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»Fuck Gentrification!«

Die Kalifornier von Night Demon kamen zum spontanen Soli-Konzert ins 4Rooms

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Die 1.500 Fans im Haus Auensee werden nicht schlecht gestaunt haben, als Night Demon ein Zusatzkonzert ankündigten: »Wir werden nachher noch im 4Rooms zu sehen sein.« Und so machte sich die Vorband der Heavy-Metal-Granden Accept am Dienstag gegen Mitternacht vom Norden der Stadt auf in den Osten, um gegen die Schließung des Reudnitzer Clubs wenigstens ein Zeichen zu setzen.

Der Protest-Gig war das Ergebnis eines schönen Zufalls. Das kalifornische Trio lernte am Abend zuvor Teile des 4Rooms-Teams kennen. »Coole T-Shirts!« – »Dann setzt euch dazu.« So zechte man zusammen im Black Label in Connewitz. Irgendwann kam die Sprache aufs 4Rooms: Im dreizehnten Jahr seiner Existenz muss der Laden schließen, weil ein neuer Immobilienbesitzer den Vertrag nicht verlängert (s. kreuzer 2/2018). An sich ein normaler Vorgang im Kapitalismus, nur dass die Häufung nicht mehr normal ist. Vom zigfachen Clubsterben, Wegbrechen ihrer Orte ist besonders die Metal-Szene der Stadt betroffen. Night Demon verstanden die Wut nur zu gut und versprachen einen Soli-Gig am nächsten Abend. Bittere Pointe: Diese Woche wurde bekannt, dass auch das Black Label vom Verdichtungsdruck in der Stadt betroffen ist. Auf dem Grundstück in der Wolfgang-Heinze-Straße, wo der Punk-Pub seinen Freisitz hat und der Vagabund-Garten residiert, soll ein Mehrfamilienhaus entstehen. Garten und Freisitz müssen weg, was die Neunachbarschaft im Punkt Belästigung mit Ruhestörungsanzeigen heißen kann, will man sich heute noch gar nicht ausmalen.

Im 4Rooms stieg zur Geisterstunde die Anspannung. Ab neun Uhr abends – nach dem Auensee-Auftritt von Night Demon – wurde per SMS, WhatsApp und Facebook mobilisiert. Mancher fluchte, weil er früh wieder aus dem Bett musste, aber so eine Gelegenheit gibts nur einmal. Sogar sonst trinkfeste Seelen waren mit alkoholfreiem Bier unterwegs. So richtig wollte keiner glauben, dass die Heavy-Metal-Band wirklich hier auftritt. Doch dann schoben Roadies Instrumente und Equipment am Tresen vorbei in den Saal, kamen die Musiker an. »Verdammte Scheißgeschichte«, meinte Sänger und Bassist Jarvis Leatherby im Gespräch zur Clubschließung. »Wir leben in Kalifornien, wir kennen das leider, wie alles verschwindet. Alles nur, weil ein paar Leute spekulieren wollen. Fuck Gentrification!«

Von der Bühne ließ er wissen: »Wir haben schon mehrfach in Leipzig gespielt. Hier noch nicht, das wollen wir ändern, bevor der Club zumacht.« Vor 40 bis 50 ausdauernd-ausgelassenen Menschen legten Night Demon dann mit großer Cover-Show los. Hard’n’Heavy-Klassiker aller Couleur waren dabei, darunter auch eine Speedmetal-Version von Queens »We Will Rock You«. Eine Dreiviertelstunde lang zogen sie vom Leder, bevor sie mit dem Ziel, sich zu betrinken, den Fans in den Armen lagen. Der Auftritt war ein gutes Beispiel dafür, warum es Orte wie das 4Rooms geben muss und was die Stärke der Leipziger Undergroundszenen ist: Räume zu haben für Spontanes und die Arbeitskraft zersetzende Vergnügungen. Von den gespielten Songs kann wohl einer als prophetisch gelten, sollte sich die Clubsituation nicht ändern und der allgemeine Freiraumschwund enden: »Breaking the law«.

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