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Kultur

»Es soll Spaß machen, sich da auf der Fläche zu bewegen«

Am 12. und 13. September findet in der Leipziger Innenstadt das MEHR WERT-Festival statt. Der kreuzer hat mit den Organisatorinnen gesprochen.

  »Es soll Spaß machen, sich da auf der Fläche zu bewegen« | Am 12. und 13. September findet in der Leipziger Innenstadt das MEHR WERT-Festival statt. Der kreuzer hat mit den Organisatorinnen gesprochen.  Foto: Mehr Wert Festival

Das Festival findet auf dem Gelände des Matthäikirchhofs im nordwestlichen Teil der Leipziger Innenstadt statt. Der geschichtsträchtige Komplex wird für zwei Tage mit einem vielfältigen Programm aus Kunst, Film, Theater, Musik und Mitmachformaten bespielt. Im Gespräch mit uns erzählen die Mit-Organisatorinnen Sophie Renz und Elisabeth Jaspersen von der Initiative Leipzig+Kultur, warum das Festival an diesem Ort stattfindet und warum offene Kulturräume für die Stadt so wichtig sind.


Der Matthäikirchhof ist ein Gelände mit einer besonderen Geschichte – unter anderem befand sich dort in den 80er-Jahren die Bezirksverwaltung der Staatssicherheit Leipzig, heute wird der Komplex nur noch wenig genutzt. Wie kommt es dazu, dass dort jetzt ein Kunst- und Kulturfestival stattfindet?

Sophie Renz: Wir als Leipzig+Kultur sind eine Art Interessenvertretung für die freie Kulturszene in Leipzig. Wir wurden vor zwei Jahren vom Stadtplanungsamt angefragt, in eine sogenannte URBACT Local Group zu gehen. Das ist eine europäische Initiative, die sich mit Gebäuden befasst, die eine schwierige Historie haben. Dazu gehört auch der Matthäikirchhof. Da saß ich als Vertreterin der freien Kulturszene mit in der Gruppe, gemeinsam mit Stadträten, dem Kulturamt und verschiedenen Stiftungen. Also eine ganz bunt gemischte Gruppe.

Wir wollten Konzepte finden, wie man das Gebäude nutzen kann. Es gab einen städtebaulichen Wettbewerb vor drei Jahren, der grundsätzlich dieses Areal entwickeln sollte. Geplant ist ein Demokratieort, also ein Forum für Toleranz und Demokratie. Der Ort soll zugänglich, begehbar werden.

Aber jetzt, wo sowieso die ganzen Kommunen alle pleite sind oder wenig Geld haben, vergehen sicherlich noch mindestens zehn Jahre bis sich da wirklich was entwickeln wird. Deshalb dachten wir, es muss erstmal was passieren, damit man das Gelände wieder zugänglich macht und für Initiativen öffnen kann, für Vereine und für Kulturschaffende. Da war die Idee: Okay, wir sind ein gemeinnütziger Verein, wir können mal einen Antrag stellen und als Auftaktveranstaltung für ein Wochenende dort ein Festival veranstalten.


Wie kommt es zu dem Titel der Veranstaltung »MEHR WERT«?

Elisabeth Jaspersen: Das Leitthema, das uns umgetrieben hat, ist der Wert der Kultur in der Gesellschaft.

Sophie Renz: Gerade in diesen Zeiten von Haushaltsdefiziten, wo überall der Rotstift angesetzt wird, wo es zur Verdrängung von freier Kultur kommt, auch durch populistische Parteien und durch den Rechtsruck. Wir wollen zeigen, warum es nichts bringt, bei der freien Kulturszene ein paar Gelder zu streichen.

Deswegen wollen wir den Wert der Kultur herausstellen und versuchen, Strategien zu finden, wie man das in der Gesellschaft, in der Politik, in der Verwaltung etablieren kann, dass wir nicht einfach nur Kennzahlen sind. Und dass es auch gut ist, da zu investieren, damit wir nicht immer ständig wieder neu dafür kämpfen müssen, die Strukturen zu erhalten.


Wie seid ihr bei der Planung vorgegangen?

Elisabeth Jaspersen: Unsere Idee war von vornherein, dass wir gerne so breit wie möglich über verschiedene Sparten hinweg freie Kultur präsentieren wollten.

Das war auch ein Erfahrungsprozess, wie es überhaupt möglich ist, das zu erreichen, was da alles zusammenkommt. Das ist ein sehr langwieriger und aufwendiger Weg, aus dem aber immer wieder neue Ideen entstehen.

Dabei ist es auch zu schönen Zusammenschlüssen gekommen bei der Planung des Festivals, die nicht nur von Kulturschaffenden und von uns als Initiative vorangetrieben wurden, sondern zum Beispiel auch in Kooperation mit der Stiftung Friedliche Revolution, in Kooperation mit der Frauenkultur, in Kooperation mit dem LiveKombinat und dem NachtRat der Stadt Leipzig.

Sophie Renz: Es sollte ja ein Auftakt sein. Also einerseits die Fläche öffnen als Spielraum für verschiedene Akteure und diesen Raum andererseits auch wieder in die Stadtgesellschaft integrieren. Das ist ja die letzte Innenstadt-Brache. Und keiner kennt das. Also, wenn du den Matthäikirchhof nennst, kommt häufig die Frage: »Wo ist das?«


Wie hat sich die Kommunikation mit der Stadtverwaltung gestaltet, gab es Probleme bei der Nutzung des Matthäikirchhofs?

Sophie Renz: Die Schwierigkeit war so ein bisschen, dass dort mehrere Verwaltungen für dieses ganze Gelände zuständig sind. Das haben wir tatsächlich jetzt erst im Zuge dieser ganzen Organisation und Planungen so richtig mitbekommen. Und da scheitert man tatsächlich so ein bisschen an der Verwaltung.

Also, man muss mit den einen sprechen, mit den anderen – und manchmal eben auch noch mit ganz anderen. Die Nutzbarmachung einer Fläche, die zwar in städtischer Hand ist, wo aber unterschiedliche Dezernate und Ämter irgendwie mit beschäftigt sind, das ist sehr, sehr schwierig.

Elisabeth Jaspersen: Wir sind jetzt so ein bisschen der durchlaufende Prozess, der feststellt, dass die Komplexität sehr hoch ist, um diese Fläche überhaupt dafür nutzbar zu machen.


Und wie habt ihr die Leipziger Kulturszene in das Projekt mit eingebunden?

Elisabeth Jaspersen: Wir haben versucht, an alle Träger, an alle Einrichtungen und Vereine, an alle verschiedenen Sparten so heranzutreten, dass sie die Möglichkeit haben, sich zu überlegen, was sie präsentieren könnten. Da ist die Rückmeldung sehr toll gewesen.

Dabei haben wir uns viele Gedanken darüber gemacht, wie wir das Ganze wirklich kreativ und künstlerisch angehen wollen. Was man nicht erwarten kann an diesem Wochenende, ist, dass da eine Bühne steht zum Beispiel. Es ist kein Volksfest. Das ist sehr bewusst so. Wir organisieren einen Einblick in verschiedene Bereiche der freien Szene.

Das ist ein wesentlicher Aspekt. Wir machen das alles auf Augenhöhe. Wir haben sehr viel Bewegung auf der Fläche. Das heißt, an jeder Stelle der Fläche, wo man es erwarten kann, wird etwas passieren oder kann man etwas entdecken. Es soll Spaß machen, sich auf der Fläche zu bewegen.

In einer Garage wird es einen Bandproberaum geben, mit allem, was dazugehört. Dort wird auch ein Kollektiv den ganzen Tag Proben spielen. Das ist etwas, wo man dabei sein kann. In der Literatur zum Beispiel haben wir einen Aufruf gestartet, dass Autorinnen und Autoren, die in Leipzig leben und arbeiten, Bücher vorbeibringen, die dort auf der Fläche ausgestellt und auch zum Verkauf angeboten werden. Es wird Installationen geben, die auf dem Gelände verteilt sind, die vielleicht gar nicht immer so erkennbar sind als solche.

Und wir haben zwei Orte für Programmpunkte. Wir haben die Soziokultur, das ist über die Frauenkultur organisiert, die wirklich innerhalb kürzester Zeit aus vielen verschiedenen soziokulturellen Einrichtungen Programme zusammengesammelt hat. Beispielsweise gibt es ein Kinderprogramm, Kinder-Tanzgruppen, ein Mini-Musical, Märchen werden erzählt, es gibt Slam Poetry, es wird eine Gypsy-Jazz-Band spielen. Also ein super buntes Programm, was in so kurzer Zeit zustande gekommen ist.


Für das Programm habt ihr auch mit Stiftungen für Erinnerungsarbeit und Demokratieförderung zusammengearbeitet. Ist das etwas, das der Kunstszene sonst manchmal abgeht, diese Interdisziplinarität?

Sophie Renz: Ja, schon. Also gerade in diesen Zeiten kreisen wir dann doch ein bisschen um uns selbst oder sind in unserer eigenen Bubble. Ein Thema für die nächsten Jahre wird sein, dass wir zusammenfinden müssen – auch über die Kultur hinaus, mit anderen Vereinen und Initiativen.

Elisabeth Jaspersen: Es ist auch nicht immer einfach, das untereinander zu verhandeln. Und gleichzeitig habe ich in der Vorbereitungszeit gemerkt, was für eine Hochachtung ich habe vor der Arbeit, die beispielsweise die Stiftung Friedliche Revolution leistet. Und wie die gleichzeitig so respektvoll und auch ehrfürchtig der Kultur gegenüberstehen und der künstlerischen Arbeit. Wir haben viele gemeinsame Momente, wir haben viele gemeinsame Themen. Beispielsweise sollte die Kunst unabhängig von Herkunft und unabhängig von Geschlecht gleichberechtigt geschehen. Wir sollten daran interessiert sein, das Leben für Menschen so zu gestalten, dass sie einen Ort für sich finden. Wir wollen Leipzig bunter machen. Das ist auf beiden Seiten so.


Was würdet ihr euch wünschen, wie es mit dem Matthäikirchhof, aber auch allgemein mit der Kunstszene in Leipzig weitergeht?

Sophie Renz: Vielleicht können wir Mut machen, dass eine kulturelle Nutzung dafür geeignet sein kann, dieses Gelände zu bespielen, damit es jetzt nicht nochmal fünf Jahre dauert, ehe da irgendwas passiert.

Elisabeth Jaspersen: Es wäre natürlich toll, wenn man vonseiten der Stadt sagen könnte, wir geben euch mal eine Fläche und lassen auch die Kultur so ein bisschen mehr passieren. Ich habe auch von vielen Künstlerinnen und Künstlern, die jetzt an dem Projekt beteiligt sind, immer wieder gehört: »Ach Mensch, hätten wir mehr Zeit gehabt, dann hätten wir uns noch ein bisschen mehr ins Detail gehen können.« Das wäre eine Möglichkeit, auch um beispielsweise gegen Vandalismus vor Ort vorzugehen, indem da einfach regelmäßig was passiert. Das wäre auch ein großer kontribuierender Faktor, den die Kultur da leisten könnte.

Sophie Renz: Tatsächlich ist die Idee des Projekts, den Wert der freien Kultur zu erkennen, damit wir uns nicht immer rechtfertigen müssen und die Strukturen nicht kaputt gehen durch wirklich irrsinnige Kürzungen im Kulturetat. Das ist im Prinzip die Vision: Wir möchten das sichtbar machen und in der Gesellschaft und Politik etablieren, dass Kultur wichtig ist.

Elisabeth Jaspersen: Genau, um auch den Mehrwert zu zeigen: Die Kultur ist nicht nur wichtig für die Kultur selbst, sondern lässt sich in der Art und Weise, wie sie arbeitet, auch auf andere soziale Bereiche übertragen


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