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Stadtleben

Immer im Fluss bleiben

Eine mehrtägige Paddeltour im Havelquellgebiet führt durch fast unberührte Natur

  Immer im Fluss bleiben | Eine mehrtägige Paddeltour im Havelquellgebiet führt durch fast unberührte Natur  Foto: Adobe Stock

Lautlos gleitet das Boot durchs Wasser. Umgestürzte Baumstämme ragen in die Havel im Müritz-Nationalpark. Gürtel aus dichtem Schilf legen sich um die Ufer der Seen. Darüber kreisen Schwarzmilane, aus der Ferne sind Kranichrufe zu hören, Kormorane bewegen sich im Tiefflug über die Wasseroberfläche. See- und Teichrosen wachsen üppig auf den stillen Gewässern. Sind sie es, die diesen verführerischen Duft verströmen, oder sind es andere Gewächse aus den nahe liegenden Wäldern? Das Gefühl, sich in unberührter Natur zu befinden, stellt sich ein. In der reizvollen Landschaft der Mecklenburgischen Seenplatte gibt es vier Naturparks und einen Nationalpark. Die alten Buchenwälder mit Seen und Mooren rund um Serrahn im Müritz-Nationalpark sind einmalig und wurden deshalb zum UNESCO--Weltnaturerbe ernannt. Für sieben Tage ist ein über fünf Meter langes Kajak unser Fortbewegungsmittel durch die wunderschöne Landschaft aus Seen, Flüssen und sanften Hügeln.

Die Reise beginnt etwa achtzig Kilometer südlich an der Kanustation Granzow im Müritz-Seen-Park, von Leipzig gut drei Autostunden entfernt. Die umfangreiche Campingausrüstung findet, wasserdicht verpackt, problemlos Platz in den Luken der ausgeliehenen Boote. Durch das Granzower Möschen paddelt es sich unbeschwert in den Mirower See: Die Türme der Mirower Schlossinsel sind schon von Weitem zu sehen. Das Schloss aus dem Jahr 1709 – ehemaliger Witwensitz der Herzogin Christiane Aemilie Anthonie von Mecklenburg-Strelitz – beherbergt heute ein Museum mit einer unterhaltsamen Ausstellung über die Gepflogenheiten der damaligen Schlossbewohner und -bewohnerinnen. Nach dem Museumsbesuch lockt die Ruhe im Park. Auf geschwungenen Wegen, am Ufer des Sees, in barocken Alleen oder auf der Liebesinsel lässt es sich herrlich lustwandeln. Die Fischerei Wesenberg mit eigenem Anlegesteg bietet eine Stärkung mit Fisch aus heimischen Gewässern. Danach geht es paddelnd weiter auf dem südlicher gelegenen Zotzensee. Starker Gegenwind macht das Vorwärtskommen schwierig. Auch dunkle, gewitterschwere Wolken verheißen nichts Gutes. Glücklicherweise ist der Naturcampingplatz C42 in greifbarer Nähe. Am nächsten Tag steht die Überquerung von Mössen- und Vilzsee bevor, der Übergang vom Zotzensee ist nahtlos. Nach der Fahrt durch die danach folgende Diemitzer Schleuse bietet es sich an, am Biber-Ferienhof zu rasten. Im hofeigenen Bioladen werden unter anderem eigene Erzeugnisse verkauft. Gestärkt paddelt man weiter in westlicher Richtung auf dem Labussee und durch den Dollbeck, eine von Motorbooten freie Wasserstraße zum Gobenowsee. Der dortige Campingplatz bildet das Ende dieser Etappe und bietet das seltene Erlebnis eines Schlaffasses.


Seeadler, Fischadler und Schreiadler

Der nächste Reisetag verspricht ein echtes Abenteuer zu werden. Das Ziel ist Wesenberg, das man durch die wildromantische Schwaanhavel erreicht. Zuvor gilt es aber noch, das Boot umzutragen, um vom Klenzsee auf den wiederum westlich gelegenen Plätinsee zu gelangen. Mit dem mitgenommenen Bootswagen, eine Art kleine Sackkarre, gelingt diese Anstrengung über 350 Meter, und sie lohnt sich, denn auch der Plätinsee darf nur von Booten ohne Motor befahren werden. Man paddelt in absoluter Ruhe durch das Naturschutzgebiet, ohne lästige Wellen von überholenden Yachten. Grüne Tonnen zeigen die erlaubte Fahrrinne durch den See und den Einstieg in die Schwaanhavel nördlich davon. Dieses Gewässer ist an manchen Stellen extrem flach und erfordert das Ziehen des Bootes, Treideln genannt. Das Manövrieren mit solch einem langen Boot ist gar nicht so einfach. Stellenweise wirkt die Landschaft sehr wild, urwaldartig. Kurvenreich mit tiefliegenden Ästen und viel Schilf mündet die Schwaanhavel in die »richtige« Havel. Über die Schleuse Wesenberg geht es weiter zum Etappenziel Kanumühle, wo ein echtes Zimmer mit Bett wartet. Wesenberg ist ein hübscher Ort mit holprigen Pflastersteinen und herausgeputzten Häuschen. Immer wieder trifft man auf Schilder mit dem Titel »Wesenberg und seine Veränderungen«, die die Geschichte der Stadt dokumentieren. Etwas erhöht liegt eine Burg aus dem 13. Jahrhundert. Außer der Tourist-Information befindet sich dort ein in die Jahre gekommenes Museum mit verstaubten und nicht sonderlich gepflegten Exponaten, zum Beispiel zur Historie der Eisfischerei. Vom nebenliegenden Fangelturm hat man einen schönen Blick über den nordöstlich gelegenen Woblitzsee. Dieser ist Teil der nächsten Tagesetappe, ebenso der Große Labussee westlich davon. Dort wartet die nächste Herausforderung, denn die Schleuse Zwenzow ist nicht in Betrieb. Die Alternative, um in den höher gelegenen Useriner See zu gelangen, ist eine Bootsschleppe – ein Wagen auf Schienen, auf den das Boot einfach gleiten und anschließend über Land bewegt werden kann. Es gilt, noch drei weitere Seen und deren Verbindungen in westlicher Richtung zu queren, bis der Ort Babke erreicht ist. Dieser befindet sich im Havelquellgebiet, die Kernzone des Nationalparks. Seeadler, Fischadler und der seltene Schreiadler fühlen sich hier heimisch. Um die Runde mit dem Kajak zur Ausgangsstation Granzow fortführen zu können, ist ab Babke ein Transfer mit dem Bootstaxi nötig. Dieses shuttelt Boote samt Besatzung zum Leppinsee. Die letzten Kilometer der insgesamt über achtzig Kilometer langen Strecke zurück zum Ausgangsort Granzow führen an Teppichen von Seerosen auf dem Großen Kotzower See vorbei, genannt Seerosenparadies. Es verdient diesen Namen unbedingt.


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