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»Solange sich nichts ändert, gibt’s hier keinen Grund zu feiern«

Leipziger Studenten protestieren

Zu ihrem 600. Geburtstag herrscht an der Universität mehr Protest- als Feierlaune – Studierende besetzen zuerst das Geisteswisschenschaftliche Zentrum, dann das neue Seminargebäude, um sich Raum und Zeit für den Kampf gegen die schlechten Studienbedingungen zu nehmen

Zu ihrem 600. Geburtstag herrscht an der Universität mehr Protest- als Feierlaune – Studierende besetzen zuerst das Geisteswisschenschaftliche Zentrum, dann das neue Seminargebäude, um sich Raum und Zeit für den Kampf gegen die schlechten Studienbedingungen zu nehmen

Martin ist 23. Motiviert und wissbegierig ist er 2006 an die Universität Leipzig gekommen, um Politikwissenschaften zu studieren. Studieren, das hieß für Martin Freiheit: Raus aus dem Elternhaus, keine besserwisserischen Lehrer und vor allem keine ungeliebten Fächer wie Mathematik mehr. Endlich wollte er neue Perspektiven kennen lernen, sich seine eigene Meinung bilden, mit Kommilitonen und Dozenten diskutieren, die sich wie er kritisch mit dem gesellschaftlichen System auseinandersetzen. Dass er einer der ersten Bachelorstudenten sein würde, empfand er als spannend. Schließlich konnte er sich gut vorstellen, sein Studium irgendwann im Ausland fortzusetzen. Mit dem neuen europaweiten System sollte dies kein Problem mehr sein.

Bereits in der Einführungswoche wurden seine Erwartungen das erste Mal enttäuscht: Statt ihm zu erzählen, welche Türen sich ihm nun öffnen, führte ihn ein Professor, der sich in 20 Metern Entfernung durch eine an die Wand projizierte Powerpoint-Präsentation klickte, zunächst in die Organisation der Uni und seines Studiengangs ein. Zwischen den hundert Kommilitonen im Vorlesungssaal kam er sich leicht verloren vor. Er ließ die Informationen, die durch Lautsprecher zu ihm drangen, auf sich einprasseln: Leistungspunkte, auch Credits genannt, Wahlbereich, Pflichtmodule … »Was war noch gleich eine SQ? Einschreibung? Ich bin doch schon immatrikuliert! Aber gut, wählen hört sich ja erst mal nicht schlecht an.«

Nach zwei Tagen hatte er sich durch die verschiedenen Broschüren und Vorlesungsverzeichnisse gewühlt und seine Wahlmodule gefunden. Im Institut gliederte er sich in eine lange Schlange von wartenden Studenten ein, um dem gestressten Einschreibungsteam seine Wünsche mitzuteilen. Nach zwei Stunden endlich fertig! Ein paar Tage später wurde er eines Besseren belehrt: Die Algorithmen hatten ihm gerade einmal sein Pflichtmodul in Politikwissenschaften zugeteilt. Aufgeregt rannte er ins Institut – wo er gleich wieder auf zig gleichgesinnte Kommilitonen traf. Nach langem Anstehen wurde er zum »Härtefall« erklärt. Dadurch konnte er sich in eine Schlüsselqualifikation (SQ) einschreiben. Das dritte Modul, das er brauchte, um nicht schon im ersten Semester hinterherzuhinken, musste er sich drei Tage später auf der »Restplatzbörse« erkämpfen. Ein Modul der Afrikanistik war zwar nicht das, was ihm spontan als Wahlfach in den Sinn gekommen wäre, aber man versicherte ihm, dass dies eine gute Ergänzung zu seinem Kernfach sei. Außerdem könne er dank des einzigartig flexiblen Wahlbereichsystems der Uni Leipzig bereits im nächsten Semester etwas anderes ausprobieren. Diese Prozedur durchlief er im Sommersemester 2009 nun das sechste Mal. Wo sein Bachelor-Abschluss letztendlich anerkannt wird, kann ihm keiner mit Sicherheit sagen.

Martin ist kein besonderer »Härtefall«. Unzufrieden sind die meisten seiner Kommilitonen. Egal ob Geisteswissenschaftler, Lehramtsstudent oder Naturwissenschaftler, Bachelor, Master, Magister oder Diplomer – nur wenige haben das Gefühl, die Bildung zu bekommen, die sie sich von ihrem Studium versprochen haben. Aus diesem Grunde setzten sich kürzlich etwa 60 Studenten zusammen und initiierten gemeinsam die Protesttage unter dem Motto »It will happen«. Um ihre Unzufriedenheit zu zeigen, besetzten sie am Mittwoch und Donnerstag das Geisteswissenschaftliche Zentrum (GWZ) in der Beethovenstraße – vor allem jedoch, um ihre KommilitonInnen und DozentInnen aus der Resignation zu reißen und zu mobilisieren. Nach gescheiterten Märschen zum Rektorat und unbefriedigenden Antworten auf Briefe haben die Studenten es nun endlich geschafft, mehrere hundert Kommilitonen dazu zu bringen, ihrem Unmut Luft zu machen. »Als Geisteswissenschaftler hört man in der Vorlesung zuerst, dass es keine endgültigen Wahrheiten gibt. In der Klausur liest man dann ein paar Monate später: ‚Was ist Moral? Kreuze an!’«, ruft Ulrike ins Mikrofon. Zwei Tage lang war das Foyer des GWZ eine Plattform des Protests, auf der jeder seine Probleme mit anderen teilen konnte. Wenn keiner am »Offenen Mikrofon« stand, sorgten Absperrband, zahlreiche Banner und Songs wie »Another Brick in the wall« für Proteststimmung.

DozentInnen wagten es trotz formeller und informeller Einladungen nicht, Position zu beziehen. Lediglich Politikprofessorin Sigrid Meuschel sprach den StudentInnen ihren Respekt aus: »Das Einzige, was mich an der Uni noch begeistert, ist, dass es noch so viele hervorragende Studierende gibt«. Und sie ermutigte sie: »Nicht nur die Jubiläumsfeier, auch die Wirtschaftskrise ist ein guter Zeitpunkt zum Protest.« In einer Podiumsdiskussion stellten sich Studentenratssprecher Sven Deichfuß und drei lehrende Professoren den Fragen der Studierenden: der Soziologe Prof. Dr. Georg Vobruba, der sich kürzlich in der FAZ kritisch über die momentanen Studienbedingungen äußerte, der neue Studiendekan der Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie Prof. Dr. Ingolf Max und die ehemalige Prorektorin für Lehre und Studium Prof. Dr. Charlotte Schubert, die wesentlich für die Einführung des Bachelor-/Master-Systems an der Uni Leipzig verantwortlich war. Vor ihnen saßen die Studenten auf dem kühlen Boden und lauschten mit prüfendem Blick ihren Worten.

Selbst über Nacht setzten etwa 50 Studenten die Diskussionen aus den Workshops fort, schliefen nur ein paar Stündchen auf den Fluren des GWZ. Der Protest ist bis jetzt noch nicht abgebrochen. »Um etwas fordern zu können, ist Selbstaufklärung wichtig. Dazu braucht man Raum und Zeit«, erklärt Johannes Duschka, Mitorganisator der Protesttage. »Wenn man nicht weiß, was man sich von Bildung verspricht und keine Ideale hat, hat man auch keine Argumente, warum man gegen Verschulung, kompromisslose Orientierung am Arbeitsmarkt und die jetzigen Zustände ankämpfen muss.« Am Donnerstag Abend zog eine Gruppe weiter in das neue Seminargebäude am Augustusplatz, um sich Raum und Zeit für die Ausarbeitung von konkreten Forderungen zu nehmen. Heute belegen die Studierenden seit 10.30 Uhr ohne offizielle Erlaubnis fünf Räume der ersten Etage, wo wiederum jeder willkommen ist, der etwas zur Verbesserung der Studienbedingungen beitragen möchte. Ein erster Erfolg sei, dass sich auf einmal viele für die Arbeit in Studentengremien interessieren. Außerdem seien viele Kontakte zwischen den verschiedenen Fakultäten geknüpft worden. Das Rektorat ist der Einladung der Protestierenden nicht gefolgt und hat der Presse gegenüber die Verantwortung auf die Politik und fehlenden Finanzmittel geschoben. »Wenn sich nichts ändert«, warnt Duschka, »können wir jederzeit wiederkommen!«

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