anzeige
anzeige
Stadtleben

»Man hält die Augen offen«

Besonders für kleine CSD-Teams wie in Geithain sind Sicherheitskonzepte zentral

  »Man hält die Augen offen« | Besonders für kleine CSD-Teams wie in Geithain sind Sicherheitskonzepte zentral  Foto: Eindrücke vom CSD 2025 in Borna/ CSD Landkreis Leipzig

Immer mehr Veranstaltungen zum Christopher-Street-Day finden im ländlichen Raum Sachsens statt – mit steigenden Teilnehmendenzahlen, aber auch wachsender Gegenmobilisierung. Eine Erhebung des Kulturbüro Sachsen zeigt: Besonders An- und Abreise gelten als Risikofaktor. Für kleine Teams wie das »CSD Landkreis Leipzig«-Bündnis, das den CSD in Geithain am 12. Juli organisiert, bleibt Sicherheit eine zentrale Herausforderung – und die Frage, wie sichtbar Queerfeindlichkeit für Behörden und Verwaltung ist.

Ein bisschen ist es, wie eine Party zu veranstalten: Kurz davor wird die Sorge lauter – was ist, wenn niemand kommt? Zehn Tage vor dem 12. Juli steckt das kleine Organisationsteam längst in der heißen Phase. Kurzfristig fallen letzte Aufgaben an, eine Pressemitteilung muss noch raus, die den Christopher-Street-Day in Geithain ankündigt. Es ist ein bislang ungekanntes Event für die 7.000-Seelen-Kleinstadt zwischen Leipzig und Chemnitz.

Wie die Stimmung ist? Maximilian Anger, Teil des siebenköpfigen Kernteams, zeigt sich freudig aufgeregt. Gemeinsam mit einem unterstützenden Umfeld – überwiegend Privatpersonen, teils parteipolitisch engagiert – will das Bündnis »CSD Landkreis Leipzig« in der Pride-Saison 2026 erneut ein Zeichen für Vielfalt und Toleranz setzen. Und das bewusst im Leipziger Land, das bislang kaum als Ort für Pride-Veranstaltungen in Erscheinung trat. Es wird die dritte überhaupt im Landkreis sein.

Nachdem in Wurzen vor zwei Jahren der erste CSD stattgefunden hat, fand sich Maximilian Anger 2025 mit anderen Personen in einem losen Bündnis zusammen: Man wollte eine Pride in Borna auf die Beine stellen. Die Gruppe hatte außerdem eine größere Vision: »Wir wollen durch den ganzen Landkreis ziehen«, erklärt der 28-Jährige, der in Espenhain aufgewachsen ist.


Höchstzahl an CSD-Veranstaltungen – und rechtsextremer Gegenmobilisierung

Kleine Veranstaltungen wie in Geithain reihen sich in die wachsende Pride-Bewegung ein: 2025 fanden deutschlandweit so viele CSDs wie nie zuvor statt – in Sachsen 17 Stück – und auch die Zahl der Teilnehmenden ist gestiegen. Dem gegenüber steht ein Höchststand rechtsextremer Gegenmobilisierung, die sich zunehmend professionalisiert, so die Amadeu-Antonio-Stiftung im Sicherheitsreport zur CSD-Saison 2025: Fast die Hälfte aller bundesweiten Veranstaltungen im Jahr 2025 wurden laut der Stiftung gestört oder angegriffen.

»Die Gefährdungslage ist definitiv da«, sagt Organisator Anger, auch mit Blick auf andere Veranstaltungen: In Bautzen schlossen sich 2025 der rechtsextremen Gegenveranstaltung rund 450 Personen an, gegen das Organisationsteam in Altenburg gab es konkrete Morddrohungen. Auf die Pride in Borna im vergangenen Jahr blickt Anger dennoch positiv zurück: »Der Polizeischutz vor Ort hat gut funktioniert.« Gemeinsam mit Privatpersonen, die zusätzlich für die Sicherheit verantwortlich waren, und der Solidarität unter den Teilnehmenden habe er sich bei der Veranstaltung grundsätzlich sicher gefühlt.


An- und Abreise als Schwerpunkt des Sicherheitskonzepts

Welche Auswirkungen rechte Gegenmobilisation auf das Sicherheitsempfinden der Teilnehmenden haben, hat das Kulturbüro Sachsen erstmalig für die sächsischen CSDs im Vorjahr untersucht – mit einer Erhebung unter rund 2700 Teilnehmenden, etwa zu erlebten Beleidigungen und Bedrohungen: Nach der nicht repräsentativen Studie gingen 60 davon auf rechte Gegenmobilisierung zurück, etwa ein Viertel auf Privatpersonen, die an den Veranstaltungen vorbeikamen.

Laut Kulturbüro-Erhebung gilt als Hauptrisikofaktor die An- und Abreise, insbesondere im Falle von Zusammenstößen mit rechten Gruppen. So ist im Sicherheitskonzept für den Geithainer CSD neben Awareness und Ordnerinnen und Ordnern die organisierte An- und Abreise das zentrale Thema. Auch in diesem Jahr wird es eine gemeinsame Zugfahrt geben, für die sich Teilnehmende sammeln können.

Weil das Organisationsteam recht klein sei, habe man sich auch in diesem Jahr gegen eine Laufdemo entschieden, stattdessen findet eine Kundgebung auf dem Geithainer Bahnhofsvorplatz statt. Das Bündnis rechnet mit etwa 300 Teilnehmenden – inklusive einer breiten Unterstützung aus Leipzig: für die Veranstaltenden ein wichtiges Zeichen einer gemeinsamen Community. »Weil die Hemmschwelle viel höher ist, zu einer kleinen Veranstaltung mit etwa 100 Leuten zu gehen«, so Anger.


Zusammenarbeit mit Kommunen und Polizei

Zentral in der Vorbereitung ist für die Gruppe auch der Kontakt mit den lokalen Behörden und Kommunen. »Im letzten Jahr konnten wir in Borna die Gleichstellungsbeauftragte einbinden«, sagt Anger. Diese habe das Team aus der Stadtverwaltung heraus unterstützt und sogar einen Redebeitrag gehalten. In Geithain ist dieser Posten hingegen nicht besetzt – was keine Rarität im Landkreis ist, so Konstanze Morgenroth, Gleichstellungsbeauftragte im Landratsamt des Landkreis Leipzig: Lediglich in Markleeberg und Borna sei die Stelle überhaupt besetzt, obwohl Kommunen laut Satzung dazu verpflichtet seien.

Sie hingegen wird am 12. Juli teilnehmen und hat bereits einen Redebeitrag vorbereitet. »Es ist wichtig, dass der CSD stattfindet und eine Sichtbarkeit für die queere Community gegeben ist«, sagt sie im Gespräch mit dem kreuzer. Besonders im ländlichen Raum bedeute Sichtbarkeit mehr Mut als in Leipzig oder Dresden, weil die Anonymität fehle. Darum hofft Morgenroth im Vorhinein auch auf einen angemessenen Polizeischutz.

Seitens der Geithainer Stadtverwaltung ist das Interesse am CSD eher verhalten: Auf der städtischen Website ist das Event nicht als Veranstaltung aufgeführt. »Wir blicken neutral auf den CSD und haben ihn wie eine andere öffentliche Veranstaltung genehmigt«, so Elisabeth Hausen aus dem Ordnungsamt. Organisatorisch sei man lediglich in die Bereitstellung der Veranstaltungsfläche involviert.

Und dann sind da noch die Abstimmungen mit der Polizei. Vielerorts werden Forderungen nach einer stärkeren Trennung von CSDs und Gegendemonstrationen laut. Zugleich berichten manche Teilnehmende laut der Kulturbüro-Erhebung, auch die Polizei als bedrohlich wahrgenommen zu haben. »Im Gespräch vorab haben wir uns nicht ganz ernst genommen gefühlt«, sagt Anger über das Kooperationsgespräch mit der Polizei vor dem Bornaer CSD im vergangenen Jahr. Mit dem Einsatz selbst sei er anschließend jedoch zufrieden gewesen. In diesem Jahr wolle sich die Behörde auf das Schutzkonzeptes des Vorjahres verlassen, so die Polizeidirektion auf kreuzer-Anfrage. Zum aktuellen Zeitpunkt seien keine Gegenproteste angemeldet oder Hinweise auf Störungen vorliegend.


Feindseligkeiten im Netz

Doch Feindseligkeiten gehören bereits während der Planung dazu – überwiegend über Social Media. »Man hält schon die Augen offen«, sagt Anger, der daher immer wieder die Kommentare in den sozialen Medien scannt. Im Vorjahr habe das Team einige davon zur Anzeige gebracht hat. In diesem Jahr halte es sich noch in Grenzen. Da viele aus dem Veranstalterteam auch parteipolitisch vernetzt seien, könne man auf ein Netzwerk zählen, das ein Gespür für mögliche Gegenmobilisierung habe.

Trotzdem schwingt für den Veranstalter immer die Sorge mit: Was, wenn doch ein Neonazi-Block auftaucht? Die Erfahrungen aus dem Vorjahr lassen Anger jedoch hoffen, dass sich im ländlichen Raum nicht überall das Bild eines massiven Gegenwinds bestätigt. Und so lässt er sich von seiner Hoffnung tragen: Vielleicht gewinnt die Liebe gegenüber dem Hass.


> CSD Geithain, 12.7., 14 Uhr, Bahnhofsvorplatz 


Kommentieren


0 Kommentar(e)