anzeige
anzeige
Stadtleben

Streit gesucht – Zuversicht gefunden?

Zwischen leeren Stuhlreihen zeigt sich, dass Demokratie Räume zum Mitmachen braucht

  Streit gesucht – Zuversicht gefunden? | Zwischen leeren Stuhlreihen zeigt sich, dass Demokratie Räume zum Mitmachen braucht  Foto: Leonie Brommer

»Das 20. Jahrhundert ist endgültig vorbei«, singt der Musiker Hannes Wittmer am vergangenen Freitag im historischen Volkspark in Halle. Nur mit der eigenen Gitarre begleitet, steht er im rötlichen Licht des großen Saals. Das Zukunftsfestival, das vom 12. Bis zum 13. Juni zum ersten Mal in Halle stattfindet, beginnt mit einem Nachruf auf das letzte Jahrhundert. Dabei soll es bei dem Festival, das von der Zeit Stiftung Bucerius und der Stiftung Bürger für Bürger veranstaltet wird, explizit um ein Nachvorneschauen gehen. Zusammen mit 38 regionalen und überregionalen Partnerorganisationen haben die Stiftungen ein Programm aus Live-Talks, Workshops und Konzerten auf die Beine gestellt. Unter dem Motto »Streit & Zuversicht«, sollte diskutiert, produktiv gestritten und Zuversicht gewonnen werden.

»Unsere Demokratie steht unter Druck. Gerade in diesen Zeiten braucht es eine aktive Zivilgesellschaft«, erklärt Olaf Ebert, Geschäftsführer der Stiftung Bürger für Bürger. Das Zukunftsfestival solle deshalb Initiativen, Vereine und engagierte Menschen zusammenbringen, Debatten anregen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. »Denn eine starke Zivilgesellschaft ist der beste Schutz für die offene und vielfältige Gesellschaft, in der wir auch zukünftig leben möchten – hier in Halle, Sachsen-Anhalt und darüber hinaus.«

Von einer vielfältigen Gesellschaft ist während der Eröffnung des Festivals jedoch nur wenig zu spüren. Von den rund 200 Stühlen im Saal ist vielleicht die Hälfte besetzt. Viele der Teilnehmenden tragen Schlüsselbänder und weisen sich so als Teammitglieder aus. Laut Programm sollte Halles Oberbürgermeister Alexander Vogt anwesend sein, der lässt sich jedoch kommentarlos von Judith Marquardt vertreten, der Beigeordneten für Kultur und Sport der Stadt Halle. Obwohl es bei dem Festival vor allem um das Miteinander gehen soll, tauschen sich die Panelteilnehmenden wenig aus. Nacheinander betonen sie die Wichtigkeit einer produktiven Streitkultur, die Notwendigkeit unterschiedliche Meinungen auszuhalten und Kompromisse zu finden. Der zum Abschluss gesungene Song von Hannes Wittmer trägt den Titel »Die Beschissenheit der Welt«.

Dieser musikalische Kommentar zur aktuellen Weltlage könnte den Raum für Gespräche öffnen, doch auf dem Programm steht direkt das nächste Panel. Die Dokumentarfilmerin Kim Schibilla spricht gemeinsam mit Moderator Jean-Christoph Caron über ihren aktuellen ARTE-Film, der sich mit dem Rechtsruck in den 60er-Jahren beschäftigt. Zeit für Fragen aus dem Publikum bleibt nur wenig. Das Ehepaar Sibylla und Jürgen Schmidt, das das Festival besucht, zieht trotzdem ein positives Fazit der ersten eineinhalb Stunden der Veranstaltung. »Das ist eine Grundlage. Wir gehen heute zum Freitagskreis und da tragen wird das weiter und diskutieren das«, erzählt Sibylla Schmidt. Das Überbleibsel aus der DDR dient heute nicht mehr dem Büchertausch, aber immer noch dem kritischen Denken.

In Gesprächen mit Besucherinnen und Besuchern des Festivals zeigt sich schnell, dass es für diese vor allem darum geht, selbst endlich aktiv zu werden oder zu bleiben. »Ich bin so perplex, dass die AfD hier in Sachsen-Anhalt so eine große Rolle spielt, dass ich gerne was dagegen tun möchte«, erzählt Sibylla Schmidt. Auch für Amani, die nur mit ihrem Vornamen genannt werden möchte, war der Empowermentgedanke ausschlaggebend für den Festivalbesuch. »Ich komme aus der Nähe von Leipzig und wohne da in einer Kleinstadt. Ich merke schon, als eine Person mit Migrationshintergrund, dass die Fronten härter werden. Dass Leute anders auf einen reagieren, als sie es vor ein paar Jahren gemacht haben. Deswegen finde ich es wichtig, bei solchen Veranstaltungen vorbeizuschauen«.

Besonders begeistert war die junge Frau von der Unterhausdebatte, die im kleinen Saal des Volksparks stattfand. Auf Fragen wie »Denken Sie, die deutsche Gesellschaft ist in den letzten 100 Jahren gerechter geworden?« wurde lediglich mit einer Positionierung im Raum geantwortet. Wer mag, konnte seine Position auch argumentativ erklären. »Ich hatte nie das Gefühl, dass sehr harte Fronten bestanden. Selbst in der Diskussion habe ich oft gemerkt, dass ich Leuten auf der Gegenseite zum Teil zugestimmt habe«, erzählt Amani.

Die vor Ort geführten Gespräche hinterlassen einen weitaus positiveren Eindruck als der erste skeptische Blick aufs Programm. Der Erfolg der Veranstaltung hängt weniger an einzelnen Programmpunkten und mehr an direkten Gesprächen zwischen den Besuchenden, die ohnehin ähnlich ticken. Neben der großen Bühne hört man einander zu und findet Gemeinsamkeiten. Polarisierende Meinungen oder ein breites politisches Spektrum sucht man an dem ersten Festivaltag jedoch vergeblich. Letztlich bleibt die Veranstaltung ein Treffen von der Bubble für die Bubble. Von demokratischen Werten wird an diesem Tag niemand neu überzeugt. Vielmehr geht es darum, das eigene demokratische Fundament zu stärken und sich gegenseitig Rückhalt zu geben.


Kommentieren


0 Kommentar(e)