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Geringes Interesse am Gedenken

Der Stadtrat beschließt den Wilhelm-Leuschner-Platz als Standort für das Freiheits- und Einheitsdenkmal

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»Es gibt nichts auf der Welt, was so unsichtbar wäre wie Denkmäler. Das Auffallendste an Denkmälern ist nämlich, dass man sie nicht bemerkt.« Robert Musil scheint recht zu haben: Wem fallen Denkmäler bei einem Stadtbummel auf? Man geht an ihnen beiläufig vorüber, beachtet sie nur, wenn ein Touristen-Pulk davorsteht, der während einer Stadtführung mit drei Sätzen Bedeutung gefüttert wird. Und trotzdem werden immer neue Monumente errichtet.

Leipzig soll nun zur Erinnerung an den Umbruch von 1989/90 ein Denkmal bekommen, für das der Bund und der Freistaat Sachsen 6,5 Millionen Euro zur Verfügung stellen. Keine kleine Summe, allerdings steht Leipzig dabei im Schatten Berlins, denn dort wird am noch leeren Schlossplatz ein Pendant errichtet. Und in der Hauptstadt ist man inzwischen weiter als an der Pleiße. Nach einem gescheiterten Wettbewerb 2009 wurde in einem zweiten Anlauf jüngst das Konzept von Sasha Waltz und Johannes Milla – eine begehbare Riesenschale – zur Ausführung bestimmt.

In Leipzig will man alles richtig machen und geht das Vorhaben sehr bedächtig an: Dem Stadtratsbeschluss zum Standort ging die Untersuchung von Alternativen voraus, 3.000 Bürger wurden schriftlich zum Projekt befragt, ein Expertengremium favorisierte schließlich den Wilhelm-Leuschner-Platz als Ort für das Denkmal. Trotz der Versuche der Stadt, Interesse an dem Projekt zu wecken, kann von einer breiten Basis für das Vorhaben oder einer zündenden Debatte keine Rede sein. Bei der Bürgerbefragung kam heraus, dass gerade die Jüngeren ein eher geringes Interesse an einem Denkmal zeigten. Tobias Hollitzer von der Gedenkstätte in der Runden Ecke und Rainer Eckert, Chef des Zeitgeschichtlichen Forums, beklagten die mangelnde Anteilnahme, und der ehemalige Pfarrer der Nikolaikirche, Christian Führer, konstatierte, schon der Beginn desVorhabens sei verfehlt gewesen, da es derStadt quasi von außen übergestülpt wurde.

Einen Punkt hinterfragten die Befürworterdes Projektes allerdings nicht: Braucht die Stadt überhaupt ein solches Denkmal? Abge-sehen davon, dass mit der Nikolaikirche, der Runden Ecke und dem Innenstadtring eigentlich Orte existieren, die bereits eindrücklichan den Herbst 1989 erinnern, sollte man noch einmal an Musil denken, der Monumenten attestierte: »Sie verscheuchen geradezu das, was sie anziehen sollten.« Die Frage bleibt, ob mit einem Denkmal überzeugend an ein his-torisches Ereignis erinnert werden kann. Das Lichtfest 2009 hat gezeigt, welche Erinnerungsform viele Menschen auf die Beine bringen kann. Oder geht es gar nicht wirklich um ein Denkmal, das die Menschen bewegt, sondern darum, dass die Protagonisten sich selbst ein Monument setzen wollen?

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