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»Majestätisch, aber rechtlos«

Ein Interview über Größenwahn, Dauerorgasmus und Altersfatalismus

Das Doppel-M-Emblem der Leipziger Messe, 90, feierte am 26. August Geburtstag: Zeit für ein Interview mit den zwei Buchstaben.

Das Doppel-M-Emblem der Leipziger Messe, 90, feierte am 26. August Geburtstag: Zeit für ein Interview mit den zwei Buchstaben.

KREUZER: Doppel-M, du bist am 26. August 90 Jahre alt geworden …
DOPPEL-M: Ja, genau, wir sind 90! Da verbitten wir uns dieses jovial-jugendliche Studenten-geduze – wenn wir schon den Schwachsinn mitmachen, so zu tun, als könnten zwei Buchstaben sprechen. So was gibts sonst nur in Werbespots für M&M’s. Aber das sind Schokoerdnüsse. Und die wurden von Amis erfunden. Die dürfen so was. Außerdem sind wir zum einen zwei und haben zum anderen Anspruch auf den Pluralis Majestatis.
KREUZER: Weshalb?
DOPPEL-M: Wir sind Leipziger. Ein kleiner Größenwahn ist unser Markenzeichen. Dazu kommt, dass wir zur Herbstmesse 1917 in eine Zeit hineingeboren wurden, als die hiesige Messe durch den Ersten Weltkrieg isoliert war. Aber sie sollte wieder die Königin der Messen werden, und wir ihre Krone.
KREUZER: Hat es geklappt?
DOPPEL-M: Ja. Bis in die dreißiger Jahre hinein und dann wieder von 1947 bis 1990 war Leipzig ein Welthandelszentrum – repräsentiert durch uns. Ein Mitglied des UN-Generalsekretariats hat sich 1962 sogar zu der Aussage hinreißen lassen: „Leipzig ist in seiner Art eine UNO-Vollversammlung des Welthandels.“
KREUZER: Wie hat es sich nach 1990 entwickelt?
DOPPEL-M: Ich weiß nicht. Hat sich danach was entwickelt? Ach doch, ja … Dezember 2005, da war Gruppenauslosung für die Fußball-WM auf dem Messegelände.
KREUZER: Wofür steht das MM eigentlich?
DOPPEL-M: Wahlweise für das Autokennzeichen von Memmingen, für Millimeter oder den bösartigen Hautkrebs Malignes Melanom.
KREUZER: Und wofür steht ihr?
DOPPEL-M: Wir standen für „Messamt für die Mustermessen in Leipzig“, das in der Alten Waage seinen Sitz hatte. Deswegen waren wir ursprünglich auch ein Dreifach-M. Das dritte M hatte aber irgendwann keinen Bock mehr auf Leipzig und ist Autokennzeichen in München geworden. So standen wir dann bloß noch zu zweit für „Mustermesse“. Das ist das heute noch weltweit gebräuchliche Messekonzept, das 1895 in Leipzig erfunden wurde.
KREUZER: Nun gibt es die große Universal-Mustermesse aber nicht mehr …
DOPPEL-M: … und deswegen stehen wir heute im Deutschen Sprachraum für „Messen nach Maß!“. Das klingt nach dem verspießten Slogan eines Vermessungsbüros oder Zollstockherstellers. Da war der Stadtmarketing-Slogan „Leipzig kommt!“ ja noch besser: Der klang wenigstens nach kollektivem Dauerorgasmus.
KREUZER: Könnt ihr denn nicht mitentscheiden, was ihr bedeutet?
DOPPEL-M: Wie denn? Wir sind doch überall festgeschraubt. Wir können nicht mal weg, wenn wir am Alten Messegelände von vorbeikommenden Volkspalast-Diskodeppen angepisst oder angekotzt werden. Wie sollen wir da am Corporate-Communications-Prozess der Messe teilnehmen? Als Doppel-M ist man zwar majestätisch, aber trotzdem rechtlos.

KREUZER: Verbitterung im Alter soll ja zurückzuführen sein auf ein gestörtes Verhältnis zum Vater. Wie war eure Beziehung zu ihm?
DOPPEL-M: Unser Vater, der Künstler Erich Gruner, war eigentlich ein Netter. Er liebte Buchstaben, entwarf sogar eine eigene Schrift, die Gruner-Antiqua. Mit uns hat er viel gespielt, das heißt, er hat zig Varianten von uns entworfen. Aber er hat uns als bloße Gebrauchskunst und für seine Karriere gezeugt: Als wir in den 1960ern am Alten Messegelände aufgestellt wurden, hat er gesagt: „Das ist mein Denkmal.“ Wir sind eben kein Kunstwerk im Sinne des L’art pour l’art.
KREUZER: Leipzig und die Welt überhaupt sind voll von Signets und Emblemen. Wie ist euer Verhältnis zu denen?
DOPPEL-M: Als Symbol einer alten Industriemesse können wir den Blauen Umweltengel natürlich nicht ab. Vom „GC“ der Games Convention sind wir zwar der Chef, aber es beginnt auch langsam, uns auf der Nase herumzutanzen. Denn es dürfte inzwischen bekannter sein als wir. Aber seien wir nachsichtig, erfolgreicher Nachwuchs muss ja auch gefördert werden. Der Porsche- und BMW-Schriftzug sind alte Kumpels, mit denen kommen wir prima klar.
KREUZER: 1964 bekamt ihr vom Messemännchen Konkurrenz. Geht es euch mit dem wie mit dem Umweltengel?
DOPPEL-M: Nee, wir waren nie Konkurrenten, sondern immer Partner. Wir klebten ja von Anfang an auf seinem Hut. Der Kurze ist ein Sympath. Obwohl ich nie verstanden habe, wieso die Weltkugel, für die er steht, als Geschäftsmann auf sich selbst zur Messe geht.
KREUZER: Doppel-M, was wünscht ihr euch für die nächsten 90 Jahre?
DOPPEL-M: Ach, wir sind alt und fatalistisch, wir wünschen uns gar nichts. Wir würden Ihnen lieber was wünschen: Dass Ihnen kein Prozess gemacht wird, bei dem Quark, den sie mit diesem Fake-Interview verzapft haben! Wir sind nämlich ein weltweit geschütztes Markenzeichen. Viel Glück!

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