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Ich bin 4000 Jahre alt

Der Videoflaneur und die kleinen Wunder der Straße

Der Künstler Konstantinos-Antonios Goutos streift als [video]Flâneu® durch Europas Großstädte. Als artwertease® zeigt er in den kommenden Tagen seine Arbeiten in der Schaubühne Lindenfels. Unser Autor Philipp Piechura hat ihn auf einer kurzen Video-Tour durch Leipzig begleitet.

Schwarz gekleidet und mit einem Hut auf dem Kopf spaziert der Videokünstler über den Marktplatz, bleibt stehen, lehnt sich an einen Pfahl, hebt die Kamera. Für die Passanten scheint er nicht da zu sein, ruhig und fast unsichtbar fügt er sich in die Umgebung. Doch in ihm herrscht Anspannung, Konzentration, seine Hände umfassen die Kamera, falten sich wie beim Gebet. Aufnahme. Und plötzlich verändert sich scheinbar alles, weil wir uns die Zeit dafür nehmen. Alle fünf Minuten geschieht ein Wunder: ein Kind tanzt zu Flötenmusik, Seifenblasen fliegen über die Straße, ein Tablett brennt.

Der 37 jährige Grieche Konstantinos-Antonios Goutos ist auf der Suche nach genau diesen Bildern, die gegen die Gesetze der Kamera gewinnen. Nicht alles landet in seiner Kamera. Manchmal ist der Moment zu kurz, manchmal zu intim. Er nennt sich Videoflaneur, will nicht einfach nur „der Affe am Auslöser“ sein, der genau das filmt, was ihm der Blick durch das Objektiv nahe legt. Wenn sich sein eigener Schatten in die Aufnahme mogelt, eine unerwartete Spiegelung auftritt, wird die Illusion des natürlichen Bildes aufgelöst. Das hält er fest.

Realität ist immer nur inszeniert, immer: Durch das Objektiv einer Kamera, durch die Tasten einer Schreibmaschine, durch die Blickrichtung unserer Augen. Und Videoflanieren heißt für den Künstler, diese Inszenierungen (für) wahr nehmen, genießen, wiedergeben und interpretieren. Nun zeigt Konstantinos-Antonios Goutos seine Arbeiten – Videos, Texte, eigenwillige Botschaften – in der Schaubühne Lindenfels.

Das Zusammenspiel dieser verschiedenen künstlerischen Elemene ist für ihn wichtig. So verwandelt der Titel die Aufnahme eines ballspielenden Mädchens in eine Szene aus der „Odyssee“. Dafür muss man sich auskennen, anders sehen, anders denken. Vilém Flusser, Marshall McLuhan, André Bazin, Michel Foucault, Plato – sie alle sind in den Videos irgendwo präsent, tauchen auf und wieder unter. Ein Kontext, in dem der Satz „Ich bin 4000 Jahre alt“ plötzlich einen Sinn besitzt. Unser Rundgang endet, Goutos bleibt vor dem Glaseingang eines Parkhauses stehen. Aufnahme. Der Spiegeleffekt verändert die Bilder, Menschen werden zu Zwergen und Riesen, ein Werbeschild liefert die Beleuchtung zu dieser grotesken Szenerie.

Links zum Künstler: artwertease® und Flâneu®

Ausstellung ab 5. Oktober in der Schaubühne Lindenfels: http://www.schaubuehne.com
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