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Ausgebrannt und aufgeputscht

Leistungsdruck: Burnout und Doping sind in der Uni angekommen

  Ausgebrannt und aufgeputscht | Leistungsdruck: Burnout und Doping sind in der Uni angekommen

Fast jeder Student hat so etwas schon einmal durchgemacht: Es ist lange nach Mitternacht, die WG-Mitbewohner schlafen friedlich, nur man selbst sitzt noch am Schreibtisch, müde, ausgelaugt, unkonzentriert. Eigentlich würde man gern Schluss machen, kann aber nicht, denn bis zur Prüfung sind es nur noch zwei Wochen. Also schlurft man in die Küche, macht sich einen Kaffee (den dritten) und weiter gehts, so wie gestern und vorgestern und die Tage davor.

Fast jeder Student hat so etwas schon einmal durchgemacht: Es ist lange nach Mitternacht, die WG-Mitbewohner schlafen friedlich, nur man selbst sitzt noch am Schreibtisch, müde, ausgelaugt, unkonzentriert. Eigentlich würde man gern Schluss machen, kann aber nicht, denn bis zur Prüfung sind es nur noch zwei Wochen. Also schlurft man in die Küche, macht sich einen Kaffee (den dritten) und weiter gehts, so wie gestern und vorgestern und die Tage davor.

Studentenalltag? Tatsächlich kennt der Großteil der Studierenden solche Phasen extremen Drucks. Meist hat man den Arbeitsaufwand unterschätzt, zu spät mit dem Lernen angefangen oder sich zu viele Klausuren vorgenommen.

Dann hilft oft nur Power-Lernen, sich ein-schließen, alle Ressourcen mobilisieren. Angenehm ist das nicht, die meisten aber über-stehen diese „harte Zeit" mehr oder weniger unbeschadet.

Einige allerdings auch nicht. Vor allem in letzter Zeit häufen sich die Meldungen über einen Anstieg des Burnout-Syndroms bei Studierenden. So warnt das Studentenwerk Deutschland im Rahmen seiner jüngsten Sozialerhebung vor einer „besorgniserregenden Entwicklung", deren „Stellenwert eher noch zunehmen wird". Die Betroffenen fühlen sich überfordert, kraftlos, völlig ausgebrannt – und wissen oft nicht, wie es mit dem Studium weitergehen soll.

Gravierende Veränderungen

Prof. Michael Geyer kennt die Problematik nur zu gut. Der Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatische Medizin in Leipzig befasst sich seit Jahren mit dem psychischen Krankheitsgeschehen in Deutschland. In den letzten Jahren habe sich der Anteil der jungen Leute mit psychischen Störungen verdoppelt, so Geyer. Natürlich müsse man dabei genau differenzieren, schließlich leide nicht jeder, der sich erschöpft fühle, gleich unter dem Burn-out-Syndrom (siehe Interview auf Seite 20). Dennoch sei der Anstieg der Studierenden, die unter Überlastungsphänomenen leiden, nicht von der Hand zu weisen: „Für die letzte Zeit kann man sogar von einem regelrechten Ansturm auf die psychologischen Beratungsstellen sprechen."

Die Ursachen dafür sieht er unter anderem auch in der gravierenden Veränderung der Studienbedingungen. Dabei treffe es Studierende der „alten" wie auch der „neuen" Studiengänge gleichermaßen, betont der 64-Jährige. Wie man mit dem verstärkten Stress umgehe, sei nicht nur eine Sache des Charakters, sondern vor allem eine der Erziehung. Wer zu hohe persönliche Erwartungen an die eigenen Leistungen stelle und sich keine Fehler und Schwachstellen erlaube, der riskiere eher, in einen Zustand chronischer Erschöpfung und Frustration abzurutschen.

Diese und andere Erfahrungen hat auch Haik Schönherr gemacht. Die engagierte Psychologin arbeitete über 13 Jahre in einer Familien- und Krisenberatungsstelle. Während dieser Zeit kamen zahlreiche Studenten mit Überlastungsproblemen und Prüfungsängsten zu ihr. Vor allem bei den Medizinstudenten würden sich das arbeitsintensive Studium und die eigenen Anforderungen besonders stark auf die Psyche niederschlagen. Allerdings liege hier die Ursache häufig auch in der Erwartungshaltung der Familie: „Da ist der Beruf des Arztes nicht selten eine über mehrere Generationen vererbte Tradition. Die Angst, den Vater oder die Mutter zu enttäuschen, nehmen viele Medizinstudenten mit in die nächste Klausur oder ins Physikum." Ähnlich groß sei der Druck auch bei den Jurastudenten: „Die hatten immer eine unheimliche Panik vor dem Staatsexamen. Die Angst ist natürlich verständlich, schließlich hat man nur begrenzte Wiederholungsmöglichkeiten, und es bleiben wohl jedes Mal etliche auf der Strecke. Natürlich stellen viele Studenten erstmal ihre eigene Leistungsfähigkeit in Frage. Viele haben das Gefühl, Übermenschliches leisten zu müssen, um durchs Studium zu kommen."

Was Haik Schönherr besonders erschüttert hat, war der Druck seitens der Uni, die durch die Professoren und Dozenten geschürte Angst. „Es gibt anscheinend eine Menge Professoren, die ihren Studenten suggerieren, wenn ihr nicht Topleistung bringt, könnt ihr später einpacken." Gerade bei den Kreativberufen wie Architektur oder Journalistik sei diese Panikmache aber kontraproduktiv. Nicht jeder schaffe es, auf Knopfdruck außergewöhnliche Ideen zu gebären, sagt die Psychologin. „So einige verlieren sich dann in diesem Druck."

Burn-out-Syndrom als Phänomen der Leistungsgesellschaft also, das längst das bisher betroffene Berufsfeld der Manager verlassen und auch junge Menschen erfasst hat. Kein Wunder eigentlich in einer Welt, in der Erfolg alles und Zeit knapp ist. Und in der es für alles eine Pille gibt. Die Angst vor dem Versagen ist groß, weil Fehler und Rückschläge gesellschaftlich nicht akzeptiert sind. Lieber reißt man sich noch ein bisschen zusammen, strengt sich noch mehr an, als sich einzugestehen, dass die Batterien eigentlich längst leer sind.

Lernen auf Speed

Viele Studenten beklagen zwar den hohen Leistungsdruck, fügen sich aber dennoch in den gesellschaftlich vorgegebenen Kreislauf. Allgemein hoch angesehene Werte wie Erfolg und Zielstrebigkeit haben die meisten jungen Menschen inzwischen adaptiert und auf ihr eigenes Leben übertragen. Im Extremfall bedeutet das eben, auch mal die Nächte durchzupauken, ohne Rücksicht auf die eigenen Ressourcen. Die natürlichen Leistungsgrenzen werden nicht mehr akzeptiert, zur Not auch künstlich ausgedehnt.

Meist bleibt es bei harmlosen Mittelchen. Der Medizinstudent Dominik Schlüter zum Beispiel greift hin und wieder zu Koffeintabletten, wenn mal wieder eine wichtige Klausur ansteht. „Ich bin vom Lerntypus her eher so angelegt, dass ich erst nachts richtig in Fahrt komme. Um dann möglichst lange fit zu bleiben, muss halt mal 'ne Koffeintablette her. Ich halte das aber nicht für gefährlich, andere trinken halt literweise Kaffee", verteidigt der 25-Jährige die Wachmacher. Richtige Drogen würden in seinem Studienkreis nicht konsumiert und auch die Koffeintabletten kämen nur in Ausnahmesituationen vor. „Nur in letzter Zeit hat es sich gehäuft. Da haben viele meiner Freunde fürs Physikum gelernt und währenddessen schon ordentlich Tabletten eingeschmissen. Man redet zwar nicht groß drüber, aber irgendwie weiß mans doch, dass das recht viele nutzen."

Über Koffeintabletten ist Martin Buchholz dagegen schon lange hinaus. An „guten" Tagen, die meist seine schlechtesten waren, hat er Speed gezogen, um dann 14 Stunden lang durchzulernen, ohne Pausen, ohne Schlaf, ohne lästige Bedürfnisse wie Hunger oder Durst. Am Ende ist er trotzdem durch die Zwischenprüfung in Sprachwissenschaft gefallen. „Während des Lernens dachte ich schon, dass es mir was bringt, dass ich besser und mehr lernen kann. Aber letztlich ist man doch sehr eingeschränkt", erzählt der 27-Jährige rückblickend. Wach sei er gewesen, klar, aber nicht wirklich konzentriert, zittrig, ablenkbar, eigentlich noch nervöser als ohnehin schon. Dazu kamen die typischen Wahrnehmungsverschiebungen, ein erhöhter Puls und der Drang, ständig nachzulegen – alles Faktoren, die den Stress und die Unruhe im Kopf noch erhöhten. Insgesamt, so erinnert er sich, habe er zwei oder drei Tage lang fast durchgehend über den Büchern gesessen.

Gut gefühlt habe er sich natürlich nicht dabei: „Irgendwann will der Kopf ja auch schlafen." Angst vor den Schäden habe er aber nie gehabt, schließlich könne bei Speed ja nichts passieren, meint der Geschichts- und Germanistikstudent, der heute im 8. Semester ist. Jetzt lässt er beim Lernen dennoch die Finger von Drogen: „Mir hat es nicht geholfen." Er kenne aber genug Leute, vor allem Jurastudenten, die sich durchs Studium gekokst hätten.

Tabuthema Doping

Pillen für die Prüfung, Amphetamine statt Trau-benzucker, Koks für den Kopf – ist es wirklich schon so weit? Schlagzeilen von der gedopten Gesellschaft machten in letzter Zeit die Runde und ließen auch die Studentenschaft nicht aus. Genaues wusste allerdings keiner der Artikel zu berichten. Stattdessen reihten sich undurchsichtige Statistiken und bloße Vermutungen aneinander. Auf repräsentative Zahlen wird man denn auch vergebens warten, denn kaum ein Student würde zugeben, dass er sich dopt.

„Das ist eindeutig ein Tabuthema", meint auch Haik Schönherr. „Die meisten Studenten, die sich fürs Studium aufputschen, vertuschen ihren Drogenkonsum lieber. Es war ja keine schöne Zeit, und so was wird nur ungern reflektiert."

Dabei wird oft auch verdrängt, wie gefährlich die Substanzen tatsächlich sind. Der Pharmakologe Prof. Peter Illes warnt vor den Risiken sogenannter Psychostimulanzien wie Speed. „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass sich die Wirkung von Amphetaminen für Studenten erstmal toll anhört: Das Schlafbedürfnis nimmt ab, man ist auf einmal zu extremen Leistungen fähig, und das oft bis zu 24 Stunden. Dabei merkt man aber nicht, wie sehr der Körper an seine Reserven geht; dann kommt es zu regelrechten Erschöpfungszuständen, zu Herz-Kreislaufstörungen und ähnlichem." Bei regelmäßigem Konsum mache sich außerdem eine deutliche Empfindlichkeitsabnahme gegenüber den Substanzen bemerkbar.

„Das heißt, der Effekt, den man durch Speed erzielen möchte – die Leistungssteigerung, das Glücksgefühl -, wird trotz gleicher Dosis mit der Zeit immer schwächer und der Konsument legt weiter nach. Aber auch, wenn man im Kopf immer weniger spürt, wirken die Substanzen im Körper mit gleicher oder sogar verstärkter Intensität weiter. Letztendlich kann das zu starken Hirnblutungen führen." Ohnehin bezweifelt Illes den Nutzen: „Der Langzeiteffekt im Gedächtnis ist nicht besonders groß, man wird kaum etwas davon behalten, was man da unter Speed-Einfluss gelernt hat."

Dem Menschen sind also gewisse Grenzen gesteckt, die er anscheinend nicht mal durch Doping überwinden kann. Bleibt also nur der Blick nach vorne, die Hoffnung, dass irgendwann alles besser wird, stressfreier, ungezwungener. Die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge mit ihrem strafferen Stundenplan und den häufigeren Leistungsabfragen geben allerdings wenig Anlass dazu. Selbst beim Studentenwerk Leipzig ist man eher skeptisch. „Ich denke, der Druck wird jetzt erst richtig groß, wenn die Studenten in ein noch engeres Zeit- und Leistungskorsett gezwängt werden", meint Angela Hölzel, Sprecherin des Studenten-werks.

Kochen für den Kopf

Beschönigen hilft wenig, Realismus wäre angebracht. Studieren ist zum Fulltime-Job geworden. Ein Großteil der Studenten muss neben dem Studium für den Lebensunterhalt jobben, in den Semesterferien Praktika absolvieren, parallel dazu Hausarbeiten schreiben. Urlaub ist für viele schon längst nicht mehr drin, höchstens ein Auslandssemester oder ein Sprachkurs. Bei einem solch straffen Zeit- und Lebensplan bleibt kaum Luft für die angenehmen Dinge des Lebens, für Freunde und Familie, für Hobbys oder einfach mal auf der Wiese liegen und die Wolken beobachten. Dabei würde genau das den meisten gut tun und einen Ausgleich zum stressigen Studienalltag schaffen.

Der Psychologiestudent Tobias Forderer hat inzwischen gemerkt, wie wichtig solche „Ventile" für das innere Wohlbefinden und die geistige Leistungsfähigkeit sind. „Über die letzten Jahre hinweg hab ich mich viel damit beschäftig, wie ich mich während Stressphasen selbst wieder ins Gleichgewicht, in meine Mitte bringen kann." Das seien ganz verschiedene Dinge: Autogenes Training, regelmäßige Meditation, ausreichend Schlaf, Sport, Musik, gesunde Ernährung, erzählt er. „Das hört sich erstmal nach einem Zeitkiller an. Aber man muss sich diese Zeit eben nehmen, um nicht völlig aus den Fugen zu geraten."

Manchmal, so gibt er zu, habe aber auch er Schwierigkeiten damit, ruhig zu bleiben. „Natürlich kenne ich auch solche Phasen, in denen ich innerlich total unausgeglichen und hibbelig bin. Vor meinen letzten beiden Diplomprüfungen war das zum Beispiel so. Da hatte ich richtig dicke Stress und konnte auch meine üblichen Entspannungsmethoden nicht so richtig anwenden. Stattdessen habe ich wieder angefangen zu rauchen und Alkohol zu trinken, habe Zerstreuung übers Internet oder Telefonieren gesucht – lauter Sachen, die eigentlich nicht wirklich entspannen."

Inzwischen steht die nächste große Prüfung an, aber Tobias sieht dem Ganzen ziemlich gelassen entgegen. „Was Schönes kochen, sich mit guten Freunden treffen, statt bis spät nachts über den Büchern hängen – das bringt doch eigentlich viel mehr für den Kopf."


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