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Stadtleben

Blühende Landschaften

Pödelwitz sollte 2012 eigentlich abgebaggert werden – stattdessen entstehen am Rande des Tagebaus Vereinigtes Schleenhain Pläne für ein sozial-ökologisches Modelldorf

  Blühende Landschaften | Pödelwitz sollte 2012 eigentlich abgebaggert werden – stattdessen entstehen am Rande des Tagebaus Vereinigtes Schleenhain Pläne für ein sozial-ökologisches Modelldorf  Foto: Jonas Fritzsche

»Privatgelände!« ist auf vielen Schildern in Pödelwitz zu lesen, dahinter leer stehende Häuser mit wuchernden Gärten, die Rollläden auf halber Höhe. Im Jahr 1350 wurde das Dorf Pedelwicz zum ersten Mal urkundlich erwähnt, 1960 wohnten im Ort 350 Menschen. »Hier war so viel los, dass die Leute es nicht mal mehr in die nächste Kleinstadt geschafft haben«, sagt Lio vom Verein Pödelwitz hat Zukunft. »Es gab einen Gasthof, einen Konsum, eine Schule und mehrere Betriebe.«

2012 beschlossen Vertreter der Mitteldeutschen Braunkohlegesellschaft (MIBRAG) und der Stadt Groitzsch, Pödelwitz wegen des Tagebaus Vereinigtes Schleenhain umzusiedeln. Bis 2018 waren bereits 80 Prozent der Bevölkerung umgezogen, die meisten ins nächstgelegene Groitzsch. Die Häuser kaufte die MIBRAG, wegen der Lärm- und Staubbelastung hält sie sie bis heute zurück. 2021 entschieden Landesregierung und MIBRAG, dass das Dorf doch bestehen bleibt. Eine Rolle dabei könnte auch der lautstarke Protest und Widerstand aus der Bevölkerung gespielt haben. Noch heute hängen an den wenigen noch bewohnten Häusern Transparente wie »Pödelwitz: Unsere Zukunft ist solidarisch, selbstbestimmt und klimagerecht!« oder »Alle Dörfer bleiben«. Ein großes Andreas-Kreuz lehnt am Baum am Rande eines neu angelegten Gemüsegartens. Am Basketballkorb vor dem Dorfplatz steht: »Der Kohle einen Korb geben«. Ein blauer Container wurde zu einem Kräutergarten umfunktioniert, eine Tafel daran informiert über kommende Veranstaltungen.

Das Dorf hat mehrere kleine »Zentren«. Die Kirche ist schon vom Ortseingang aus sichtbar, hier warten Lio und Christopher. »Pödelwitz ist auch deshalb ein spannender Ort, weil man hier diesen Kontrast von kompletter Zerstörung, Leerstand und Wiederaufbau auf sehr nahem Raum erleben kann«, sagt Lio. Im Zuge des Widerstands ist sie 2021 nach Pödelwitz gekommen. Christopher hat nach seiner Ausbildung zum Permakultur-Designer vor zwei Jahren Orte gesucht, in denen er eigene Projekte umsetzen könnte – und ist hier in Pödelwitz fündig geworden. Gemeinsam mit den anderen Mitgliedern des Vereins Pödelwitz hat Zukunft und den circa 25 verbliebenen Personen aus der alten Dorfgemeinschaft machen sie sich Gedanken zum Wiederaufbau.

»Die Bedrohung durch den Tagebau hat in der Geschichte des Dorfes für einen Cut gesorgt«, sagt Lio. »Unsere Aufgabe ist es, die Geschichte fortzusetzen, nicht, eine neue Geschichte zu starten. Dafür brauchen wir einen Austausch mit dem, was vorher war, oder mit denen, die immer noch da sind. Deswegen sammeln wir seit vielen Jahren schon Ideen dafür, was eigentlich in diesem Dorf entstehen kann und was so ein Dorf überhaupt braucht.«

Im März letzten Jahres konnte der Verein mithilfe von Fundraising einen ehemaligen LPG-Hof samt angrenzender Grundfläche von einem Pödelwitzer kaufen. Der Vielseithof ist Wohnplatz für etwa zehn Mitglieder des Vereins. Dieser arbeitet zurzeit an der Konzeption eines inklusiven Hausprojekts auf dem Gelände, in dem künftig Menschen mit und ohne erhöhten Betreuungsbedarf in Wohngemeinschaftsclustern zusammenleben können. In diesem Jahr ist zusätzlich noch die solidarische Landwirtschaft »Kirschen und Kohlen« hinzukommen: Unter Gewächshaus-Zelten werden Tomaten und Paprika angebaut, in Hochbeeten gedeihen Kürbisse und Gurken, auf dem Feld Radieschen, Rote Bete, Salat und verschiedene Sorten Kohl, zehn Obstbäume stehen am Rande des Grundstücks. »Wir machen hier alles in Handarbeit«, sagt Christopher. »Zum einen, weil die Fläche sehr klein ist, zum anderen, weil wir hier im Dorf zukunftsweisende oder gut funktionierende Arten und Weisen finden wollen, mit dem Ökosystem umzugehen. Also vielleicht auch ohne fossile Energie.« Kirschen und Kohlen rechnet mit etwa sechzig Personen, die im Umkreis von Pödelwitz versorgt werden können.

In das Dorf gelangt man mit der S-Bahn nach Neukieritzsch, von dort sind es sieben Kilometer mit dem Rad, direkt am Abbaugebiet Vereinigtes Schleenhain vorbei. Einmal im Monat ist Kuchensonntag, ein Anlass, sich das Dorf und die aktuellen Projekte anzuschauen. Dann kommen Neu- und Alt-Pödelwitzer sowie Interessierte bei Kaffee und Kuchen zusammen und tauschen sich über Dorfentwicklung und Gestaltung aus. Ein weiterer Einblick in die Dorfgemeinschaft und in den Vielseithof ist bei den Camp-Sommertagen möglich – für Kinder zwischen 7 und 11 Jahren und erwachsene Bezugspersonen. Das Camp soll bedürfnisorientiert und solidarisch gestaltet sein, so dass sich Kosten und Bedarfe gemeinsam tragen. Geplant sind unter anderem Ausflüge an die Seen in der Nähe, Tanz und Improtheater oder Radeln zur Streuobstwiese. 

> Kuchensonntag: 12.7., 15–18 Uhr, Gemeinschaftshaus

> Camp-Sommertage: 20.–23.7.

> Vielseithof und Verein Pödelwitz hat Zukunft: www.poedelwitz.de


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