sei, das lange ungenutzt im Wasser stand und nun als weiterer Erholungsort mit Sofas und Decken fungiere. Von der Partynacht ist gar nichts mehr zu sehen und auch nach dem Gespräch bleibt der Eindruck vom Samstag gleich. Alles entspricht nicht restlos einer reinen Entspannungs- und Ruheatmosphäre, in der alle stillschweigenden nebeneinanderhervegetieren. Die DIY-Haftigkeit macht den Space zu einem Ort, der sich in seiner Imperfektion nicht ganz Ernst nimmt und damit eine Alternative zum normierten und steifen Charakter der klassischen Saunawelt bildet. Die Verbindung zwischen traditioneller Sauna- und Wellnesskultur mit Elementen aus Achtsamkeitspraxis, Yoga und Kulturveranstaltungen macht ihn in Leipzig definitiv einmalig.


> Paul-Langheinrich Straße 13, 04178 Leipzig (Böhlitz-Ehrenberg), Öffnungszeiten: Freitag: 17 – 23 Uhr, Sonntag: 15 – 22 Uhr


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