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»Lasst einfach diesen Freiraum«

Das Black Triangle ist wieder akut räumungsbedroht

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Das Projekt Black Triangle ist mittlerweile über Leipzig hinaus ein Begriff, denn seit mittlerweile fast zwei Jahren ist das alte Bahngelände im Leipziger Süden besetzt. Durch ein BGH-Urteil ist das Verfahren über die Räumung von der zivil- auf die strafrechtliche Ebene gerückt. Das heißt, dass die Polizei nun Rechtssicherheit hat und das Gebäude räumen darf, da die Besetzung als Hausfriedensbruch zählt. Davon lassen sich die Leute jedoch nicht einschüchtern. Bei warmen Wetter und kühlem Bier sprach der kreuzer mit drei Personen aus dem Kollektiv und Unterstützerkreis über das Einigeln in Connewitz, Solidarität und das Black Triangle als »linksautonomes Zentrum«, wie es gerne von Presse und Politik genannt wird.

kreuzer: Wie würdet ihr das Black Triangle beschreiben?

KERSTIN: Das ist nicht nur eine Besetzung, sondern eine Instandsetzung. Es wird versucht die Räumlichkeiten, die über so viele Jahre brach lagen, nutzbar zu machen und Raum zu schaffen für Kunst und Kultur. Es finden Zusammenarbeiten mit diversen Personen statt, die professionell im Hoch- und Tiefbau tätig sind, um das Gebäude so gefahrlos wie möglich zu sanieren. Es geht darum, bezahlbaren Freiraum zu schaffen und Leuten einen Ort zu geben, an dem sie beispielsweise proben und sich weiterentwickeln können. Das ist einfach eine Herzensangelegenheit.

kreuzer: Hättet ihr gedacht, dass es zwei Jahren werden?

ANITA: Teils, teils.

KERSTIN: Es fühlt sich wie ein luftleerer Raum an. Eine gewisse Sicherheit ist da, weil keine Verkaufs- und Verpachtungsabsichten existieren, gleichzeitig ist aber das Problem, dass sich das Projekt in einer rechtlichen Grauzone bewegt, die so noch nicht abgeklärt ist. Wenn die Bahn sich zum Beispiel auf einen Duldungsvertrag einlässt und so einen Präzedenzfall schafft, besteht für die Bahn als Unternehmen die Gefahr, dass weitere Besetzungen folgen und sie in der Bringpflicht sind, das immer wieder durchzusetzen. Und die haben unglaublich viele brach liegende Grundstücke deutschlandweit.

kreuzer: Das Projekt war schon mal räumungsbedroht und jetzt wieder. Hat man das immer so im Hinterkopf?

ANITA: Immer, also eigentlich durchgängig die zwei Jahre.

KERSTIN: Es ist einfach zermürbend, dass es keine Sicherheit gibt, ob man bleibt oder nicht. Es ist sehr schwierig denn, obwohl man so viel Kraft und Energie reinsteckt, weiß niemand, wie lange die Möglichkeit besteht aktiv zu bleiben.

kreuzer: Gab es nochmal Kontakt zur DB?

ANITA: Nein.

KERSTIN: Die Bahn hatte nie ein Gespräch angeboten.

kreuzer: Wollt ihr das Projekt in die Legalität bringen?

KERSTIN: Es gibt befreundete Projekte, die versucht haben auf dem legalen Weg zu agieren, via Vereinsgründung und dann einfach eiskalt untergebuttert wurden. Du wirst in eine Handlungsposition gedrückt ohne Handlungsspielraum zu haben. Das ist systemimmanent.

ANITA: Eine Duldung wäre das Beste.

KERSTIN: Meine Güte, es geht nicht um Fördergelder, sondern darum, einen Freiraum zu schaffen, wo Leute sich selber aktiv einbringen können.

ANITA: Und das selbst verwaltet, ohne ein Zutun der Stadt oder sämtlichen Institutionen.

kreuzer: Wie bereitet ihr euch auf die Räumung vor? Lasst ihr alles normal weiterlaufen?

ANITA: Ja klar, mittlerweile gehört es zum Alltag dazu.

ANTONIO: Alltag weiterführen ist wichtig. Wenn jetzt die Menschen gehen und aufhören, die sich viel im Projekt engagiert haben, dann ist genau das erreicht, was sich die Leute, die das Ding räumen wollen, erhoffen: Nämlich dass das Leben dort zum Erliegen kommt. Dass sich das Projekt nur anhand von einer Drohung selbst lahmlegt. Es ist ein besetztes Objekt, da muss immer mit einer Räumung gerechnet werden.

kreuzer: Gibt es Anzeichen, dass die Räumung unmittelbar vorsteht?

KERSTIN: Es wird eine gewisse Zermürbungstaktik gefahren, gerade mit dem Heli, der ständig drüber fliegt, die Streifen, die runtergeschickt werden, ohne dass eine Aktion gibt. Der Zustand »räumungsbedroht« ist grundsätzlich was, womit Menschen zurechtkommen. Schwierig wird es dann, wenn Aktivität sichtbar wird, wenn dann Leute auf das Gelände geschickt werden, wenn der Heli nicht nur drei Stunden da ist, sondern massiv überwacht. Da wird einfach Präsenz demonstriert, aber es gibt keine Hintergrundinformationen, es ist alles offen.

ANTONIO: Es kann heute sein oder in zwei Monaten, dass lässt sich schwer einschätzen.

kreuzer: Aber die Präsenz hat schon zugenommen?

ANITA: Es ist ein Auf und Ab, das immer der Situation im Kiez oder generell in Leipzig angepasst wird. Sicherlich haben die immer ein wachendes Auge auf das Projekt.

KERSTIN: Mensch versucht aus den Aktionen, die von den Ordnungshütern gefahren werden, abzuleiten, was eigentlich dahintersteckt, aber niemand kann hellsehen.

kreuzer: Denkt ihr, dass die Chance besteht, dass doch nicht geräumt wird?

ANITA: Man hat die Hoffnung.

KERSTIN: Lasst einfach diesen Freiraum! Das Gelände ist kapitalistisch nicht verwertbar: Der Boden ist verseucht und die Lage – in einer Sackgasse und im Gleisdreieck – ist auch nicht optimal. Als Wirtschaftsfaktor ist das Gebäude nicht tragbar.

kreuzer: Denkt ihr ,das Gebäude wird abgerissen?

ANITA: Es ist ein Industriedenkmal, es ist sich selber überlassen. Das war wahrscheinlich auch der Plan der Bahn, die hatten keine Handhabe, da der Industriedenkmalschutz schon hochgesteckt ist.

KERSTIN: Das sind 11.000 Quadratmeter, der Abriss wäre sehr kostenintensiv und langwierig. Zumal auch die Abwasserkanäle mit Beton gefüllt wurden, das lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Es ist unrealistisch, dass irgendein Investor nur darauf wartet.

kreuzer: Die Demo Tag X+ 1 wurde schon monatelang angekündigt. Was denkt ihr, wie die ablaufen wird? Was erhofft ihr euch davon?

ANITA: Mensch kann das nicht beeinflussen, aber das Projekt ist schon mit allen Solidaritätsbekundungen konform.

KERSTIN: Wobei das Projekt oder Kollektiv keinerlei Verantwortungen übernimmt, was tatsächlich passiert. Es ist den Unterstützern und Sympathisanten überlassen, inwieweit sie aktiv werden. Unterstützung ist wünschenswert. Es ist eine selbstbestimmte Szene von Leuten, die sich selbst verwalten, die ihren eigenen Kopf haben.

ANTONIO: Wir hoffen auf große Unterstützung, gerade auch aus anderen Städten, weil das Wohnraumproblem akut geworden ist. Auch Projekte aus anderen Städten, die schon länger existieren, sind gefährdet, deshalb ist es wichtig, dass ein frischbesetztes Projekt massiv Solidarität bekommt. Wenn das geräumt ist, hat der Staat auch keine Scheu, andere zu räumen.

kreuzer: Neben euch ist auch ein Wohnhaus. Wie ist euer Nachbarschaftsverhältnis?

KERSTIN: Dicke.

ANITA: Als gäbe es das Projekt dort schon immer.

KERSTIN: Es gibt Unterstützungsbekundungen und es wird Rücksicht gepflegt. Auch Kommunikation und Hilfsbereitschaft ist gegeben.

kreuzer: Was würdet ihr sagen, was das Black Triangle für Leipzig bedeutet?

ANITA: Freiraum.

KERSTIN: Ein vielseitiger, soziokultureller Ort.

ANTONIO: In Connewitz war ewig nichts mehr besetzt, hier ist alles ein bisschen eingestaubt. Das Black Triangle bringt wieder Bewegung rein, wieder aktiv zu werden und aus dem Ruheschlaf zu kommen, denn man igelt sich gerne hier ein und ist in seiner eigenen Blase gefangen. Das ist eigentlich seine Bedeutung für die Szene.

kreuzer: Das Triangle wurde schon öfters als das »linksextreme/-autonome Zentrum« in Leipzig betitelt, was denkt ihr dazu?

KERSTIN: Es ist ein sehr einfaches Labeling, ein öffentlich wirksamer Begriff. Sicherlich gibt es einen politischen Anspruch, dennoch steht das Menschliche im Vordergrund.

kreuzer: Denkt ihr, die Polizei wird das Gebäude bei der Räumung zerstören?

ANTONIO: Die werden sicherlich reingehen und die Fenster zerschlagen, dass wird eigentlich immer als erstes gemacht, so dass kaum eine Nachnutzung möglich ist.

ANITA: Mit der Räumung verschwinden auch unglaublich viele Existenzen.

KERSTIN: Die laden sich die Verantwortung auf, dass sie Leute obdachlos machen, ohne der Verantwortung bewusst zu werden. Es ist unglaublich ermüdend immer wieder zusätzliche ethische Prinzipien zu halten und tatsächlich Menschen mit der Nase draufzustoßen, dass es um Respekt geht, um den Menschen und dass Geld in dem Sinne nur Papier ist. Man kämpft gegen Windmühlen.

ANITA: Bernd, wir sind auch nur Menschen, aber aktiv!

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