anzeige
anzeige
Kultur

Ihre Geschichte

Die Kustodie eröffnet ein interessantes Kapitel der Universitätsgeschichte: das zur Rolle von Frauen (nicht nur) in der Kunstsammlung der Hochschule

  Ihre Geschichte | Die Kustodie eröffnet ein interessantes Kapitel der Universitätsgeschichte: das zur Rolle von Frauen (nicht nur) in der Kunstsammlung der Hochschule  Foto: »Flakstellung bei Staßfurt«: 1941 von Elisabeth Voigt für das Luftfahrtministerium geschaffen, heute im Besitz der Kunstsammlung der Uni Leipzig

Geschmückt mit Lorbeerkränzen und in historischer Kleidung laufen neben einem Festwagen einige Frauen. Sie tun dies in der sogenannten historischen Abteilung des Aufzugs anlässlich des 500. Gründungsjubiläums der Leipziger Universität im Jahr 1909. Auf dem Wagen verkörpern Schauspielerinnen die Musen und Athena – die Schutzpatronin der Wissenschaft. – Zu sehen ist die Fotografie in der aktuellen Ausstellung »Athena und ihre Töchter. Frauen in der Kunstsammlung der Universität Leipzig«. Interessant ist dabei, warum die lorbeerbekranzten Frauen – Studierende an der Universität, die seit 1906 offiziell Frauen zuließ, nachdem diese seit 1873 Gasthörerinnen bei Lehrveranstaltungen sein durften, wenn der jeweilige Dozent es erlaubte – damals in der »Geschichtsabteilung« aufliefen und nicht etwa für die Gegenwart, geschweige denn für die Zukunft standen.

Dass der damals neu offiziell gewährleistete Hochschulzugang für Frauen keine Veränderung im Geschlechterverhältnis unter den Studierenden oder Lehrenden in den nächsten Jahrzehnten zur Folge hatte, zeigt die Ausstellung sehr deutlich. Sie thematisiert die Rolle von Frauen an der Universität allerdings auf unterschiedlichen Ebenen.

In sechs Kapiteln sind hier Frauen auf Leinwänden – etwa als Sportlerinnen oder als Studierende, Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen, Stifterinnen aus vergangenen Jahrhunderten wie auch gelehrte Frauen aus dem 17. Jahrhundert – und von Frauen produzierte Objekte, Frauen als Projektionsfläche und schmückendes Beiwerk an Gebäuden zu sehen.

Insbesondere das Kapitel zu den Stifterinnen wie Rahel Amalia Auguste Trier (1731–1806), die ihren Garten und Gebäude der Universität zur Einrichtung einer Hebammenschule schenkte, zeigt die Wirkungen bis in die Gegenwart – innerhalb der Universitätsfrauenklinik existiert bis heute das Triersche Institut als Name. Die ausgestellten Objekte stammen aus der universitären Kunstsammlung, die mehr als 10.000 Objekte, darunter aber Werke von nur ungefähr hundert Künstlerinnen umfasst – wie von Philippine Wolf-Arndt (1849–1940) das »Bildnis des Sinologen Prof. Dr. August Conrady« aus dem Jahr 1916 oder der große und farbenfrohe Gobelin von Ursula Mattheuer-Neustädt (1926–2021): »Hommage à Johannes R. Becher (Schritt der Jahrhundertmitte)« (1972/73) entstand als Auftragsarbeit für den Neubau der Karl-Marx-Universität Leipzig. Die Gobelinweberin Hedwig Petzold benötigte in den Halleschen Werkstätten für Webereierzeugnisse mehr als 2.500 Arbeitsstunden für dessen Herstellung. Mattheuer-Neustädt selbst steht darauf fast zentral mit einem Pinsel in der Hand an einer Staffelei. Der Künstlerin, die am 10. Juli vor hundert Jahren in Plauen geboren wurde, widmet – dies sei am Rande bemerkt, weil das Museum der bildenden Künste im nächsten Jahr lediglich ihrem Mann Wolfgang Mattheuer zum 100. Geburtstag eine Einzelschau zugesteht – das Deutsche Buch- und Schriftmuseum eine virtuelle Ausstellung, die ihre Biografie und Werke vorstellt, sowie die Stadtbibliothek ab dem 10. Juli die Ausstellung »Entdeckungen – Ursula Mattheuer-Neustädt zum 100. Geburtstag«. Interessant im Ausstellungskontext wäre sicher auch gewesen, wo das Werk auf dem Campusgelände vor 1989 zu sehen war.

Die Hängung der Arbeiten von Elisabeth Voigt (1893–1977) und Lea Grundig (1906–1977) verweisen auf das große Potenzial der Ausstellung für weitere und umfassendere Ausstellungen. Grundig flüchtete als Jüdin und Kommunistin aus Deutschland nach Palästina und kehrte 1948 zurück. Voigt, die bis 1933 als Meisterschülerin bei Käthe Kollwitz studierte, arbeitete danach freischaffend in Berlin, ehe sie 1945 in ihre Heimatstadt Leipzig zurückkehrte und hier an der Hochschule für Grafik und Buchkunst sowie an der Universität lehrte.

Von Lea Grundig sind zwei Blätter aus dem Kaltnadelradierungs-Zyklus »Deutscher Bauernkrieg« (1956/57) zu sehen. Daneben hängt das Gemälde »Flakstellung bei Staßfurt« aus dem Jahr 1941 von Elisabeth Voigt, eine Auftragsarbeit fürs Luftfahrtministerium, das über eine nicht näher datierte Schenkung in die Universitätssammlung gelangte. Im Ausstellungstext steht zudem, dass die im Vordergrund zu sehende Bäuerin mit Sense wahrscheinlich erst später einen vormals dort stehenden Wehrmachtssoldaten ersetzte. Aber nicht nur diese Konstellation zeigt, dass es noch vieles zur Universitätsgeschichte und zur Kustodie zu entdecken gilt. Interessant wäre zum Beispiel, wann die Kunstwerke Eingang in die Sammlung fanden, wo sie wann und wie hingen.

Aus einer Grafikmappe zu Leipziger Kunsthistorikern aus dem Jahr 1981 ist zum Beispiel Annette Peuker-Krispers Porträt von Anneliese Hübscher (1932–2018) zu sehen, die an der HGB Kunstwissenschaften lehrte – wie auch Ulrich Hachullas Porträt von Renate Hartleb (1939–2022), die am MdbK arbeitete, und Walter Libudas Porträt von Ina Gille (*1946), die als freie Kunstwissenschaftlerin unter anderem die Galerie Nord leitete. Auch wenn Renate Hartleb als Mappenherausgeberin agierte, stellte diese mehrheitlich Männer dar. Dieses Ungleichgewicht zeigt auch die Ausstellungsgeschichte der Kustodie in der aktuellen Schau am Beispiel der Galerie im Hörsaalbau: Dort wurde zwischen 1979 und 1989 genau eine Einzelausstellung einer Künstlerin präsentiert: 1982 von Gabriele Meyer-Dennewitz (1922–2011), die von 1969 bis 1982 das Institut für Kunsterziehung leitete. Sie ist in der jetzigen »Athena«-Ausstellung mit dem Gemälde »Karl Marx und seine Tochter Jenny« vertreten. Es handelt sich dabei um eine Auftragsarbeit der Universität für das Wohnheim Jenny Marx, das 1963 bis 1965 in der Goethestraße nach den Plänen von Horst Krantz (1927–2020) entstand und heute unter anderem das Studentenwerk beheimatet.

Eine Wand in der Galerie zeigt die Darstellung von Sportlerinnen, die vor 1989 im Zusammenhang mit der Etablierung der Wissenschaftsdisziplin Sportästhetik Eingang in die Kunstsammlung der Deutschen Hochschule für Körperkultur und nach deren Auflösung in die Sammlung der Kustodie fanden. Zu sehen ist dort auch Katharina Witt, gemalt vom Leipziger Künstler Heinz Wagner (1925–2003). Interessant an diesem Porträt aus dem Jahr 1986 in der für Wagner typischen Darstellungsweise zwischen realistisch und abstrakt ist der eher grau-stumpfe Farbeindruck von Witt in Alltagskleidung, ohne auch nur einen Verweis auf ihre sportlichen Erfolge im Eiskunstlaufen zu geben.


> »Athena und ihre Töchter. Frauen in der Kunstsammlung der Universität Leipzig«: bis 11.7., Di–Fr 14–18, Sa 11–14 Uhr, Galerie im Neuen Augusteum – Führung: 11.7., 11 Uhr
> Ausstellung »Entdeckungen – Ursula Mattheuer-Neustädt zum 100. Geburtstag«: 10.7.–2.10., Stadtbibliothek


Kommentieren


0 Kommentar(e)