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»Judenschweine«-Rufe ohne Strafe

Antisemitismus beim Derby wird nicht bestraft

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Antisemitische Sprüche stehen in sächsischen Stadien nicht unter Strafe. Das legen die am Dienstag veröffentlichten Sanktionen des Nordostdeutschen Fußballverbands (NOFV) gegen Chemie und Lok über ihre zwei Regionalligabegegnungen in dieser Saison nahe, bei denen Platzsturm und Pyrotechnik geahndet wurde. Ein mehr als bedenklicher Umstand, lobte doch der DFB-Präsident Reinhard Grindel höchstselbst vor wenigen Monaten die Sensibilität und Entschiedenheit des hiesigen Sportgerichtsvorsitzenden gegenüber Rassismus und Diskriminierung.

Ein Nachmittag im November

»Judenschweine«, »Kommunistenschweine« schallte der Chemie-Mannschaft im Bus nach dem Derby am 22. November entgegen. Dass der Weg aus dem Bruno-Plache-Stadion in Probstheida für die Gegner von Lok Leipzig nie angenehm ist, mag jetzt nicht verwundern. Allerdings war das schmale rhetorische Repertoire an diesem Tag nicht zum ersten Mal zu hören.

»Türken, Zigeuner und Juden – Ultras Chemie« konnte beispielsweise auch der zu Hause auf der Couch sitzende Zuschauer, der den MDR wählte, um das Spiel live zu verfolgen, ab der 29. Minute neben der Stimme des Sportreporters sehr deutlich vernehmen.

Davon ist im Urteil des NOFV zu den Regionalligabegegnungen zwischen Chemie und Lok  Ende Juli und November keine Silbe zu lesen. Stattdessen stehen Platzsturm, Spielunterbrechungen, Pyrotechnik, Feuerzeugwurf und Bierdusche im Mittelpunkt.

Das verwundert in mehrfacher Hinsicht, denn erst vor einigen Monaten wurde das Sportgericht ob seiner Kurzsichtigkeit gegenüber Hitlergruß und rassistischen Gesängen von Cottbuser Anhängern bei seinem Urteil zum Spiel Babelsberg 03 gegen Energie Cottbus Ende April öffentlich kritisiert. In der ersten Entscheidung konnte es nach »Inaugenscheinnahme der TV-Bilder über die Vorfälle« keine Verfehlungen wahrnehmen.

Dies führte nicht nur bei den Babelsbergern zu großem Unmut. Offene Briefe wurden geschrieben, Vereine – wie die BSG Chemie Leipzig – solidarisierten sich mit Babelsberg, die Aktion »Nazis raus! Aus den Stadien« auf T-Shirts und Stoffbeuteln begann.

»Mit hoher Sensibilität und Entschlossenheit«

In die Debatte schaltete sich zudem auch DFB-Präsident Reinhard Grindel ein. Er schrieb einen offenen Brief an den Babelsberger Präsidenten. Darin betonte er das gesellschaftliche Engagement des DFB. »Jede Form von Rassismus, Diskriminierung oder Antisemitismus darf keinen Platz in den Fußballstadien haben, auf und neben dem Rasen« ist zu Beginn  seines Briefes zu lesen. Grindel betont gleich daran anschließend, dass der Vorsitzende des NOFV-Sportgerichts, Stephan Oberholz, dafür steht. »Mit ihm hat der NOFV einen Richter, der gerade auch in diesen Fragen mit hoher Sensibilität und Entschlossenheit vorgeht.«

Grindel beendet seinen Brief mit den Worten: »Jeder ist aufgerufen, jede Form von Rechtsextremismus und Antisemitismus anzuzeigen. Und die Sportrichter gehen jedem konkreten Hinweis konsequent nach.«

Von Entschlossenheit und Sensibilität kann bei den Entscheidungen zu Wochenbeginn nun überhaupt nicht die Rede sein, obwohl es sich das Sportgericht sicherlich nicht leicht gemacht hat. Ursprünglich war die Bekanntgabe der Strafen noch zum Jahreswechsel geplant. Zwei Mal mussten Lok und Chemie ihre Sicht der Dinge zum Derby am 22. November schildern. Zudem kann davon ausgegangen werden, dass das Sportgericht aus der Erfahrung heraus auch die zahlreichen Bewegtbilder samt Tonspuren wahrgenommen hatte. Weshalb dann allerdings rassistische und antisemitische Sprüche nicht geahndet werden, bleibt bisher noch ein großes Rätsel.

Mit dem Urteil hätte der NOFV zeigen können, dass die Debatten und Aktionen der letzten Monate nicht umsonst waren. Die erste Chance dazu hat er vertan.

UPDATE: Nach dem Artikel ermittelt nun der NOFV zu den antisemitischen Sprüchen von Lokfans, so Stephan Oberholz am Montag gegenüber LVZ.de.

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