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Kultur

»Ahnen, Erben und Wurzeln: Wer gehört hier eigentlich dazu?«

Der Musikwissenschaftler Thomas Hindrichs über Rechtsrock und die Band Freiwild

  »Ahnen, Erben und Wurzeln: Wer gehört hier eigentlich dazu?« | Der Musikwissenschaftler Thomas Hindrichs über Rechtsrock und die Band Freiwild  Foto: Liefert gute Argumente, um Freiwild nicht zu hören: Musikwissenschaftler Thorsten Hindrichs/JGU Mainz

Wer dieser Tage mit aufmerksamem Blick durch die Stadt läuft, wird es nicht übersehen haben: Freiwild kommen mit zwei großen Konzerten in der Quarterback Arena nach Leipzig. Seit jeher polarisiert die Band um Frontmann Philipp Burger, der seine ersten musikalischen Erfahrungen einst in der Neonazi-Band Kaiserjäger machte. Heute gibt er sich einerseits geläutert und besucht Schulklassen, um mit ihnen über seinen Ausstieg aus der rechtsextremen Szene zu sprechen. Zugleich schimpft er über die öffentlich-rechtlichen Medien, singt patriotische Lieder über die Südtiroler Heimat und sucht die Nähe zu neurechten Medien. Alles nur ein Missverständnis? Wir haben mit dem Musikwissenschaftler Thorsten Hindrichs von der Universität Mainz gesprochen, der sich seit vielen Jahren mit Freiwild und der Rechtsrockszene beschäftigt.

Die Band Freiwild distanziert sich seit Jahren immer wieder von rechtsextremen Strömungen. 2015 etwa bezeichnete Philipp Burger die AfD und Pegida als »Idioten«. Sie scheint das nicht zu überzeugen. Warum nicht?

Ich weiß gar nicht, ob ich sagen würde, dass mich das nicht überzeugt.


Nicht?

Ich lese immer wieder, Freiwild seien eine Rechtsrock-Band. Und um das klar zu sagen: Das sehe ich nicht so. Der Musikjournalist Klaus Walter hat mal gesagt, es leben die feinen Unterschiede. Und an dieser Stelle sind die feinen Unterschiede wichtig.


Was ist denn kennzeichnend für klassischen Rechtsrock – und inwiefern fallen Freiwild aus diesem Raster heraus?

Rechtsrock ist in aller Regel durchtränkt von Menschenverachtung, die sich bis hin zu offen formulierten Vernichtungsfantasien streckt. Etwaiges findet sich bei Freiwild nicht. Ebenso kann ich bei Philipp Burger (Freiwild-Frontmann; Anm. d. Verf.) mittlerweile keine Verwurzelung in extrem rechten Strukturen mehr erkennen, was für mich aber ebenfalls ein klassisches Parameter für eine Einordnung im Rechtsrock-Milieu wäre.


Sie sagen: mittlerweile nicht mehr. War das mal anders?

Ja, Anfang der 2000er-Jahre war Burger kurzzeitig Mitglied bei Kaiserjäger – einer klassisch neonazistischen Band, die auf ihrem einzigen Album mehrere Songs mit massiv rassistischen Texten hatte. Berühmt geworden ist auch ein Foto aus dieser Zeit, auf dem Burger den Hitlergruß zeigt. Später hat er das Foto dann im Booklet eines Freiwild-Albums mitsamt einer kritischen Einordnung abdrucken lassen – so nach dem Motto: Ja, ich habe damals Mist gebaut.


Sollte die Frage nach der politischen Einordnung der Band damit dann nicht ad acta gelegt werden?

Was ich für problematisch halte, ist einerseits, dass für die eigene neonazistische Vergangenheit in der Regel die äußeren Umstände verantwortlich gemacht werden, was man auch sehr schön in der Autobiografie von Burger aus dem Jahr 2023 nachlesen kann. Demzufolge waren immer die anderen schuld, und man selbst habe dann halt mit ein bisschen Provokation reagiert. Zudem stört mich, dass die Distanzierung vom Rechtsextremismus vonseiten der Band in aller Regel immer verbunden wird mit einer gleichzeitigen Distanzierung von einem vermeintlichen Linksextremismus. Da wird dann wild mit Hufeisen um sich geworfen. Eine der wenigen Ausnahmen diesbezüglich war das eingangs erwähnte, relativ klar formulierte Statement aus dem Jahr 2015, in dem man sich von Pegida und der AfD distanziert hat. Ich habe damals öffentlich gesagt, dass ich diese Klarheit begrüße, zugleich aber hinzugefügt, dass man hinter diese Eindeutigkeit auch nicht mehr zurückfallen dürfe.


Und – ist die Band diesbezüglich bei ihrer Linie geblieben?

Nein. Spätestens mit den sogenannten »Corona-Tapes« (zwei Studioalben aus dem Jahr 2020; Anm. d. Verf.) hat man sich wieder in ambivalentere Fahrwasser begeben, den Frust über die geltenden Quarantänebestimmungen aufgegriffen und musikalisch verwertet. Diese Stoßrichtung ist in den letzten Wochen und Monaten noch mal deutlich klarer geworden. Denn in Vorbereitung der kommenden Tournee setzt die Band marketingtechnisch aktuell auf zahlreiche rechte Medienportale, in denen die Band zu Gast ist. Angefangen von Manuel Ostermann bis Apollo News lässt die Band dahingehend gerade nichts unversucht.


Vermuten Sie hinter dieser Zweigleisigkeit – Distanzierung von der Neuen Rechten bei gleichzeitiger Nähe zu ihren zentralen Akteuren – eher eine Strategie oder schlicht Naivität?

Naiv ist Burger ganz sicher nicht. Ich sehe dahinter vor allem den Drang nach Aufmerksamkeit. Burger will in der Öffentlichkeit präsent sein. Immer wenn eine neue Platte ansteht, versucht er, medial einen kleinen Skandal vom Zaun zu brechen, um Sichtbarkeit zu erzeugen. Zuletzt war das eine inszenierte Kontroverse um einen mittlerweile über zwei Jahre alten TV-Beitrag des ZDF-Magazins »Hallo Deutschland«, in dem ich mich kritisch zur Band geäußert habe. Dem Sender wird nun vonseiten des Umfelds der Band »Fälschung« vorgeworfen. Das reiht sich ein in eine lange Liste an Fällen, in denen Freiwild eine mediale Verzerrung sowie strukturelle Nicht-Beachtung der Band beklagen.


Der Autor Klaus Farin hat Freiwild vor gut 10 Jahren über längere Zeit begleitet und im Anschluss ein Buch über die Band geschrieben mit dem Untertitel »Südtirols konservative Antifaschisten«. Hat er recht? Sind Freiwild tatsächlich antifaschistisch einzuordnen?

Nein. Freiwild inszenieren sich zwar gern als Antifaschisten. Das rührt insbesondere aus ihrem kritischen Blick auf Mussolini und dessen faschistisch-italienischem Staat in den 30er-Jahren her, von dem sich die Menschen in Südtirol damals hintergangen gefühlt haben. Das wirkt bis heute nach. Doch daraus einen Antifaschismus abzuleiten, greift zu kurz, denn statt eines italienischen Nationalismus findet man nun aufseiten der Band eine patriotische Überhöhung der Südtiroler Heimat bis hin zu einer Blut-und-Boden-Ideologie vor.


Können Sie das konkretisieren?

Eine Verklärung der Heimat ist in der konservativeren Musikkultur Südtirols erst mal nicht ungewöhnlich. Die findet man etwa auch bei Heimatschlagerkombos wie den Zillertaler Schürzenjägern – von denen Burger in seiner Kindheit übrigens großer Fan war, und für die er in den letzten Jahren auch mehrere Songs geschrieben hat. In diesem Kontext ist Heimat meist ein naiver Sehnsuchtsort, der eng verbunden ist mit Kindheitserinnerungen. Bei Freiwild kommt aber noch ein anderer Aspekt hinzu: Die wiederkehrende Thematisierung von Ahnen und Erben, Wurzelmetaphoriken und ähnlichem. Da stellt sich schnell die Frage: Wer gehört hier eigentlich dazu und wer nicht? Wenn man den Texten von Burger folgt, sind Fragen wie diese dann tatsächlich über die Blutslinie zu regeln.


Sie beschäftigen sich nun schon seit vielen Jahren mit Phänomen wie dem Rechtsrock oder Freiwild, schreiben Texte und Bücher, halten Vorträge und versuchen dadurch, Licht ins Dunkel zu bringen. Zugleich ist Freiwild heute so populär wie noch nie. Glauben Sie eigentlich noch an das Mittel der Aufklärung? Oder sollte man die Band stattdessen medial ignorieren, um ihr den Nährboden für die Märtyrer-Inszenierung zu entziehen?

Ich bin mir dahingehend inzwischen unsicher. Das ist auch der Grund, warum ich vor vielen Jahren eigentlich auch gesagt habe, dass ich mich nicht mehr öffentlich über Freiwild äußern will. Aber dann hat es wiederum neue Entwicklungen gegeben, wegen derer ich meine Überlegung wieder revidiert habe. Einerseits glaube ich zwar nicht, dass wir mit diesem Interview irgendeinen hartgesottenen Freiwild-Fan überzeugen können. Andererseits würde ich sagen, dass Aufklärung letztlich doch eine Funktion im Sinne einer Selbstvergewisserung hat – insbesondere für jene, die bei Freiwild vielleicht ein indifferentes Bauchweh, aber noch keine stichhaltigen Argumente parat haben.


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