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Endlich der eigene Boss

Die Leipziger Band »Der Empfang« veröffentlicht ihr Debütalbum

Timo Klöckner, Foto: Der Empfang Größeres Bild

Ein Album ohne Gesang, dafür mit umso mehr Gitarren und Songs, die als »Avantgarde-Schlager« bezeichnet werden. Die neue Leipziger Band »Der Empfang« stellt am Samstag ihr selbstbetiteltes Debütalbum im Neuen Schauspiel Leipzig vor.

Bands funktionieren manchmal wie Unternehmen, im Elfenbeinturm sitzt der Boss und alle anderen tanzen nach seiner Pfeife, im musikalischen Sinne des Wortes. Solche diktatorischen Bandstrukturen kennt auch Timo Klöckner aus seinen Bands, doch er sieht die Sache nicht so krumm, denn »es funktioniert ja so«. Seine Virtuosität stellt Klöckner unter anderem den Leipziger Bands  »Mud Mahaka« und «Der elegante Rest« zur Verfügung. Doch wollte der ausgebildete Gitarrist auch mal sein eigener Boss sein. »Der Auslöser war mein Diplomkonzert im Januar 2010 in der Nato. Ich wollte endlich mal meinen eigenen Kram machen.« Jeder braucht eben sein kreatives Ventil, also Vorhang auf für: »Der Empfang«.

Die fünfköpfige Band, Klöckner rekrutierte aus seinen unzähligen anderen Projekten Musiker, kommt ohne Gesang aus, und da fängt es auch schon an mit den Vorurteilen. Klöckner stellt leicht genervt fest: »Kaum fehlt der Gesang, da denken alle sofort an Filmmusik.« Aber steht in der Bandinfo nicht was von Filmmusik? »Ja, Christian Meyer von The Fuck Hornisschen Orchestra hat die geschrieben und unsere Musik mit den Pink-Panther-Filmen verglichen. Das ist eben seine Einschätzung, aber war nie unsere Intention, es hat sich einfach so ergeben.«

Gut, gut, also weg vom Film zurück zur Musik. »Der Empfang« legen die Latte in Sachen musikalischer Virtuosität hoch – da sind Musiker vom Fach am Werk, das hört man der Platte an und das tut ihr gut. Die Gitarre ist hörbar das kompositorische Element der Songs. Trotzdem gesteht der Bandchef an den sechs Saiten seinen Kollegen (Gitarre, Keyboard, Bass, Schlagzeug) Mitsprache zu: »Ich schreibe die Songs allein auf der Gitarre, aber das Interessante ist, dass jeder Song durch die verschiedenen Musiker bei der Probe in eine andere Richtung gehen kann.«

Klöckner selbst ist trotz klassischer Ausbildung an der Musikhochschule eher von der populären Musik geprägt: Indie, Pop und Rock stehen Pate beim Songwriting. Allerdings verfügt »Der Empfang« über ein vielfältiges Spektrum an Genres – vom Jazz über Swing, Postrock bis hin zu psychedelischer Filmmusik, ist alles in der Wundertüte, klingt dafür aber sehr homogen. Das liegt auch an der professionellen Produktion. In den Atomino Studios nahe Erfurt spielte die Band das Album in einer sehr vertraut wirkenden, warmen Klangatmosphäre auf.

Zurück zum Film: Tatsächlich lassen die instrumentalen Stücke Kopfkino entstehen, unabhängig vom Vorwurf der Filmmusik. Allerdings dreht die Platte den Spieß um, ist also nicht für einen Film komponiert, sondern der Film dazu müsste noch geschrieben werden. Und so weit hergeholt ist die Sache mit der Filmmusik nicht, denn Klöckner vertont mit einer weiteren Band alte DEFA-Animationsfilme.

»Monster« ist beispielsweise ein Stück, das auch auf dem Mist eines Mike Patton oder David Lynch gewachsen sein könnte. David Lynch? «Oh ja, ich bewundere Angelo Badalamenti. Bei einem Song war er auch Vater im Geiste«, gibt Klöckner zu. Also doch ein bisschen Filmmusik? Badalamenti war verantwortlich für die Vertonung der surrealen Film-Welt des David Lynch. Damit kann auch Klöckner leben, denn ob nun Filmmusik oder nicht, was zählt, ist letztlich die Musik und das man endlich mal sein eigenen Ideen umsetzen kann. Mit »Der Empfang« ist ihm der Schritt eindrucksvoll gelungen.

Auszüge aus dem Album

Der Empfang by Der Empfang

Record-Release-Konzert: 12.11., 20:00 Uhr, Neues Schauspiel Leipzig

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