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»Philosophie ist zu wichtig, um Akademikern überlassen zu werden«

Guillaume Paoli, frischgebackener Hausphilosoph am Schauspiel Leipzig, über Körperlichkeit, Verlangsamung und die gesellschaftliche Relevanz von Theater heute

Guillaume Paoli hat kein Handy. Doch seit seiner Ernennung zum Hausphilosophen des Schauspiels Leipzig ist er ein viel gefragter Mann. Das macht die Anschaffung eines Mobiltelefons unerlässlich, wie er seufzend berichtet. Er hasst es, wenn ihm Kommunikationsgeräte das Tempo diktieren. Das macht zwar die Absprache eines Fototermins mit ihm schier unmöglich, ihn aber zu einem angenehmen Gesprächspartner, denn: Er hat sich Zeit genommen.

kreuzer online: Herr Paoli, wir haben nicht sehr viele Informationen über Ihre Biografie finden können …

GUILLAUME PAOLI: Wirklich nicht? Ich wohne seit 1992 in Deutschland, in Ost-Berlin. Das waren faszinierende Zeiten im Prenzlauer Berg. Es gab damals die Zeitschrift Sklaven – da habe ich angefangen zu veröffentlichen. Die hatten auch eine Veranstaltungsreihe, den »Sklavenmarkt«. Jede Woche gab es Lesungen, Filmvorführungen oder Diskussionen. Dadurch fing ich an, auf Deutsch zu schreiben und Lesungen zu machen. Dann kam 1996 die Initiative der »Glücklichen Arbeitslosen«. Die zentrale Aussage war, dass man, wenn man ohne Stelle ist, immerhin die Chance hat, das zu machen, was man wirklich machen will – ohne Marktzwänge. Für mich bedeutete das: lesen, schreiben und veröffentlichen. Das habe ich auch getan, bis ich nicht mehr arbeitslos war. Es ist kein Bruch für mich, dass ich diese Stelle als Hausphilosoph annehme. Ich brauche Auseinandersetzung und Streit und andere Menschen dazu. Und es ist für mich natürlich eine schöne Gelegenheit, das hier zu tun.

kreuzer online: Das klingt sehr nach der viel bejubelten Kreativwirtschaft, in der die Leute ihre Haut zu Markte tragen, – aber ganz ohne Muße, sondern unter dem steten Druck, produzieren zu müssen.

PAOLI: Wirtschaft ist immer kreativ und destruktiv – egal, ob man selbstständig ist oder nicht. Aber was man gemeinhin Selbstständigkeit nennt, ist wieder mehr Abhängigkeit. Man ist ja unmittelbar mit dem Markt konfrontiert, wenn man sein eigener Chef ist. Das sind natürlich keine guten Voraussetzungen für Muße oder Kreativität. Ich kann das Wort Kreativität sowieso nicht mehr hören.

kreuzer online: Warum nicht?

PAOLI: Was heutzutage als »kreativ« verkauft wird, ist eigentlich der Verzicht auf die eigenen Wünsche: sich anzupassen und seine Marktnische zu finden. Das ist genau das Gegenteil von dem, was ursprünglich unter Kreativität verstanden wurde. Es wird behauptet, dass die Leute, die arbeiten, Künstler sein sollen. Prekarität wird als Lebensziel betrieben. Das ist vielleicht für Künstler eine Voraussetzung, aber man kann nicht aus einem Menschen gegen seinen Willen einen Künstler machen.

kreuzer online: Also bedeutet selbstständiges Arbeiten auch ein Minus an Freiheit?

PAOLI: Ein Minus an freier Zeit. Die Zeitfrage ist dabei wichtig. Das haben wir auch bei den »Glücklichen Arbeitslosen« festgestellt: Wenn man arbeitslos ist, hat man vielleicht kein Geld, aber man hat Zeit nachzudenken, ein bisschen Abstand zu nehmen und nicht unter Stress etwas zu produzieren. Es gibt keinen Leistungsdruck. Die Idee war die Rückeroberung der Zeit. Diese Möglichkeit eines Abstands möchte ich gern auch als Hausphilosoph ein bisschen weitertreiben.

kreuzer online: Aber nun begeben Sie sich ja doch wieder in eine andere Form der Arbeit – vom freien Autorendasein hinein in die feste Institution Theater.

PAOLI: Ich finde Institutionen wichtig. Erstens ist das kollektive Element wichtig – dass nicht jeder vereinzelt hinter einer Kiste nachdenkt, sondern dass man versucht, gemeinsam zu handeln. Zweitens geht man in die Öffentlichkeit. Und um das zu tun, muss man eine Institution werden. Die größte Schwierigkeit ist es, Regelmäßigkeit und eine nachhaltige Diskussion oder Reflexion zu schaffen.

kreuzer online: Warum scheint Ihnen das Theater dafür ein geeigneter Ort zu sein?

PAOLI: Warum nicht? Weil es sehr unzeitgemäß ist. Theater steht im Gegensatz zur Medienwelt und hat Schwierigkeiten, sich gegen Internet, Kino usw. zu behaupten. Es ist die einzige Chance des Theaters, sich als Gegenpol zu etablieren. Darum ist es wichtig, und da sind wir wieder bei der Zeit-Problematik, dass im Gegensatz zur beschleunigten Medienwelt, wo alles nur fünf Minuten aktuell ist und dann vergessen wird, ein Ort des Gedächtnisses und der Langsamkeit entsteht.

kreuzer online: Jetzt haben Sie erklärt, warum Sie das Theater brauchen – aber warum braucht das Theater Sie?

PAOLI: Das müsste man Sebastian Hartmann fragen. Er hat sofort gesagt, dass er einen Hausphilosophen möchte. Ich habe das Gefühl, dass er das auch als Gegenpol gedacht hat. Denn bekanntlich ist Theater sehr subjektiv, es setzt stark auf Psychologisierung. Die Philosophie ist ein Gegengewicht. Jetzt wird ja die »Matthäuspassion« inszeniert, und als wir darüber diskutiert haben, hat Sebastian Hartmann gesagt, sein Leitsatz darin sei: »Warum hast du mich verlassen?« Für mich ist diese Frage völlig irrelevant. Ich würde von einem ganz anderen Satz ausgehen: »Denn sie wissen nicht, was sie tun.« Das wäre mein Leitsatz. Es kommt wahrscheinlich auf ein Gleichgewicht zwischen beiden Zugängen an.

kreuzer online: Wie genau sind Sie denn überhaupt in die tägliche kreative Theaterarbeit involviert? Was machen Sie eigentlich konkret?

PAOLI: Es gibt keinen konkreten Auftrag. Ich muss selbst bestimmen, was ich tun soll. Es gibt langfristige Ziele, eins ist ein Gesprächskreis mit Leipzigern. Ein anderes Ziel ist auch, dass ich bei der konzeptionellen Arbeit mitmache und mich einmische. Ich möchte versuchen, als Vermittler zu agieren, wenn von Leuten aus dem Theater – nicht nur von Schauspielern, sondern auch von Technikern – Fragen kommen, wenn Bedarf nach Reflexion, Bedeutung oder Eruierung besteht.

kreuzer online: Wird sich Ihre Prüfgesellschaft vor allem über moderne Themen Gedanken machen, oder wird sie auch das Theater selbst hinterfragen?

PAOLI: Es ist nicht vorgesehen, dass sie das Theater selbst hinterfragen soll. Das will die »Parallelproduktion« tun, die parallel zur Prüfgesellschaft laufen wird. Das sollen regelmäßige Treffen innerhalb des Theaters sein, zu denen das Publikum auch herzlich eingeladen ist. Wir wollen dieses Schema vermeiden, dass es die Premiere gibt, und danach kann man mit Schauspielern und Regisseur sprechen, sondern versuchen, eine Alternative dazu zu entwickeln. Die Idee ist, dass das Publikum diesen Produktionsprozess wahrnehmen kann – vor der Premiere. Und nach der Premiere kann es auf der Internetseite zurückverfolgen, wie es zustande kam, warum z. B. ein bestimmtes Element in der Inszenierung betont wird.

kreuzer online: Das klingt – wenn man es mit dem bisherigen Stadttheater vergleicht – revolutionär. Ist das auch eine implizite Kritik am Stadttheater?

PAOLI: Das würde ich nicht sagen. Es geht mehr um die Frage, welche Stellung Theater heute hat. Die Zeiten wandeln sich. Die DDR-Zeit war eine großartige Zeit für das Theater. Heiner Müller hat gesagt, man kann nur in einer Diktatur arbeiten, denn nur dort hat Theater einen Sinn. Ich glaube, dass das Theater Ende der 80er Jahre in eine Krise kam, weil der Gegenspieler Staat nicht mehr da war, in dem Dreieck zwischen Publikum, Theatermenschen und Staat. Theater war in der DDR ein Spiel mit Zensur und Einverständnis. Und der Staatsfaktor ist jetzt weg, dafür gibt es den Markt. Aber das ist etwas ganz anderes.

kreuzer online: Das klingt alles ein bisschen danach, als wollten Sie Ihr Publikum erziehen.

PAOLI: Ach, nein! Das ist das falsche Wort. Ich habe als Publizist die große Vereinheitlichung der Zeitungen erlebt. Alle Zeitungen sehen gleich aus, kurze Artikel, kurze Sätze, keine komplizierten Gedanken. Ich glaube, dass viele Menschen sich unterfordert fühlen. Man muss die Menschen nicht erziehen, es gibt diese Nachfrage nach Abstand, nach der ruhigen, entspannten Diskussion.

kreuzer online: Man könnte den Rückgang der Zuschauerzahlen in den deutschen Theatern ja auch darauf zurückführen, dass die Menschen einfach keine Auseinandersetzung mehr wollen. Warum setzen Sie nicht auf Unterhaltung, anstatt zu versuchen, ihnen Sinn und Zweck zurückzugeben?

PAOLI: Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt. Ich habe das Gefühl, dass das, was dem Theater wirklich fehlt, neue Autoren und neue Stücke sind, die den Geist der Zeit beschreiben können. Es entsteht dann diese komische Situation, in der ein Regisseur die millionste »Hamlet«-Inszenierung machen will und versucht, Gegenwartsbezüge herzustellen. Und dann sind diejenigen, die »Hamlet« sehen wollten, frustriert, weil sie den Stoff nicht wiedererkennen, und diejenigen, die etwas Neues erwartet hatten, sind auch frustriert. Kann »Hamlet« über die Gegenwart überhaupt etwas sagen? Bestimmt. Aber es gibt sicher auch neuartige Themen, die sich schwer mit alten Theaterstücken sagen lassen. Das ist vielleicht auch ein Grund, warum es die Theaterkrise gibt.

kreuzer online: Welchen gesamtgesellschaftlichen Aspekt kann Theater überhaupt noch erfüllen? Wozu braucht man Theater überhaupt noch?

PAOLI: Heiner Müller hat gesagt, dass Verlangsamung die eigentliche Aufgabe des Theaters ist. Diese Idee finde ich gut. Und auch die Idee von Gedächtnis und Übertragung von Tradition finde ich sehr wichtig. Wenn ich gesagt habe, es lässt sich nicht alles durch »Hamlet« erzählen, heißt das nicht, dass »Hamlet« nicht mehr wichtig ist. Es besteht heutzutage die Gefahr, dass man Tabula rasa macht, Schluss mit der Vergangenheit, wir leben in einer ganz anderen Welt, alles ist neu und deswegen hat uns die Vergangenheit nichts mehr zu sagen. Darum ist Theater als Gedächtnisspeicher wichtig.

kreuzer online: Verstehen Sie das Theater als geschützten Raum, wo Menschen hinkommen und Fragen stellen können? Wir sind in Ihrer Absichtserklärung über den Begriff »Fragenschutzgebiete« gestolpert. Ist das ein Schutzgebiet für Fragen vor Antworten oder für die Fragenden vor Belästigung von außen?

PAOLI (lacht): Es geht nicht darum, noch mal die Welt zu erklären und die passenden Antworten zu geben. Im Ideensupermarkt gibt es viele Abteilungen von religiösen über marxistische bis zu neoliberalen Welterklärungen. Man hat die Wahl. Das sind die Antworten: Es würde alles gut laufen, wenn … und dann kommt immer so ein Katalog. Es gibt eine Menge Antworten und zu wenige Fragen! Fragenschutzgebiet heißt – und das ist sehr zeitgemäß –, Dinge, die als ausgemacht gelten, infrage zu stellen.

kreuzer online: Ist den Menschen die Fähigkeit abhandengekommen, die Dinge kritisch zu hinterfragen, oder haben sie schlicht keine Zeit dafür?

PAOLI: Sie haben weniger Zeit dafür. Ich glaube, wir stehen vor bewegten Zeiten: Finanzkrise, Nahrungskrise, Energiekrise, Klimakrise. All das kommt auf uns zu, und das heißt, dass die Gewissheiten, die herrschenden Ideen, die bis jetzt galten, nicht mehr funktionieren werden bzw. schon lange nicht mehr funktionieren. Heute sagen sogar Businessleute, dass der Neoliberalismus vorbei ist. Gleichzeitig wurden alle Alternativen durch 30 Jahre neoliberale Ideologie praktisch zerstört. Jetzt entsteht eine wirtschaftliche und gedankliche Wüste. Es fehlen Gegenentwürfe und -gedanken. Darum ist es wichtig, Fragenschutzgebiete zu errichten.

kreuzer online: Sie scheinen gegenüber größeren Weltentwürfen und Welterklärungsmodellen eher skeptisch zu sein und mehr darauf zu setzen, taktisch zu agieren und mit den Gegebenheiten zu spielen.

PAOLI: Das stimmt, deswegen wird auch in der Satzung der »Prüfgesellschaft für Sinn und Zweck« von Recycling gesprochen. Wie kann man bestimmte Theorien recyclen? Nicht neue entwerfen. Wir sind keine Utopisten, sondern Topisten. Utopie ist ein nicht existierender Ort, Topos aber ist das, was da ist. Topisten sind Leute, die mit dem, was da ist, basteln und spielen, und nicht den großen Gegenentwurf machen.

kreuzer online: Welche Rolle spielt Humor bei Ihrer Arbeit?

PAOLI: Humor schafft Abstand. Man darf sich nicht selbst zu ernst nehmen und denken, man habe das Welträtsel gelöst. Von Diogenes bis Paul Feyerabend gibt es eine ganze philosophische Tradition, die Humor und Ironie als Waffe benutzt hat. Das ist auch angenehmer, als langweilige Symposien zu machen. Philosophie ist zu wichtig, um Akademikern überlassen zu werden (lacht). Das ist auch unglaublich beeindruckend an den platonischen Dialogen: Die Leute essen zusammen und diskutieren, das ist keine Lehrveranstaltung. Und Diderot hat praktisch Kneipengespräche niedergeschrieben. Ich glaube, so sollte Philosophie aussehen.

kreuzer online: Vielleicht ist das ja der Punkt, an dem sich Theater und Philosophie treffen können. Das Theater als ein sinnlicher Ort, an dem es um Spüren und Erleben geht – gerade in den Inszenierungen von Sebastian Hartmann. Im Theater kann man vielleicht den akademischen Anspruch hinter sich lassen.

PAOLI: Absolut. Es gibt großartige Momente sowohl des Theaters als auch der Philosophie bei Diderot und Brecht. Da haben sich Theater und Philosophie getroffen und schöne Kinder bekommen. Wenn das hier am Theater stattfinden würde, wäre das die Erfüllung. Aber das ist ein Prozess, und der kann auch scheitern oder andere Wege nehmen.

kreuzer online: Muss man sich von dem tradierten Begriff Schauspielhaus verabschieden? Es gibt jetzt eine Popreihe mit Christoph Gurk, Sie kommen ans Haus, die Skala ist auch nicht mehr das, was die Vorstellungen von Theater implizieren. Löst sich der Hausgedanke auf?

PAOLI: Ich glaube, obwohl das nicht so gesagt wird, dass sich Sebastian Hartmann an der Geschichte der Volksbühne orientiert hat. Seine Mitarbeiter kommen alle, wie ich auch, aus diesem Spektrum. Dort hat man in den 90er Jahren ziemlich erfolgreich versucht, ein Publikum anzuziehen, das normalerweise nie ins Theater geht. Aber natürlich bleibt das Theater im Zentrum.

kreuzer online: Sie schreiben sowohl in den Texten der »Glücklichen Arbeitslosen« als auch in Ihrer Absichtserklärung über »direkte zwischenmenschliche Aktion«. Hier nennen Sie es »körperliche Begegnungen«. Ist das etwas, das der Gesellschaft fehlt?

PAOLI: Es gibt eine komische Entwicklung in dieser virtuellen Welt. Es gibt Second Life, virtuelle Foren, sogar virtuelle Demos. Virtuell kann man eine Million Freunde haben, aber real überhaupt nicht. Ich kenne Menschen, die das wirklich ziemlich bitter erleben. Die führen ein Leben im Computernetz, wo sie mit vielen Menschen verbunden sind, die sie nie getroffen haben, während ihr wirkliches körperliches Leben wie eine Wüste aussieht. Wenn man diskutiert, kann man die Körpersprache wahrnehmen. Das ist auch in einem Theater wichtig. Ich habe keine Lust, ein Internetforum einzurichten, in dem ich Gedanken austauschen könnte. Es ist mir viel lieber, den Menschen direkt zu begegnen. Es gibt keine Trennung zwischen Emotion und Gedanken. Selbst in einer philosophischen Diskussion spielen Gefühle eine wichtige Rolle. Auch das muss geschützt werden.


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