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Kultur

»Ich habe bis heute nicht verlernt, darüber zu staunen«

HNO-Arzt Michael Fuchs über die Verbindung von Medizin und Gesang

  »Ich habe bis heute nicht verlernt, darüber zu staunen« | HNO-Arzt Michael Fuchs über die Verbindung von Medizin und Gesang  Foto: Universität Leipzig

Sängerinnen und Sänger aus aller Welt, versiert auf alte Musik, auf zeitgenössische oder Pop-Stücke zeigen, wie vielfältig es klingen kann, seine Stimme zu erheben: Am 1. Mai beginnt die 26. Ausgabe des Internationalen Festivals für Vokalmusik »A cappella« in Leipzig mit allerhand Konzerten. Ein besonderer Programmpunkt ist der Vortrag von Michael Fuchs, Arzt und Leiter des Zentrums für Musikermedizin am Universitätsklinikum Leipzig. Er forscht zur Stimme und ist ein begeisterter Sänger. Während seiner Zeit im Thomanerchor lernte er Amarcord kennen, das Leipziger Vokalensemble von Welt, das Gastgeber des A-cappella-Festivals ist. Im Gespräch berichtet er über seine aktuelle Forschung, wie wir trainieren können unsere Stimme zu erheben sowie von seiner Begeisterung für Festival.

Welche Schnittmengen faszinieren Sie an dem Gesang und der Medizin, am meisten?

Verbunden sind die beiden Felder über das Phänomen Stimme. Einerseits nähern wir uns der Stimme in Forschung und klinischer Betreuung sehr analytisch, wir messen und beschreiben stimmliche Höchstleitungen sehr genau. Andererseits kann ich es sehr genießen, wenn mich Stimmen emotional und künstlerisch berühren. Es geht dabei nicht nur um Virtuosität oder eine technische Brillanz. Obwohl wir viel forschen, ist und bleibt die Stimme ein Faszinosum, dessen Geheimnisse nie ganz zu entschlüsseln sind. Ich habe bis heute nicht verlernt, darüber staunen zu können.


Letztes Jahr war die Stimme sogar Instrument des Jahres.

Ja, da ging es ein Jahr lang wirklich um dieses besondere Instrument. Es ist das älteste Musikinstrument überhaupt. Es ist insofern auch ein besonderes, als dass wir es nicht ablegen können. Ich kann es nicht in eine Schatulle oder in einen Instrumentenkoffer packen, sondern ich trage es immer in mir. Und natürlich hört man auch immer an meiner Stimme, wie es mir geht. Zudem ist es ist eben einerseits für das Singen ein tolles Instrument, aber auch für die zwischenmenschliche Kommunikation. Und was sicherlich bei der Stimme im Gegensatz zu allen anderen Instrumenten einzigartig ist, ist, dass wir gleichzeitig zu dem Klang, den wir erzeugen, artikulieren können. Kein Instrument kann Text rüberbringen. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass uns im Vergleich zu allen anderen Instrumenten die menschliche Stimme als Hörende ganz besonders berührt.


Was schätzen Sie am A-cappella-Festival in Leipzig besonders?

Die familiäre Vielfalt, die dort herrscht. Dieses gemeinschaftliche Klima habe ich bei keinem anderen Festival so erlebt. Alles ist mit Inbrunst und Herzblut gemacht. Und es zeigt jedes Jahr eine unglaubliche Vielfalt der Stimme. Da kommen wir wieder zurück auf die »Festival-Familie«: Beispielsweise ist es beim Abschlusskonzert überhaupt kein Problem, dass das ganze Publikum im Saal mitsingt, alle sind in der Begeisterung für die Stimme vereint. Das ist das, was auch mich am meisten begeistert.


Auch Sie sind wieder Teil des Festival-Programms. Sie halten einen Vortrag mit dem geheimnisvollen Titel
»verräterische Stimme«.

Der Vortrag will sich mit der Frage beschäftigen, was wir aus einem Stimmschallsignal an Informationen über eine Person entnehmen können. Wir erkennen ganz viel, wenn wir eine Stimme nur hören. Beispielsweise können wir in der Regel Geschlecht, Alter, Gemütszustand abschätzen. In der Medizin können wir sogar Krankheiten an dem Stimmklang und natürlich Stimmerkrankungen selbst erkennen. Ich will zeigen, was unsere Stimme eigentlich über uns verrät. Nicht immer wollen wir das. Wir geben auch viele Informationen unbewusst preis, was in der Forensik, beziehungsweise in der Kriminalistik genutzt wird, wenn Erpresseranrufe analysiert werden. Mir ist es dabei besonders wichtig, dass ich mein Publikum aktiv einbeziehe. In Hörversuchen werden wir gemeinsam viele Stimmen auf uns wirken lassen und mit einem Abstimmsystem beurteilen.


Das heißt, man kann lernen, die eigene Stimme zu erheben?

In allen Lebensphasen kann ich für die Stimme Gutes tun. Ich kann im Chor singen, ein Stimmcoaching oder eine Stimmausbildung absolvieren. Das lohnt sich auch im Alter noch. Ich betreue viele Patientinnen und Patienten, die zu mir sagen: »Meine Stimme ist im Alter schlechter geworden, ich bin nicht mehr so gut zu verstehen und deswegen habe ich gar keine Lust mehr in große Gesellschaften zu gehen.« Dem kann man mit Stimmtraining effektiv entgegenwirken. Das muss gar nicht viel und gar nicht wahnsinnig aufwendig sein, aber etwas für die Stimmwahrnehmung und den Stimmausdruck zu tun, beispielsweise viel kommunizieren, das ist in jeder Altersgruppe empfehlenswert. Und manchmal sieht man Menschen, die wirken von außen sehr schön und wenn dann der Mund aufgeht und die Stimme zu hören ist, brechen Welten zusammen. Da frage ich mich manchmal, warum sie nicht mehr tun, um mit ihrer Stimme attraktiv oder schön zu wirken. Auch stimmliche Fitness ist wichtig.


Sie waren beim Thomanerchor, wie ist es dazu gekommen?

Ich bin durch einen Zufall Thomaner geworden. Meine Eltern hatten darüber nachgedacht, da ich aber ihr einziger Sohn bin, hatten sie sich entschieden, dass ich mal lieber zu Hause bleiben solle. Umso größer war die Verwirrung, als eine Einladung zum Vorsingen ins Haus flatterte. Sie machten sich gegenseitig Vorwürfe, wer mich denn nur angemeldet hätte, ohne dem Anderen Bescheid zu sagen. In Wirklichkeit war es mein Musiklehrer, der einfach vergessen hatte, meinen Eltern das zu sagen.


Und was haben Sie im Thomanerchor besonders geschätzt?

Da kommt wieder das Einzelkind zum Tragen: Mir hat es gefallen, auf einen Schlag 90 Brüder zu haben. Ich schätze es sehr, gemeinsam zu singen, zu musizieren und ein gemeinsames Ziel verfolgen zu können. Klar, als Dritt- oder Viertklässler macht man sich das noch nicht so bewusst, aber dann mit zunehmendem Alter schätzt man die musikalischen Sternstunden sehr.


Sind Sie noch immer begeisterter Sänger?

Ja, ich bin begeisterter Sänger und ärgere mich manchmal, dass ich zu wenig Zeit habe, dieses wunderbare Hobby zu pflegen. Es benötigt eine gewisse Kontinuität für Probenarbeit, für die Konzerttätigkeit etc. Das lässt sich oft nur schwer mit meinem Beruf vereinbaren.


> Vortrag von Michael Fuchs, 9.5., 11 Uhr, Stadtbibliothek Leipzig

> 26. Internationalen Festival für Vokalmusik »A cappella«, 1. – 9. Mai, verschiedene Orte, www.a-cappella-festival.de


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