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Pegida und die Männer

Sozialwissenschaftler Philipp Berg über den Antifeminismus der Fremdenfeinde

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Der Sozialwissenschaftler Philipp Berg sprach im Dezember im Institut für Zukunft über den Zusammenhang von hegemonialer Männlichkeit und völkischem Nationalismus. Im Interview erklärt er, wie dieser zustande kommt, welche Rolle das Berufsleben dabei spielt und warum so viele Männer zu Pegida gehen.

 

kreuzer: Die Teilnehmer bei Pegida sind zu 75 bis 82 Prozent männlich. Auch bei anderen rechten Bewegungen ist der Männeranteil sehr hoch. Warum ist das so?

PHILIPP BERG: Das ist alles andere als Zufall. Ausgehend davon, dass sich gerade Männlichkeit in den bestehenden Arbeitsverhältnissen stark verändert hat, sehen sich sehr viele Männer in einer persönlichen Krise. Das klassische Modell von Männlichkeit ist sehr eng damit verknüpft, dass der Mann die Rolle des Familienernährers inne und institutionell abgesicherte Karriereverläufe mit einer finanziellen Sicherheit hat. Doch diese Form des Familienernährermodells ist eigentlich obsolet geworden. Männer sind zunehmend damit konfrontiert, dass es auch gut ausgebildete Frauen gibt, die ebenso für sich in Anspruch nehmen, Karriere zu machen, und dass Männer nicht mehr wie selbstverständlich auf Frauen als natürliche Ressource, die sich um alle außerberuflichen Belange kümmert, zurückgreifen können. Gleichzeitig geht es auch darum, dass man auf dem Arbeitsmarkt heutzutage sehr flexibel und anpassungsbereit sein muss. Die dadurch entstehende Unsicherheit gilt es für das Individuum zu bewältigen. Gerade Männer, die in prekären Soziallagen sind, halten so an traditionellen Männlichkeitsklischees fest. Das führt aber nicht dazu, dass sich ihre Männlichkeitskonflikte auflösen, sondern eher dazu, dass sie sich verschärfen und sie in sehr prekäre emotionale Lagen bringen. Da bietet Pegida als Massenbewegung eine Möglichkeit, um die eigene Männlichkeit mit der Männlichkeit der Gruppe auffüllen zu können.

kreuzer: Und warum eine völkisch-nationale Massenbewegung?

BERG: Im Grunde war der Antifeminismus schon immer Bestandteil völkisch-nationaler Bestrebungen. Insofern passt das sehr gut zusammen, dass man gerade dorthin geht, wo heute ja auch oft vom sogenannten »Genderwahn« die Rede ist und dagegen gewettert wird, dass andere Konzepte von Geschlecht, die sich zum Beispiel kritisch mit Dominanzverhältnissen zwischen verschiedenen Geschlechtsentwürfen auseinandersetzen, diskutiert und teils auch gelebt werden. Diese werden ins Feindbild integriert, weil damit etwas angesprochen wird, was eigentlich nicht sein darf, da ein tradiertes kulturelles Ideal von Männlichkeit damit problematisiert wird. Das darf für manche Personen einfach nicht sein, weil es als eine Gefahr für die eigene Identität erlebt wird, die abgewendet werden muss.

kreuzer: Was genau nehmen Männer als Kränkung ihrer Männlichkeit wahr?

BERG: Kränkend ist, wenn die männliche Integrität gefühlt in Frage gestellt gesehen wird. Wenn Männer also ihrem Ideal von Unabhängigkeit und Stärke nicht gerecht werden, zum Beispiel dann, wenn Abhängigkeit spürbar wird, was in gegenwärtigen Arbeitsverhältnissen sehr häufig passieren kann. Wenn man dann noch familiär auf die Unterstützung von Frauen angewiesen ist oder man von Frauen beruflich übertrumpft wird, dann wird die Abhängigkeit, also das, was aus der männlichen Identität eigentlich abgespalten werden muss, auf eine sehr kränkende Art und Weise spürbar. Eine erlebte Entwertung im Berufsleben kann also im Grunde als eine Selbstentwertung erfahren werden.

kreuzer: Haben sich gesellschaftliche und Arbeitsbedingungen in den letzten Jahren noch einmal dahingehend verschärft, dass ein ausgeprägter Antifeminismus Konjunktur erlebt?

BERG: Der Antifeminismus ist als ein Symptom dieser Identitätskonflikte um Männlichkeit zu sehen. Natürlich sind Arbeitsverhältnisse nicht sicherer geworden, ganz im Gegenteil. Zeitverträge werden zur Regel. Vor dem Hintergrund, dass jener Teil des Arbeitsmarktes, der Aufstiegs- und Karrierechancen sowie Ansehen verspricht, eine Männerdomäne ist, wird es von Männern als zunehmend bedrohlich wahrgenommen, wenn es ihnen nicht gelingt, den Ansprüchen, die dort an sie gestellt werden, gerecht zu werden. Es wird als sehr beschämend erlebt, wenn sie beruflich scheitern. Aber da die Diskussion um die Positionen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt immer größer wird, verstärkt sich die Angst bei Männern in Bezug auf die eigenen Abstiegsängste und die Ängste, persönlich zu versagen, zunehmend, auch wenn Frauen real immer noch einen geringeren Lohn erhalten und in vielen Positionen unterrepräsentiert sind. Das hat sich eher verschärft, als dass es besser geworden ist.

kreuzer: Sie sprechen vom Zusammenhang hegemonialer Männlichkeit mit völkischem Nationalismus. Was bedeutet hegemoniale Männlichkeit?

BERG: Das meint im Grunde eine geschlechterbezogene Praxis, die die Überordnung des Mannes gegenüber der Frau sichern soll und sich immer unter bestimmten legitimierten Strategien reproduziert. Zum anderen geht es aber nicht nur darum, eine Herrschaft von Männern über Frauen herzustellen, sondern auch um eine Binnenhierarchie innerhalb der Männer. So werden zum Beispiel auch homosexuelle Männer abgewertet, mit Weiblichkeit gleichgesetzt und sind Teil des Feindbildes.

kreuzer: Welche Rolle spielt Sozialisation in diesem Kontext?

BERG: Eine ganz entscheidende, weil in der Sozialisation diese kulturellen Ideale an heranwachsende Männer herangetragen werden. Oft besteht das Problem, dass Väter zwar auf einer intergenerationellen Ebene an die Söhne delegieren, das familiäre Erbe zu halten, gleichzeitig aber von den eigenen Söhnen nicht übertroffen werden wollen. So besteht schon auf der intergenerationellen Ebene zwischen Söhnen und Vätern ein Konflikt. Dabei wird aber natürlich auch immer das Ideal von Unabhängigkeit und Stärke an sie gerichtet, was sie aber nie einlösen können. Sowohl stehen sie in beruflichen Abhängigkeitsverhältnissen, als auch in Abhängigkeit zu den Frauen, die sie sexuell begehren. So ist die Haltung zu Frauen ambivalent, durch Lust wie auch Neid, Angst und Hass gekennzeichnet und kann in gefühlten Krisen um ihre Männlichkeit in Antifeminismus und Hass gegen diese münden.

kreuzer: Eigentlich ist es paradox, dass Bewegungen wie Pegida ein abwertendes Frauenbild bei Muslimen anprangern, während das Frauenbild der Bewegung doch selbst reaktionär und abwertend ist. Wie kommt es zu dieser Paradoxie?

BERG: Das Verhältnis ist zum einen durch Neid auf muslimische Männer, mit denen in der Regel assoziiert wird, dass sie in sehr patriarchalen Familienstrukturen herrschen, gekennzeichnet. Gemäß westlicher zivilisatorischer Standards kann man dies nicht mehr so ohne Weiteres ausleben. Zum anderen speist sich aber genau daraus auch der Hass, denn der völkische Nationalismus ist immer auch mit einem antiwestlichen Ressentiment aufgeladen. Gleichzeitig muss man sich aber auch auf diese »westlich-abendländische Kultur« berufen, um diesen Antifeminismus und Maskulinismus nicht offenzulegen. Das funktioniert, wenn gemäß dieses Weltbildes die eigene demokratisch gewählte Regierung zum »Volksverräter« deklariert wird, die von äußeren, weltumspannenden fremden Mächte gesteuert würde, deren Handlanger sei und gegen die natürlichen Interessen des Volkes handele, es also zersetze. In diesem »Drahtziehermodell« zeigt sich der antisemitische Kern des völkischen Nationalismus. Bewegungen wie Pegida betrachten sich dann als die wahren Verteidiger des Abendlandes. Die Widersprüchlichkeit ist die, dass man einerseits also neidisch ist und andererseits, um das nicht offen zu zeigen, muss man sich wieder auf die »abendländische Kultur« berufen, dass man doch eigentlich die Frau verteidigen will und so die Unterdrückung von Frauen nur noch bei Muslimen sieht.

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Dein Kommentar

5 Kommentare

  1. Rosi | 5. Januar 2017 | um 00:11 Uhr

    Werter Herr Sozialwissenschaftler, ihr gebt euch immer sehr Mühe, Pegida immer und immer wieder mit Unwahrheiten zu verunglimpfen. Richtig ist, das Frauen durch die Gefahr fur Leib und Leben die durch aggressive Gegendemonstrationen ausgehen, nicht daran teilnehmen, sich dies nicht antun. Das war übrigens 89′ nicht anders.

  2. Klaus-Peter Schramm | 5. Januar 2017 | um 15:25 Uhr

    Ich möchte nicht unhöflich werden, aber dieser Herr hat keine Ahnung von ostdeutschen Empfindlichkeiten. Er sollte mal eine Pegida – Demo in Dresden besuchen und mit den Teilnehmern sprechen. Ansonsten sollte er was vernünftiges lernen!

  3. ReVolte | 5. Januar 2017 | um 22:22 Uhr

    „Eine erlebte Entwertung im Berufsleben kann also im Grunde als eine Selbstentwertung erfahren werden.“

    Ja warum wohl? Weil Mann – anders als Frau – erst durch Leistung bis an die Grenze zur Opferbereitschaft seine gesellschaftliche Existenzberechtigung/Anerkennung erringt – und zwar sein Leben lang. (Sei ein Mann!).
    Als Opfer kommt er nicht in Betracht. Und in den Augen der Frau ist er als solches nicht länger Mann, sondern Versager, Schlappschwanz, Loser, Schwächling…

    Frau allein beansprucht die Opferrolle. Und der Feminismus, welcher inzwischen ein Staatsfeminismus ist, kultiviert nurmehr diese klassische Anspruchshaltung mit dem rücksichtslosen Ausbau weiblicher Vorzugsrechte wie Quoten dort wo es genehm und massiver Väterdiskriminierung. Für den Fortbestand dieser reaktionären Verhältnisse ist die Delegitimierung einer Männerrechtsbewegung unabdingbar.

    „Auch die Männlichkeitsforschung selbst hat bislang keine grundlegende Kritik von Männlichkeit entwickelt; vielmehr reproduziert sie weitgehend das vorherrschende Verständnis von Männlichkeit(en). Der nicht-hegemoniale Mann ist insbesondere hinsichtlich seiner Bedürftigkeit bislang kaum im Blick der Forschenden.
    Beide Geschlechter werden also unterschiedlich konstruiert. Die Diskurse um Geschlecht verdecken und verbergen mithin mehr, als dass sie aufdecken. In Anlehnung an Bourdieu geht es um die Verdeckung der männlichen Verletzbarkeit in Geschlechterverhältnissen. Die zentrale Frage ist: Was geschieht in der bestehenden Geschlechterordnung mit der männlichen Verletzbarkeit?“
    (Hans-Joachim Lenz, Sozialwissenschaftler)

    Auch der Herr Berg gibt keine Antwort auf diese Frage, sondern reproduziert das sattsam bekannte, feministische Feindbild.

    Rezensiert doch mal Arne Hoffmanns „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“, als immer nur die gleiche, demagogische Leier zu drehen.

  4. Nebbich | 6. Januar 2017 | um 06:54 Uhr

    Aber klar doch: „In diesem »Drahtziehermodell« zeigt sich der antisemitische Kern des völkischen Nationalismus“ — mit dieser Aussage ist Herr Berg reflexhaft in den Denkmodellen des letzten Jahrhunderts gefangen.
    Während aufgeklärte Linke heutzutage mit Juden kein Problem haben, jedoch den Staat Israel mal mehr, mal weniger stark kritisieren; ist es bei Pe/Legida gerade entgegengesetzt: mit „dem Juden“ an sich kann man nicht so viel anfangen, der Staat Israel wird jedoch sehr positiv gesehen.
    Das könnte man wissen, wenn man sich die Israelfahnen auf einer beliebigen X-gida-Veranstaltung ansieht – oder eben auch Facebook-Kommentare liest wie diesen z.B.: „in Israel greifense wenigstens hart durch gegen die (bitte Schimpfwort einsetzen!)“

    Und wahrscheinlich hat auch Rosi mehr recht, als es Herrn Berg lieb sein mag – denn fast jeder Gida-Horst hat zuhause so’ne Rosi, mit der er sich die ganze Woche über hochschaukelt, bis endlich wieder Montag ist.
    Da geht der Riss durch die Familien; meine Eltern sind nämlich genau solche Rosi&Horsts…