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Kultur

Zeit vergessen

Ein Besuch im Tagedieb – Leipzigs erstem Spielecafé seit zehn Jahren

  Zeit vergessen | Ein Besuch im Tagedieb – Leipzigs erstem Spielecafé seit zehn Jahren  Foto: Marcus Korzer


Wir hätten es besser wissen müssen. Und für unseren ersten Besuch im Tagedieb nicht nur für zwei Stunden einen Tisch reservieren sollen. Das neue Spielecafé im Leipziger Westen verlassen wir natürlich erst nach mehreren Stunden, denn auch außerhalb der eigenen vier Wände gilt: Man spielt immer länger als geplant. Und das ist im Tagedieb glücklicherweise unproblematisch möglich.

Was ein Spielecafé ist, muss man in Leipzig wohl noch mal erklären, hat der letzte Vorgänger doch bereits vor knapp zehn Jahren dicht gemacht. Der Tagedieb bietet ausreichend Fläche und eine große Spielesammlung für alle begeisterten Brettfans, denen zu Hause Platz, Spiele oder Mitspielende fehlen. Der Café-Aspekt wird durch eine Auswahl an Getränken und Snacks gedeckt, unter anderem gibt es Waffeln! Am Tisch sitzen und Spiele ausleihen kostet ebenfalls, gemessen an der Zeit, die man im Café verbringt: jede Stunde 3 Euro (Kinder 2 Euro), mit einem Maximum von 9 bzw. 6 Euro pro Tag. Extra lange zu bleiben, wird also belohnt. Seit Juni ist zudem eine Monatskarte für 30 Euro erhältlich. Wenn man bedenkt, dass schon einzelne Brettspiele gerne das Doppelte kosten, ein durchaus fairer Deal. Grundsätzlich kann man jederzeit in den Laden kommen, es gibt viele Tische. Man kann aber auch unkompliziert online reservieren.

Stammkundschaft scheint sich bereits zu entwickeln, denn zumindest bei unserem Besuch benimmt sich eine Gruppe »Dice Throne«-Spieler bereits im besten Sinne wie im eigenen Wohnzimmer. »Dice Throne« ist eines von mehreren Spielen, die im Tagedieb besonders in Szene gesetzt werden. Neben dem normalen Betrieb laufen diverse Events und wöchentliche Treffs. Es gibt »Dice Throne«-Donnerstage, dazu den Klassiker Schach am Mittwoch sowie dienstags eine offene Spielrunde. Zu der sind vor allem diejenigen herzlich eingeladen, die nach Mitspielerinnen und Mitspielern oder Gruppen für bestimmte Spiele suchen.

Und diese Idee trifft genau den Kern des Geschäfts: Spielleidenschaft für jede und jeden zugänglich zu machen und ein Netzwerk fürs gemeinsame Hobby zu bieten. Wer bereits jeden Monat einen neuen Meter Regalwand für seine Spielesammlung kauft oder sich dreimal wöchentlich mit einer festen Gruppe zum Spielen trifft, sieht vielleicht keinen dringenden Bedarf für ein Spielecafé. Für alle, die neue Spiele testen wollen, ohne sie gleich kaufen zu müssen, oder die mit Spielemuffeln befreundet sind, hat der Tagedieb aber viel zu bieten. Ganz im Sinne des Community-Gedankens betreiben die drei Besitzer einen eigenen Discord-Server, auf dem sich Besucherinnen und Besucher sowie Interessierte austauschen können.

Eingefleischten Spielfans mit eigener Sammlung (wie mir) hat unser Besuch gezeigt, dass es Spaß machen kann, mal einen Tapetenwechsel zu erleben und in neuer Umgebung gemütlich beieinanderzusitzen. Vorteilhaft dafür sind neben den ausreichend großen Tischen auch Zubehör, wie etwa Würfelunterlagen, die man sich unkompliziert am Eingang mit zum Tisch nehmen kann. Wir greifen zum größten Würfelbrett und da Donnerstag ist, wagen wir uns an »Dice Throne«. Herzlich beraten werden wir sowohl von den Besitzern als auch von der benachbarten Gruppe. Immer mal fragen die anderen Gäste nach dem Spielstand und dem Spaßfaktor unserer gewählten Fraktionen. Bei der großen Auswahl an Figuren müssen wir natürlich mehrere Runden spielen und im Laufe des Abends füllen sich die Tische zunehmend mit unterschiedlichsten Spielen. Beim Bezahlen und Verlassen des Cafés kommen wir noch in ein längeres Gespräch mit den zwei anwesenden Gründern. Sie berichten unter anderem von der Unterstützung durch Spieleverlage wie Gaiagames, über die auch wir schon berichtet haben (s. kreuzer 3/2023).

Mit großer Sicherheit findet man auch noch ein Spiel, das man noch nicht kennt und schon immer mal testen wollte. Neben Szeneklassikern wie »Flügelschlag« und Preisträgern wie »Bomb Busters« gibt es einige echte Bretter, die alleine durch ihre Tischpräsenz nicht überall spielbar wären oder wie die Computerspiel-Adaption von »Heroes of Might and Magic« aus mehreren dicken Boxen bestehen. Fündig sollten also die meisten werden. Wer vorher schon mal einen Überblick braucht, kann die gesamte Sammlung auf der Website einsehen.

Wenn Ihnen der Sinn also mal wieder nach Karten- oder Brettspielen steht, lassen Sie sich an den Adler treiben und besuchen Sie den Tagedieb – aber planen Sie ausreichend Zeit ein, denn das Café macht seinem Namen definitiv alle Ehre. 

> Tagedieb, Zschochersche Str. 99, 04229 (Plagwitz), Di–Fr 15–22, Sa/So 13–22 Uhr, www.tagedieb-leipzig.de


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