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Stadtleben

Leipzig riecht

In Miltitz residiert ein weltweiter Pionier in der Duftherstellung. Heute experimentiert er als Bell Flavors & Fragrances mit dem Aroma Leipzigs

  Leipzig riecht | In Miltitz residiert ein weltweiter Pionier in der Duftherstellung. Heute experimentiert er als Bell Flavors & Fragrances mit dem Aroma Leipzigs  Foto: Blick ins Labor in Miltitz/Bell Flavors & Fragrances GmbH

»Lindenblüten!«: Das wird vielen vielleicht in den Kopf kommen, wenn sie gefragt werden, wonach Leipzig riecht. Immerhin soll sich dessen Name von »Lindenstadt« ableiten, weshalb später Generationen unzählige Linden im Stadtraum pflanzten. Obwohl die Namensherleitung falsch ist, riecht die Stadt dadurch tatsächlich vielerorts nach Lindenblüten. Vielleicht aber nennen die Befragten auch Bachblüten und Cossi-Wasser, Wildschweingehege oder Bärlauch. Wir werden es bald erfahren, denn eine Firma bittet nun die Hiesigen, sich an der Suche nach dem Duft von Leipzig zu beteiligen. Was nach plumper PR-Maßnahme klingt, enthüllt eine höchst spannende Unternehmensgeschichte über einen lokalen Pionier in Sachen Düfte und weltweiten Player.

»Wir sind alle etwas aufgeregt«, erklärt Janine Hammer von der Kommunikationsabteilung die große Runde, die sich heute in der imposanten Bibliothek trifft. Lysann Schubert von der Geschäftsführerassistenz stellt sich vor, anwesend sind auch Forschungsleiter Benjamin Sorowka und Verkaufsmanager Maik Brußmann sowie zwei Vertreterinnen der zuständigen PR-Agentur Agenda 17. »Wir machen ja vorrangig B2B-Geschäfte«, so Schubert. »Da steht man nicht so in der Öffentlichkeit und hat einen Journalisten zu Besuch.« Das heißt, das Unternehmen ist im gewerblichen Kundengeschäft aktiv, entwickelt und stellt Geschmacksprofile und Düfte für namhafte Hersteller vor allem aus der Lebensmittel- und Drogeriebranche her. »Wir«, das ist die Bell Flavors & Fragrances GmbH, die 1993 die Duft- und Aromenproduktion übernahm, welche vor knapp 200 Jahren auf Rosenfeldern vor Leipzig begann.

Um Arzneidrogen zu vertreiben, wird im September 1828 das Unternehmen gegründet, welches später unter dem bekannten Namen Schimmel & Co. fungieren soll; benannt nach einem Kaufmann. Nach seiner Übernahme stellt Hermann Traugott Fritsche ab 1854 auf die Herstellung ätherischer Öle um. Dass er dabei nach wissenschaftlichen Standards verfährt, macht den Erfolg dieses Pioniers in Sachen Riechstoffherstellung aus. Als weltweit erster in der Branche richtet er ein experimentelles Labor ein. Aufgrund der Nachfrage wird ein neuer Standort notwendig. Das Unternehmen zieht 1884 nach Miltitz, wo man im selben Jahr das erste eigene Rosenöl herstellt. Bedeutende Wissenschaftler arbeiten hier, die wissenschaftlichen »Schimmel-Berichte« gehen in alle Welt. Bis 1929 werden so 231 neue Inhaltsstoffe in ätherischen Ölen entdeckt. Die Größe des Betriebsgeländes an der Schimmelstraße mit seinen Backsteinbauten beeindruckt bis heute.

Im Nationalsozialismus sind auch hier Zwangsarbeitende beschäftigt. Die DDR enteignet die Firma und verstaatlicht sie als VEB Schimmel Miltitz. Fast die gesamte DDR-Produktion von Duft- und Geschmacksstoffen – für Vita Cola, Spee, Florena etwa – bündelt der volkseigene Betrieb. 1993 übernimmt die US-amerikanische Bell Flavors & Fragrances Inc. den Standort. Schrittweise wird dieser ausgebaut, erhält ein eigenes Logistikzentrum und beschäftigt heute mehr als 300 Menschen. Damit ist auch die Schimmel-Bibliothek als weltweit größte Wissenssammlung zu ätherischen Ölen, Aromen und Duftstoffen bewahrt.

»Ich kam schon öfters nach Miltitz wegen der Bibliothek«, erzählt Parfümeur Marc vom Ende, der erst seit wenigen Wochen im Unternehmen arbeitet. »Wer heute an Parfum denkt, denkt an Frankreich. Aber hier liegt eine Wiege und das Wissen.« Das alte Bibliotheksinterieur bildet eine imposante Kulisse. Das Holzmobiliar verwahrt sichtbar Unmengen von Büchern und Ordnern mit Aufzeichnungen über erforschte Dufterkenntnisse. Das älteste Buch stammt aus dem 15. Jahrhundert und handelt von Botanik. Die wissenschaftliche Sammlung umfasst 30.000 Bände. »›Die Schimmel-Berichte‹ sind unverzichtbar in unserem Handwerk«, sagt vom Ende. Unter diesem Namen veröffentlichte das Unternehmen Schimmel & Co. seit den 1860ern regelmäßig Mitteilungen über seine wissenschaftlichen Forschungserfolge in Sachen ätherische Öle, die weltweit einzigartig waren. Die vollständige Serie wird in Miltitz aufbewahrt und auch vom Nachfolgeunternehmen gehütet.

Trotz der Übernahme durch das US-Unternehmen Bell nach der Wende agiert der Standort weitgehend unabhängig und ist für den europäischen und asiatischen Markt verantwortlich. »Ich wollte wieder in einem mittelständischen Unternehmen arbeiten«, sagt vom Ende, der einer der wenigen Parfümeure überhaupt in Deutschland ist und selbst ausbildet. »Meine Schüler schicke ich auch immer in dieser Bibliothek.«

»Ob im Joghurt oder im Waschmittel, unsere Produkte begegnen den Menschen im Alltag«, sagt Sprecherin Janine Hammer. Namen von Firmen, die von Miltitz aus versorgt werden, darf sie nicht nennen. »Keiner weiß, dass hier ein Parfümriese seinen Sitz hat«, ergänzt Verkäufer Brußmann. Das soll sich ändern. Das mittelständische Unternehmen will sich den Leipzigerinnen und Leipzigern präsentieren. Denn diese sollen dabei helfen, einen Duft für die Stadt zu kreieren. Das Projekt startet am 7. September mit einer Online-Umfrage. Auf deren Basis werden mehrere Düfte erstellt, über die schließlich in einer öffentlichen Publikumsverriechung – das heißt wirklich so – abgestimmt wird. »Dabei geht es vor allem darum, was die Menschen mit der Stadt und ihren verschiedenen Orten verbindet«, sagt Hammer. Das fertige Parfum werde dann eher als Geschenkartikel denn Alltagsprodukt zu erwerben sein.

»Wir werden sehen, wie viel Kante Leipzig haben wird«, sagt Parfümeur Marc vom Ende. Es sei schön, einmal etwas Eigenes erfinden zu dürfen, wo sie sonst Auftragswerke verrichten, bekräftigen alle Anwesenden. Nach dem Gespräch gibt es noch eine Führung durch den Labortrakt. Es geht an weiß gefliesten Räumen und Gefahrstoffschränken entlang. Es wird eine Duftorgel gezeigt: Ein Halbrund mit Reagenzgläsern, lässt verschiedenste Duftstoffe griffbereit abrufen. In einem Raum stehen Waschmaschinen aufgereiht, um das Altern von Waschmitteldüften zu testen. Abgeschlossene Riechkabinen ermöglichen das störungsfreie olfaktorische Erproben. Man kann beim Abschreiten der Laborräume mit verschiedensten Geräten erahnen, wie hier jene Kombination von Handwerk, Kreativität und Wissenschaft entsteht, die den Standort seit jeher ausmacht.


> Zur Umfrage: www.leipzig-duft.de


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