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Kultur

»Es sagt etwas darüber, was Bach den Menschen bedeutet«

Bachfest-Intendant Michael Maul über Lieblingskantaten, Sonnenaufgangskonzerte und den Leipziger »Bachwald«

  »Es sagt etwas darüber, was Bach den Menschen bedeutet« | Bachfest-Intendant Michael Maul über Lieblingskantaten, Sonnenaufgangskonzerte und den Leipziger »Bachwald«  Foto: Geht gleich in die Thomaskriche: Bachfrest-Intendant Michael Maul/Christiane Gundlach

Nach dem Erfolg von 2018 kehrt der »Kantaten-Ring« in diesem Jahr als Hitparade der beliebtesten 50 Kantaten zurück zum Bachfest. Getreu dem diesjährigen Motto »Im Dialog« gab es im Voraus ein Publikumsvoting, an dem sich über 7000 Bachbegeisterte aus aller Welt beteiligten. Aus den über 200 erhaltenen Kantaten wurden die besten 50 ermittelt. Wie bei der klassischen Hitparade wird nun von Platz 50 bis zur Gewinner-Kantate heruntergezählt. Bis zum jeweiligen Konzerttermin bleibt dabei geheim, was genau gespielt wird. Im Interview spricht Bachfest-Intendant Michael Maul über Kontroversen bei Bach, Überraschungen in der Hitparade und Konzertangebote für Jetlag-Geplagte.

Hat Sie das Ergebnis der Publikumsabstimmung zu den beliebtesten 50 Bach-Kantaten überrascht?

Ja und nein. Ich hätte bei zehn Kantaten meine Hand dafür ins Feuer gelegt, dass sie definitiv unter den Top 30 sind. Am meisten überrascht hat mich, dass es nicht unbedingt die großen, lauten Musikstücke sind, die eine Topplatzierung erreicht haben, sondern eher die Kantaten, in denen Bach die ganz existenziellen Themen abhandelt. Und ich finde, das sagt etwas darüber aus, was Bach für die Menschen bedeutet.


Was ist Ihre persönliche Lieblingskantate – und warum?

Ich habe lange versucht, für mich selbst halbwegs valide Kriterien für diese Auswahl zu finden. Eine Kantate, die ich unglaublich verehre, ist »Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht« (BWV 105) aus Bachs ersten Leipziger Jahren. Im Zentrum steht das Gleichnis vom ungerechten Verwalter: Erst bereichert er sich selbst, später verteilt er seinen Besitz an die Armen und erlässt Schulden. Für das Leipziger Publikum mit vielen Handelsleuten war das damals ein ziemlich heikles Thema. Ein Riesenwurf, das Stück – weil Bach der Balance-Akt zwischen erhobenem Zeigefinger und augenzwinkerndem Realismus super gelingt.
An den frühen Kantaten kommt man ohnehin kaum vorbei – etwa am Actus tragicus (BWV 106). Auch die Kreuzstab-Kantate (BWV 56) ist Wahnsinn: Sie konfrontiert einen mit der Nichtigkeit des eigenen Lebens und spendet gleichzeitig Trost. Diese Stücke bedeuten mir sehr viel – und damit bin ich ganz sicher nicht allein.


Bachs Musik ist heutzutage in sehr verschiedenen Klangwelten zu erleben – ganz deutlich, wenn wir etwa an die »Clavierübung« auf dem Cembalo oder Klavier gespielt, denken. Im Kantatenring werden sechs international renommierte Ensembles jeweils zwei Konzerte gestalten.
Welche Unterschiede gibt es in der Herangehensweise und warum ist es so interessant, diese verschiedenen Ensembles zu erleben?

Das Spannende liegt dabei weniger in radikal unterschiedlichen Konzepten, sondern in Nuancen: Alle arbeiten mit historischen Instrumenten und meist mit größeren Erwachsenenchören, die Bandbreite ist also gar nicht so extrem, wie sie sein könnte. Unterschiede liegen hier eher in der Klangästhetik. Die Engländer singen gerne sehr druckvoll und brillant. Hingegen hat man bei Herreweghe vielleicht einen etwas grazileren Ansatz. Das strahlt mehr von innen heraus. Am Ende sind es weniger grundlegende Gegensätze als vielmehr persönliche Handschriften – der Umgang mit Tempo, mit Klangdichte, mit Choralgestaltung. Genau diese Unterschiede machen es so reizvoll, die Ensembles im direkten Vergleich zu erleben. Mir war bei diesem Zyklus wichtig, neben dem musikalischen Konzept auch die Künstler selbst noch einmal in dieser Konstellation zusammenzubringen – mehrere von ihnen haben die Bach-Interpretation über Jahrzehnte geprägt und sind heute um die 80 Jahre alt. Ob und wann sich ein solches Gipfeltreffen der Bach-Granden noch einmal realisieren lässt, ist offen.


Und wie hat man die Kantaten auf die Ensembles verteilt, per Zufall?

Nein. Bei der Verteilung kamen mehrere Faktoren zusammen, zum Beispiel die Verfügbarkeiten der Dirigenten. Ein bisschen Diskussion gab es natürlich schon, als klar wurde, dass wir wirklich dieses »Countdown-Prinzip« fahren. Aber letztlich haben alle Ensembles das mitgetragen – und natürlich weiß jeder Bachianer, egal ob Platz 50 oder Platz 1, das sind alles fantastische Stücke. Ich zitiere dann gerne den Carl Philipp Emanuel Bach, der im Vorwort zu einer Ausgabe von den Chorälen seines Vaters geschrieben hat: »Man ist gewohnt gewesen, von ihm nichts als Meisterstücke zu sehen.« Und das stimmt einfach total!


Zum diesjährigen Motto »Im Dialog«, gehören tatsächlich außergewöhnlich viele Gesprächsformate. Kann man Bach heutzutage eigentlich kontrovers diskutieren?

»Im Dialog« heißt ja nicht zwingend, dass es kontrovers werden muss. Es geht bei diesen Gesprächsformaten vor allem darum, Künstler, die für ihr Bach-Spiel geschätzt werden, einmal stärker ins Gespräch zu holen – das ist der eigentliche Fokus. Das wird vom Publikum auch sehr positiv aufgenommen.
Ob das dann »kontrovers« wird, glaube ich eher nicht in einem zugespitzten Sinn, aber es wird sicher interessant – schon allein bei Gästen wie András Schiff oder Daniel Kehlmann, der sich über die Gewinner-Kantate unserer Hitparade äußern wird. Und bei Gesprächspartner Harald Schmidt erwarte ich vor allem einen sehr persönlichen, auch humorvollen Zugang, gerade weil er seine Bach-Begeisterung und sein Organisten-Hobby nie verborgen hat – und sich sehr auf sein Debüt im Bachfest freut.
Natürlich gibt es in der Bach-Welt auch die bekannten Grundsatzfragen – etwa wie man Bach heute aufführt: begreift man einen Chor als großen Klangkörper, als Knabenchor oder vielleicht sogar als kleine Solistengruppe. Das sind Diskussionen, die seit Jahrzehnten geführt werden und auch nicht auflösbar sind.


Ein neues Format sind die Sonnenaufgangskonzerte um 4:45 Uhr. Gedacht für Leute mit Jetlag?

Die meisten internationalen Gäste kommen wieder aus Amerika – insofern könnte das tatsächlich gut passen. Unsere Besucher bleiben im Schnitt eine Woche und möchten gern drei Veranstaltungen pro Tag besuchen, möglichst gut verteilt. Deshalb probieren wir dieses Format aus. Für uns ist es ein Experiment, denn wir versuchen schon seit einigen Jahren, klassische Konzertformate aufzubrechen. Besonders überzeugt hat mich die Atmosphäre im Hotel Meliá: Direkt unter der Terrasse gibt es eine komplett verglaste Etage mit einem besonderen Blick auf die Thomaskirche. Wenn unsere Berechnungen stimmen, geht die Sonne genau rechts daneben auf.
Der Tenor Benedikt Kristjánsson ist immer offen für ungewöhnliche Ideen – 2020 hat er allein an Bachs Grab die Johannes-Passion gesungen. Die Sonnenaufgangskonzerte gestaltet er gemeinsam mit der österreichischen Barockharfenistin Margret Koell.


Das Projekt eines »Bachwaldes« zur Kompensation des CO₂-Fußabdrucks – ist das noch Zukunftsmusik?

Nein, überhaupt nicht. Wir haben bereits 2020 damit begonnen. Ziel ist die Bewaldung einer 30 Hektar großen Fläche am Westufer des Störmthaler Sees, betreut von der Stiftung Wald für Sachsen. Die Pflanzung soll bis 2030 abgeschlossen sein. Seit dem vergangenen Jahr gibt es außerdem einen Klimapass in drei Kategorien – je nach Anreise aus dem Inland, aus Europa oder von weiter her. Der Preis orientiert sich ungefähr am jeweiligen CO₂-Ausstoß. Die Einnahmen fließen vollständig in den Bachwald, zusätzlich gibt es für die Besucher 15 Prozent Rabatt auf alle Tickets. Zusammen mit weiteren Spenden kommen so jährlich etwa 30.000 bis 45.000 Euro für den Bachwald zusammen.
Ich denke, in drei bis vier Jahren wird die Fläche komplett bepflanzt sein. Perspektivisch könnten dort sogar Veranstaltungen stattfinden. Für uns ist das kein Feigenblatt, sondern ein Projekt mit echtem Nutzen – und wenn die Fläche voll ist, machen wir sicher an anderer Stelle mit dem Bäumepflanzen weiter.


Inwiefern wirken sich derzeitige Sparzwänge der Stadt und des Landes auf das Bachfest aus?

Beim Bachfest haben wir derzeit noch Stabilität, kritisch könnte es ab 2027 werden: falls zusätzliche Mittel ausfallen oder nicht mehr in die Kultur zurückfließen. Auf Landesebene spüren wir die Kürzungen von rund zehn Prozent. Aber die konnten wir bislang vor allem durch stark gewachsene private Förderungen abfedern. Der Zirkel unserer »Bachfest-Patrons« hilft dabei inzwischen spürbar.


Was wünschen Sie sich besonders für das Bachfest »Im Dialog«?

Ich glaube, dass sich im Programm ganz unterschiedliche Formen von Dialog zeigen werden. Gerade ein Festival kann eine Plattform sein, auf der Menschen verschiedener Herkunft und unterschiedlicher Weltanschauungen miteinander ins Gespräch kommen, gemeinsame Erlebnisse teilen und ein guter Austausch entsteht. Vielleicht trägt das am Ende sogar dazu bei, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. 


> Bachfest »Im Dialog«: 11.–21.6., verschiedene Orte, www.bachfestleipzig.de


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