anzeige
anzeige
Stadtleben

Lachen, Kuchen, Sofahüpfen

Inklusion bis in den Dachgarten: Ein Besuch im Wohnprojekt C8 in Anger-Crottendorf

  Lachen, Kuchen, Sofahüpfen | Inklusion bis in den Dachgarten: Ein Besuch im Wohnprojekt C8 in Anger-Crottendorf  Foto: Noch muss der Kuchen warten: Letzte Arbeiten/Frank Schlösser

Der Hof mit Fahrradständer und einer umzäunten Batterie Wärmepumpen. Auf dem Dach des Hauses in der Anger-Crottendorfer Cichoriusstraße 8 lässt ein simpler Zaun ahnen, dass der Dachgarten vielleicht doch in diesem Jahr fertig wird. »Ja, das braucht noch ein paar Subbotniks«, sagt Veronika Wenck. Tatsächlich sind mit solchen freiwilligen Arbeitseinsätzen in der Genossenschaft »Inklusiv Leben« schon etliche Probleme gelöst worden. »Das ist das Prinzip: Einer weiß, wie es geht. Alle packen an.«

Alle, die anpacken können. »Sobald man mit dem Thema Inklusion um die Ecke kommt, geht es um körperliche und geistige Behinderungen«, sagt Isabell, die nur ihren Vornamen nennen möchte. »Dabei wollen wir den Gedanken viel weiter fassen. Also auch fürs Zusammenleben von Generationen, von Menschen mit Migrationserfahrung, von Armutsgefährdeten.«

Die Frau wohnt mit ihrer kleinen Familie in der zweitgrößten Wohnung der »C8« – so die Kurzform des Projektes. Ihr Mann Rafael kommt aus Brasilien. Beide arbeiten in Teilzeit und müssen sich mit ihrem gemeinsamen Einkommen für die Zukunft auf prekäre Verhältnisse einstellen. Die beiden Kleinkinder toben auf dem Sofa, während Isabell und Rafael durch ihre Wohnung führen: großzügige Wohnküche, kleines Bad und drei kleine Zimmer – rund 80 Quadratmeter im Neubau. Auf dem Leipziger Wohnungsmarkt könnte die Familie eine solche Wohnung in der Lage nicht bezahlen. In der C8 funktioniert das mit einer Sozialmiete von 6,50 Euro kalt pro Quadratmeter. »Die ist gedeckelt für die nächsten 65 Jahre«, sagt Veronika Wenck. »So steht es in der Satzung unserer Genossenschaft.«


Barrierefreiheit für jedes Stockwerk

Eine Bombe hatte im Zweiten Weltkrieg die Lücke in die Cichoriusstraße gerissen. Die Stadt veranlasste für das Grundstück eine Konzeptvergabe, der Leipziger Architekt Dirk Stenzel erhielt mit seinem Projekt den Zuschlag. Danach wurde 2021 die Genossenschaft »Inklusiv Leben« gegründet. Dirk Stenzels Büro Asuna betreut mehrere Projekte, in denen Nachhaltigkeit groß gedacht wird. Diese beinhalte besonders das soziale Miteinander, das ökologische Bauen und die ökonomische Tragfähigkeit, so Stenzel.

Die C8 verfügt über eine Grundfläche von 700 Quadratmetern. Im Jahr 2024 wurde der Bau begonnen, die Kosten lagen höher als zur Planungszeit. Die Stadt sprang mit einer Sonderförderung ein, als dem Projekt die Förderung für energetischen Neubau ausfiel. Schließlich landete man statt der angepeilten zwei bei 2,4 Millionen Euro. »Der damalige Vorstand, Sylvia Koschewski und Heiko Schott, hat jede nur denkbare Finanzierung locker gemacht, von Spenden über Genossenschaftsanteilen bis hin zu Nachrangdarlehen«, sagt Veronika Wenck. Sie kam 2022 zum Projekt, sitzt seit zwei Jahren im Vorstand. Natürlich ist die Genossenschaftsarbeit ein Ehrenamt. Auch für Dirk Stenzel, mittlerweile Teil des C8-Aufsichtsrats. Er sagt: »Besonders wichtig ist uns, dass die Barrierefreiheit für jedes Stockwerk gilt, nicht wie in ähnlichen Projekten nur fürs Erdgeschoss.« Schließlich bedeute Inklusion auch, dass alle Bewohnerinnen und Bewohner mit dem Aufzug in die Etagen und in den Dachgarten kommen. »Anders kann keine wirkliche Gemeinschaft entstehen.«

Die WG mit vier geistig und körperlich behinderten Menschen, die eine 24-Stunden-Assistenz benötigen, soll ebenso viele Möglichkeiten der Begegnung haben wie die alleinerziehende Mutter aus Polen, deren eines von drei Kindern schwer behindert ist. Auch die alleinstehende Rentnerin Ulrike Wenck geht in der Fürsorge für die Mieterinnen und Mieter des Hauses auf: »Ich kann Pakete annehmen, die Handwerker reinlassen, die Schlüssel verwalten.« Isabell fügt hinzu: »Und du kannst mit Backpapier aushelfen, wenn ich am Sonntag backen muss.« Wenck lacht: »Für diesen Kuchen tu ich alles!«

Allein der spezielle Fahrstuhl führt zu besonderen Begegnungen: Er ist für möglichst viele intuitiv benutzbar: Die Lichtfarben verändern sich in jedem Stockwerk. So muss man sich keine Zahlen merken. »Die Fassade der C8 ist natürlich schlicht. Wir denken an eine Begrünung, aber das wird noch dauern«, sagt Dirk Stenzel. Es stimme schon: »Die Qualität dieser Architektur sieht man von außen nicht. Aber sie leistet genau das, was sie leisten soll: wirkliche Inklusion.« Isabell berichtet, dass ihre dreijährige Tochter sich mit einer sprachlich eingeschränkten jungen Frau auf besondere Weise verständigen kann: »Sie hat einfach gelacht und als Antwort ein wundervolles Lachen zurückbekommen. Das funktioniert jetzt immer, wenn sich die beiden im Haus begegnen.« 

> www.inklusivleben.jetzt


Kommentieren


0 Kommentar(e)