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Kein Recht auf Traurigkeit

Die Kinostarts im Überblick

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Wer Mama wird, darf nicht traurig sein, stellt die junge Barbara ernüchternd in »Ein freudiges Ereignis« fest, kurz nachdem sie ein Kind bekommen hat. Andrea Arnold setzt einen alten Klassiker bildgewaltig in Szene – und eine Krankenschwester spielt Schicksalsgöttin und vertauscht zwei Babys im Krankenhaus.

In Regen gehüllt steht das Anwesen des alten Earnshaw auf einer Anhöhe. Hier wachsen der Waisenjunge Heathcliff (James Howson) und die Geschwister Hindley (Lee Shaw) und Cathy (Kaya Scodelario) auf. Während Hindley Heathcliff verabscheut, baut sich zwischen seiner Schwester und dem Jungen eine enge Bindung auf. Andrea Arnolds (»Fish Tank«, 2010) bildgewaltige Neuinterpretation des Brontë-Klassikers »Sturmhöhe« ist bereits auf DVD erschienen, feiert aber nichtsdestotrotz noch seine Leinwand-Premiere in Leipzig. Und deswegen ist dieser Filmtipp in erster Linie eine Empfehlung an Sie, ins Kino zu gehen. Kaum zu glauben, dass es in Deutschland kein Verleih zustande gebracht hat, Arnolds Adaption bundesweit ins Kino zu bringen. »Wuthering Heights« ist nicht nur kraftvoll in der Bildsprache, sondern geht vor allem tief zu Herzen.

»Wuthering Heights«: 7., 9., 14./15.4., Cinémathèque in der naTo

Ein erstes Rendezvous. Ein erster Kuss. Ein erstes »Ich liebe dich«. Und dann der folgenschwere Satz: »Ich will ein Kind von dir.« Zu Beginn von Rémi Bezançons »Ein freudiges Ereignis« haken Barbara (Louise Bourgoin) und Nicolas (Pio Maraï) die verschiedenen Stadien des Liebesglücks im Schnelldurchlauf ab und wenig später hängt die schwangere Philosophie-Doktorantin kotzend über der Toilettenschüssel. Nach der Geburt ergreifen Wochenbettdepression, schlaflose Nächte und übermächtige Fürsorgegefühle von der jungen Mutter Besitz, während Nicolas sein mäanderndes Leben gegen einen Bürojob eintauscht. Nach den Startschwierigkeiten geht Barbara voll und ganz in der Übermutterrolle auf. »Ein freudiges Ereignis« verhandelt die emotionalen Veränderungen, die ein Neugeborenes im Leben einer Frau in Gang setzt, auf Augenhöhe. Dabei überzeugt die fabelhafte Louise Bourgoin auf der ganzen Skala der verwirrten Gefühle. Nur punktuell gleitet der Film in die sicheren Gefilde der Stereotypisierungen ab, etwa wenn der Mann im Kreißsaal unbedingt auch noch in Ohnmacht fallen muss. Die ganze Kritik von Martin Schwickert finden Sie im aktuellen kreuzer.

»Ein freudiges Ereignis«: ab 4.4., Passage Kinos, 25.-29.4., Kinobar Prager Frühling

Haltlos streift Anders (Anders Danielsen Lie) durch das spätsommerliche Oslo. Mehrere Jahre war der 34-Jährige im Drogenentzug verschollen – und nun soll er noch einmal von vorne anfangen, sich noch einmal neu erfinden. Wie schon in seinem Film »Auf Anfang« (2006) widmet sich der norwegische Regisseur Joachim Trier auch in seinem zweiten Langfilm »Oslo, 31. August« der Identitätssuche junger Menschen. Die Figur des Anders stehe stellvertretend für eine Generation in Norwegen, die eigentlich alles habe, erklärt Trier in einem Interview, und doch nicht wisse, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Das klingt ein wenig polemisch, gibt aber letztlich nicht den Eindruck des Films wieder. Denn Trier konzentriert sich ganz auf die verstörende, ambivalente Gefühlswelt seiner Hauptfigur. Wer möchte, kann hier natürlich Anknüpfungspunkte ausmachen und das Spiegelbild einer gut situierten, aber orientierungslosen Gesellschaft erkennen. Man kann sich aber auch ganz Anders‘ ziellosem Herumtreiben hingeben und gemeinsam mit ihm Abschiednehmen von Oslo, seinen Freunden und seinem Leben. Die ganze Kritik finden Sie im aktuellen Heft.

»Oslo, 31. August«: ab 4.-14.4., Schaubühne Lindenfels, ab 26.4., Cinémathèque in der naTo

Schlag Mitternacht am 15. August 1947, als Indien seine Unabhängigkeit erklärt, werden zwei Babys in einem Krankenhaus in Bombay geboren. Eine Krankenschwester spielt Schicksalsgöttin und vertauscht die Neugeborenen. Saleem Sinai, der uneheliche Sohn einer armen Hindu und Shiva, der Sprössling einer reichen, traditionsbewussten muslimischen Familie, sind nun dazu verdammt, ein Leben zu führen, das eigentlich für den anderen bestimmt war. Eines ist ihnen jedoch gemeinsam: Wie alle »Mitternachtskinder« haben Saleem und Shiva die besondere Fähigkeit, die Gedanken anderer Menschen lesen zu können. So treten die beiden in Kontakt und ihre unterschiedlichen Lebenswelten verbinden sich zunehmend – untrennbar verwoben mit der wechselvollen Geschichte Indiens, zwischen Aufbruch und Katastrophe. (Text: Concorde)

»Mitternachtskinder«: ab 4.4., Passage Kinos

In ihrem neuen Kinofilm erzählt Jeanine Meerapfel die Geschichte einer großen Liebe zwischen politischen Umbrüchen und historischem Wandel. Sulamit (Celeste Cid), Tochter jüdischer Emigranten aus Deutschland, wächst im Buenos Aires der fünfziger Jahre auf. In unmittelbarer Nachbarschaft leben hier Juden und Nazis, aus Europa geflohen und in der Fremde erneut zusammengeworfen. Als junges Mädchen trifft Sulamit auf Friedrich (Max Riemelt), einen deutschen Jungen, der mit seiner Familie im Haus direkt gegenüber wohnt. Zwischen den beiden entsteht schon bald eine ungewöhnliche Nähe. Als Friedrich erkennt, dass sein Vater ein SS-Obersturmbannführer war, bricht er mit seiner Familie und geht nach Deutschland, um sich mit seiner Herkunft auseinanderzusetzen. Bald wird er sich der deutschen Studentenbewegung anschließen. Sulamit folgt ihm wenige Jahre später und muss feststellen, dass sein politisches Engagement keinen Raum für ihre Liebe lässt. (Text: Neue Visionen)

»Der deutsche Freund«: ab 5.4., LURU-Kino in der Spinnerei, Premiere in Anwesenheit der Regisseurin

Jede Nacht wird Ethan (Alden Ehrenreich) von einem Alptraum geplagt. Verzweifelt versucht er ein Mädchen zu retten, das in großer Gefahr schwebt. Immer wieder erwacht er, ohne zu wissen, wer die Unbekannte ist. Umso überraschter ist er, als sie plötzlich als neue Schülerin in seine Klasse kommt. Lena (Alice Englert) ist die Nichte des mürrischen Gutsbesitzers Macon Ravenwood (Jeremy Irons), um den in der Kleinstadt alle einen großen Bogen machen.

»Beautiful Creatures – Eine unsterbliche Liebe«: ab 4.4., Cineplex im Alleecenter, CineStar, Regina Palast

Unser Autor Stefan Huhn hat sich für uns »Dead Man Down« angesehen.

Filmfutter fernab der Neustarts:

Horror-Doppel mit DONIS: »Tourist Trap« + »Dolls«

Im Puppen-Horror-Special geraten fünf junge Menschen im Hinterland in ein Haus, in dem Mr. Slausen äußerst lebensechte Puppen aufbewahrt (»Tourist Trap«, 1979) und eine Familie sucht in einer stürmischen Gewitternacht Unterschlupf in einem ebenso entlegenen Haus, wo Puppen hergestellt werden (»Dolls«, 1987).

Horror-Doppel: 10.4., LURU-Kino in der Spinnerei

Das Filmriss Filmquiz

Denn sie quizzen nicht, was sie tun. Lars Tunçay & André Thätz fragen sich quer durch die Filmgeschichte und haben jede Menge toller Preise im Gepäck.

Filmriss Filmquiz: 4.4., Conne Island

Weitere Filmbesprechungen und -tipps finden Sie hier und in unserer Printausgabe.

Gute Unterhaltung im Kinosessel!

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