anzeige
anzeige
Kultur

Poesie der Peripherie

Die Wiener Choreografin Doris Uhlich rückt unsichtbar gemachte Menschen ins Zentrum

  Poesie der Peripherie | Die Wiener Choreografin Doris Uhlich rückt unsichtbar gemachte Menschen ins Zentrum  Foto: Für viele nur Luft: Die Unsichtbaren auf der Bühne

Ich bin unsichtbar.« »Ich verachtete die, die mich verachteten, mich da unten.« »Mit meiner Wohnung verlor ich meine Stimme.« Die Wiener Choreografin Doris Uhlich nimmt sich immer wieder Menschen in der Peripherie an. Wohnungslosigkeit ist ihr Thema in der Performance »Gap«, wo sie selbst Betroffene, also künstlerische Laien, berichten lässt.

»Das prekäre Leben steigt kontinuierlich an«, sagt Uhlich im kreuzer-Gespräch. »Das leistbare Wohnen nimmt auch in Wien ab, Wohnraum wird Luxus.« Fragen würden drängender auch bei Menschen, die sich zur Mittelschicht zählen: »Was kann man sich noch leisten?« Da schwinge das generelle Tabu mit, über Geld zu sprechen, so Uhlich. Sie fokussiert allerdings auf Menschen, die von besonderer Scham betroffen und ganz aus dem System gefallen sind.

»Wie fühlt es sich an, wenn man gar kein Auffangnetz mehr hat, auf der Straße zu leben? Welche Gründe führen dazu, welche gesellschaftlichen Verhältnisse und was sagt das über diese Verhältnisse aus?« Das sind ihre Fragen, wenn sie vermitteln will: »Es kann jeden treffen, das wird nur nicht offen ausgesprochen.«

Uhlich hat fürs Wiener Tanzquartier Workshops mit Menschen gestaltet, die Erfahrungen mit Wohnungslosigkeit sammeln mussten. Dabei fanden sie Ausdruck und Sichtbarkeit für diese Erfahrungen. Nach den Workshops wollten sie gern weitermachen, also machten sie weiter: »Wir gehen auf die Bühne, ins Zentrum, ins Rampenlicht.« Und zwar mit sechs Performern, die mit transparenten Luftobjekten auf der Bühne agieren. Diese aufgeblasenen Elemente wie Pyramiden, Kuben und Kegel dienen als verschiebbare »Grundbausteine der Stadt«, erklärt Uhlich. Sie verdeutlichen auch, dass Wohnungslose für ihre Umwelt Luft, unsichtbar sind.

Die Produktion sei weder Talkformat noch Nabelschau, kein voyeuristisches Ausstellen. Die Performer sollen Erfahrungen teilen, ohne zu Objekten zu werden. Es gibt Spielszenen, Berichte und Audioaufnahmen; unter anderem von jemandem, der nicht teilnehmen kann. »Er hat wieder ein Dach überm Kopf und würde gern mitmachen. Aber er ist so traumatisiert, dass er Angst hat, sein Zuhause wieder zu verlieren, wenn er rausgeht. So ist er über die Lautsprecher dabei.«

Sie als Choreografin interessieren die existenziellen körperlichen Zustände – und was sie im Innenleben auslösen. Sie möchte, dass das Publikum andere Perspektiven einnimmt: »Etwa die Welt von unten zu sehen, wie wenn man auf der Straße sitzt. Dazu gehört natürlich auch die Widersprüchlichkeit, dass Menschen auf der Straße auch eine gewisse Freiheit empfinden können, die sie in geregelten Strukturen nicht haben.« Wichtig ist dabei für Uhlich das Verhältnis von Zentrum und Peripherie. Wohnungslose und Bettelnde werden von Passanten kaum wahrgenommen und oft von den Behörden aus den Stadtzentren, aus der Sichtbarkeit verdrängt.

»Doris Uhlich erschafft poetische, vornehmlich das Emotio adressierende Bilder«, lobt eine Rezension in einem österreichischen Kulturmagazin. »Sympathie und Empathie für die sechs auf der Bühne zu empfinden, ist eine der Stärken dieses Stückes. Eine andere ist, Nähe zu diesen unserer Sphäre entrückten Leben zu erzeugen.«

Nicht nur die Wiener Produktion wird in der Schauspiel-Residenz zu sehen sein. Uhlich hält eine Workshopwoche ab, um »mit Wohnungslosen hier in Kontakt zu kommen, mit ihnen über sich zu reden, über ihre Lage und ihre Überlebensstrategien.« Das Schauspiel Leipzig hat Interessenten organisiert, mit denen Uhlich ins Gespräch kommen möchte. Zu was genau das dann führt, kann sie noch nicht sagen. »Es wird eine Präsentation zu sehen sein, die Form ist noch offen.«

In Wien ist sie mit den Teilnehmenden in die Öffentlichkeit gegangen, hat so den öffentlichen Raum erobert. »Sie haben das Publikum an ehemalige Orte geführt, wo sie gelebt haben. Das macht etwas mit dem eigenen Körper, wenn man sieht, wo ein Mensch auf der Straße geschlafen hat.« Ob sie auch in Leipzig den öffentlichen Raum zur Bühne macht, wird sich zeigen. »Die Teilnehmenden teilen mit, was sie mitteilen wollen und wie sie es mitteilen wollen.« In jedem Fall sei ihre, Uhlichs, Message deutlich: »Ein Absturz kann jeden treffen, das wird nur gesellschaftlich verschleiert.«


> »Gap«: 28.5. (Premiere), 29.–31.5., 20 Uhr, Residenz
> Workshop: 17.–22.5., Präsentation: 22.5., 20 Uhr, Residenz


Kommentieren


0 Kommentar(e)