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Barbarossas wüste Trümmer

Im kleinsten Gebirge der Republik steht ein Riesendenkmal. Im Winter verspricht es klare Mystik und weiten Ausblick

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Sie wirkt vertraut, die Geschichte vom Herrscher, der in einer Zwischenwelt verharrt, um irgendwann wieder aufzutauchen und ein goldenes Zeitalter zu starten. Erst zu Heiligabend, im voll besetzten Gottesdienst, ging es um so einen und seine Geburt. Nun ist Kaiser Barbarossa zwar nicht im Stall geboren. Mit ihm verknüpfen sich aber ebenfalls messianische Vorstellungen: Einst wird er, der wahre deutsche Kaiser, Deutschland aus der Finsternis führen.

Es war 1896, als der ganz reelle Kaiser Wilhelm II. der Welt ein Monument übergab, das einen Bogen von Barbarossa zu seinem Großvater Wilhelm I. schlug, immerhin war der der Kaiser der 1871er-Reichsgründung. Das Volk durfte nun angesichts des anspielungsreichen Kolosses aus Stein und Bronze, der wahlweise den Namen Kaiser-Wilhelm- oder Kyffhäuser-Denkmal trug, darauf hoffen, dass in jeder alten Sage auch ein wahrer Kern steckt, der in die Zukunft zu verweisen vermag.

Schon der Ort alleine, den das Denkmal aus der Ferne sichtbar überragt, taugt als Anziehungspunkt. Das Kyffhäusergebirge erlaubt weite Blicke in die Landschaft, Blicke in die Goldene Aue und in den Harz, die bereits bekannte Dichter und Denker genossen. Goethe wandelte hier und die blaue Blume kann nicht fern sein, die dank Novalis’ »Heinrich von Ofterdingen« zum Sehnsuchtssymbol der Romantik wurde. Unterhalb lag die ottonische Kaiser- und Königspfalz Tilleda – heute ein Freilichtmuseum –, auf dem Berg die Ruine der ehemaligen Reichsburg, die Wilhelm von Humboldt »Barbarossas wüste Trümmer« nannte. Im Winter ist bereits von der Unterburg Aussicht möglich, ohne dass sich Blattwerk ins Bild schiebt, auf die Reste 
der Oberburg setzte Architekt Bruno Schmitz das etwas größenwahnsinnige, klotzige Monstrum, dessen Anmutung Leipzigern bekannt vorkommen dürfte – Schmitz baute anschließend noch das Völkerschlachtdenkmal.

Als Zentrum und Krönung einer Figurengruppe reitet Wilhelm – samt Pferd knapp zehn Meter hoch – Richtung Sonne oder mystischen Nebel. Seinem Ross zu Füßen sitzen eine die Geschichte verkörpernde Frau und ein germanischer Recke mit beflügeltem Helm. So hat sich das 19. Jahrhundert seine Ahnen vorgestellt, wie sie den Römern und sonstigem Ungemach trotzten. Kaiser Barbarossa thront unterhalb, das Gesicht entschlossen, die Finger gekrallt, über Brust und Bauch wallt der lange Bart Richtung Felsen. Das ist kaum ernster zu nehmen als Wilhelm über ihm mit seiner Pickelhaube und dem Germanen. Lieber schaut man über die Brüstung und freut sich, dass man sieht, was die Alten hinter einem nicht sehen können. Oder man steigt den Turm hinauf – noch mehr Ausblick –, von wo aus diese Stätte des Kaiser-Wilhelm-, Germanen- und Barbarossa-Kults nicht in die Wahrnehmung dringen muss und sich der Grusel des Betrachters zu erstaunter Erhabenheit wandeln kann, ironisch und mit zusammengekniffenen Augen.

Barbarossa jedenfalls sitzt der Legende zufolge eigentlich im Fels, nicht obendrauf, und das seit 1190. Dort schläft er, inmitten seiner Ritter und Knappen, derweil wächst sein Bart durch den Tisch. In ihrer Höhle ist es taghell, Gold und Edelsteine funkeln. Alle hundert Jahre wacht Barbarossa auf und sieht draußen nach den Raben. Kreisen sie nicht mehr um den Berg, ist die Zeit für die letzte Schlacht gekommen. Während die höfische Gesellschaft es sich bis dahin in ihrem Paradies gutgehen lässt, weiß die Volkssage, dass dann und wann die kleinen Leute von dieser Herrlichkeit auch etwas abbekommen: Einige kamen mit Gold in den Taschen oder mit einem Krug kaiserlichen Weines nach Hause. Wenn der Berg offen ist, sollte man sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, hineinzuspazieren und mit Frau Holle einen Schnack zu halten, die hier manchmal die Pferde füttert. Tag des offenen Kyffhäuser-Felsens ist aber nur alle sieben Jahre.

In der Zwischenzeit bietet der Berg noch einiges mehr, und zwar zum Teil sogar zum Anfassen, ganz ohne Mythos, Ahnung, Hoffnung und Messiassehnen. Gastronomie natürlich und Hotelzimmer, Ritterführungen inklusive Unter- und Mittelburg, einen Kinderspielplatz und eine Veranstaltungsbühne, Artenreichtum und spannende Geologie, außerdem Sportevents wie den winterlichen Kyffhäuser-Staffellauf Ende Januar. Das kleinste Mittelgebirge der Bundesrepublik beherbergt außerdem einen weiteren Superlativ, nämlich den tiefsten Burgbrunnen der Welt.

1939 haben sie Hindenburg hier eine Statue hingebaut, die 1945 abgebrochen und verbuddelt wurde. Vor einigen Jahren wieder freigeschaufelt, liegen Teile von ihm nun ebenfalls in dem Berg, in dem der überzeitliche deutsche Kaiser schlummert. Man fragt sich, ob Hindenburg das witzig gefunden hätte.

http://www.kyffhaeuser-denkmal.de

Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 01/2018.

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Ein Kommentar

  1. Kristine Sejdi | 12. Februar 2018 | um 12:45 Uhr

    Wunderbarer Artikel, genauso habe ich es auch empfunden. Auf Grund des Platzmangels leider keine Erwähnung des Bismarckturmes und der Burg nebst ehemaligem rassenhygieneinstitutes wenige Meter neben dem Denkmal. Dieses Gebiet hat sich ein unbekannter Investor gesichert. Der einzige private bismarckturm! Unglaublich dir Abfahrt auf der serpentinenstrasse mit ca. 40 Kehren, beliebt bei Motorrad Fahrern. Nicht unerwähnt bleiben die Verkaufsstelle mit wunderbaren Mineralien und schoenem alten Krempel, ein Verein hat unterhalb ein MineralienMuseum aufgebaut. Auf den Wiesen wachsen seltene Pflanzen aufgrund des besonderen Mikroklimas. Gunsten und gut übernachten kann man in der Jugendherberge kelbra, dort gibt es auch einen bad esse mit Camping. Also …..lohnenswert.