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»Ich habe noch so viel Wut in mir«

Bloggerin Nhi Le über Feminismus, Asiafetische und warum Leipzig gar nicht so toll ist

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Es riecht sehr unangenehm, als wir Nhi Le an ihrem Lieblingsort treffen. Kanalarbeiter sind gerade emsig, Kloake liegt in der Luft. Also ziehen wir vom Elstermühlgraben ein paar hundert Meter weiter zum Stadthafen, um bei frischer Luft und schönstem Sonnenschein über eher finstere Dinge zu sprechen. Denn die Bloggerin, Moderatorin und Poetry-Slammerin Nhi Le setzt sich für Feminismus und Antirassismus ein, nicht nur, aber auch weil sie selbst immer wieder von Sexismus und Fremdenfeindlichkeit betroffen ist.

kreuzer: Warum wollten Sie sich am Elstermühlgraben treffen?

NHI LE: Der Elstermühlgraben ist mein Lieblingsplatz in Leipzig, weil man da seine Ruhe hat, um zu schreiben. Je nach Jahreszeit ist ein bisschen Wasser nett, finde ich.

kreuzer: Würden Sie sich als Influencerin bezeichnen?

LE: Nein. Denn im klassischen Sinne bewerben Influencer Produkte im Lifestylebereich. Da geht es meistens um Werbecontent. Ich versuche ja nicht, Produkte unterzubringen.

kreuzer: Aber Sie versuchen, Menschen zu bewegen?

LE: Genau. Ich sehe meine Arbeit eher aus einem redaktionelleren Aspekt und als politische Bildung. Da gibts viele verschiedene Bezeichnungen, aber Influencerin würde ich nie benutzen.

kreuzer: Würde Motivatorin für das Gute passen?

LE: Ja, das ist lustig. Ich zähle meist einfach immer die verschiedenen Sachen auf, die ich mache: Moderatorin, Speakerin und so.

kreuzer: Zu Ihrer Selbstbeschreibung zählt auch Feministin. Was genau verstehen Sie darunter?

LE: Feminismus ist für mich etwas Gesamtgesellschaftliches. Einerseits ist es wichtig, ganz grundlegend die Diskriminierung von Frauen anzusprechen. Und dann muss man die vielen Formen der Frauenfeindlichkeiten in unserer Gesellschaft angehen. Mein Anliegen ist es, erst mal gesellschaftlich dafür zu sensibilisieren, denn ich habe manchmal das Gefühl, dass wir noch nicht sehr weit sind. Beispielsweise wird nicht MeToo-Bewegung gesagt, sondern MeToo-Debatte: Man hat also nur eine Debatte darüber, ob wir überhaupt ein Sexismus-Problem haben. Da versuche ich anzusetzen.

kreuzer: Viele Leute sagen, der Feminismus habe viel erreicht und man müsse nur noch bei Kleinigkeiten nachjustieren. Sie sehen noch große Probleme?

LE: Feminismus ist für mich keine Kleinigkeit. Es stimmt, dass sich einiges verändert hat im Vergleich zu vor zehn Jahren oder vierzig Jahren. Aber eine Weiterentwicklung sollte stattfinden. Gerade jetzt, wo wir einen gesellschaftlichen Rechtsruck haben, tauchen wieder völkische Familienbilder auf. Anti-Feminismus ist eine große Klammer für solche Ideologien. Wir haben das Problem, dass nicht richtig über Sexismus gesprochen werden kann.

kreuzer: Wieso nicht?

LE: Wenn man sexistische Vorfälle benennt, wird oftmals den Opfern die Schuld gegeben. Dann wird halt gesagt: Hab dich nicht so! Wir sind noch nicht einmal an dem Punkt, wo das Problem ernst genommen wird.

kreuzer: Was tun Sie dagegen?

LE: Mir ist zum Beispiel sehr wichtig, schon mit jungen Mädchen über das Thema zu sprechen. Sie zu bestärken, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und ihnen zu sagen: »Es liegt nicht an dir, wenn Übergriffiges passiert. Es ist nicht deine Schuld, wenn du auf der Straße angemacht wirst.« Es ist wichtig, das einer jüngeren Zielgruppe klarzumachen. Ansonsten gehts natürlich um die Stärkung von allen Frauen. Gerade wenn man in der Pubertät eh unsicher ist, kann so eine Portion Bestärkung ganz nützlich sein.

kreuzer: Deswegen bespielen Sie diverse digitale Kanäle wie Instagram, Youtube, Twitter?

LE: Ich komme aus einer Kleinstadt in Thüringen. Da gab es keine Strukturen, in denen ich mich einbringen konnte. Beziehungsweise hatte ich das Gefühl, dass meine eigenen Erfahrungen keine Rolle spielten und ich mich nicht austauschen konnte. Da habe ich das Internet entdeckt und angefangen, dort über meine Erlebnisse zu schreiben. Auf einmal kamen Leute, die die gleichen Erfahrungen gemacht hatten. Und ich merkte: Ach, da steckt eine Struktur dahinter. Plötzlich kam man schnell in einen Austausch. Das Internet ist super niedrigschwellig. Jeder kann publizieren – also habe ich es halt auch gemacht. Mit den Poetry Slams wollte ich mich dann live mitteilen.

kreuzer: Meinen Sie Rassismus, wenn Sie von den Erlebnissen Ihrer Jugend sprechen?

LE: Ja, auch. Klar konnte ich mich über Sexismuserfahrungen so ein bisschen mit Freundinnen austauschen. Aber gerade, was Rassismus angeht, war das schwer. Ich war in meiner Jahrgangsstufe die einzige nichtweiße Person. An meiner ganzen Schule gab es pro Jahrgang vielleicht eine viet-deutsche Person.

kreuzer: Sie waren immer die Andere?

LE: Das Anderssein habe ich erst richtig krass in Leipzig mitbekommen. Ich weiß nicht, ob das daran liegt, dass ich mit 17, 18 mehr drauf geachtet habe, oder ob es mir wirklich hier in Leipzig viel stärker vermittelt wurde. In einer Kleinstadt kennen sich eh alle, daher ist das Gefüge schon klar. Aber als Andere betrachtet zu werden, ist mir in Leipzig super oft passiert, jede Woche in allen möglichen Zusammenhängen, an der Uni, im Alltag, auf Partys. Da habe ich mich dann mehr damit beschäftigt. Ich habe eine ganz ambivalente und spezielle Leipzigsicht. Einerseits dieses Idealisieren im ersten und zweiten Jahr: Ich war von zu Hause in die große Stadt gezogen, es war toll. Und dann kamen Legida und Rassismuserfahrungen.

kreuzer: Hat der Rassismus mit Legida zugenommen?

LE: In Leipzig war der Alltagsrassismus schon präsent. Im letzten Sommer habe ich in Berlin gewohnt. Wenn ich in einer anderen Stadt war, merke ich, wie arg mir das in Leipzig begegnet. So kleinere Sachen wie ›Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass du Deutsch sprechen kannst‹, ›Du bist Deutsche?‹ … Legida wirkte einfach nur als Katalysator. Es gibt ja immer noch die Gegenproteste, eine aktive linke Szene. Aber Legida ist nur ein Symptom dafür, dass Leute sich frei gefühlt haben, ihren Rassismus rauszulassen, einen Rückhalt in der Gesellschaft fühlten. Und nach oder mit Legida spürte ich erst mal, wie verroht der Alltag geworden ist. Leipzig war halt nie perfekt. Ich habe das Gefühl, dass man sich gern hinter diesem ›Wir sind weltoffen‹ versteckt. Das hat sich wie ein Lippenbekenntnis angefühlt, als es um die jährlich organisierte ›Leipziger Rede‹ von Rassismus Tötet ging, bei der ich die letzten Jahre involviert war. Bei dieser Veranstaltung anlässlich Kamal K.s Tod erzählen Rassismusbetroffene in Leipzig von ihrem Alltag. Es werden alle möglichen Städtevertreter*innen und Politiker*innen eingeladen und im Endeffekt kommen immer nur zwei bis drei, die sich in dem Bereich beispiellos einsetzen. Andere blieben aus, dabei ist das die einzige Veranstaltung dieser Art. Leipzig ist zwar immer noch das Beste in Sachsen. Aber das Beste vom Schlechten zu sein, ist immer noch schlecht.

kreuzer: Hat Ostdeutschland ein tieferes Problem mit Alltagsrassismus?

LE: Rassismus gibts überall und es ist super naiv, zu sagen, die ganzen Probleme hängen in Ostdeutschland. Aber hier gibt es schon spezifische Probleme, und das ist für mich die Art, wie sich Rassismus äußert: Diese Unverfrorenheit und die Unbeteiligtheit, dass unwidersprochen bleibt im Alltag, wenn man beschimpft wird.

kreuzer: Haben Sie ein Beispiel?

LE: Ich bin am Flughafen Leipzig gelandet und wurde als Einzige rausgezogen zur Kontrolle, also racial profiling. Die Frau meinte dann: »Wo kommen Sie her?« »Na, aus Frankfurt«, weil es ein Anschlussflug war. »Ich mein, wo Sie herkommen? Aus Shanghai?« Dann habe ich ihr meinen deutschen Pass gezeigt und sie war total ungläubig. Sie fragte dann, was ich denn hier einführen will, obwohl schon der Zoll meine Sachen durchgewinkt hatte.

kreuzer: Dass Sie Leipzigerin sind, hat sie gar nicht fassen können?

LE: Nee, ihrer Meinung nach bin ich aus Shanghai. Das war super absurd.

kreuzer: Nehmen Sie eine Exotisierung von vietnamesischstämmigen Menschen wahr, die oft als besonders fleißig, integriert und so weiter beschrieben werden?

LE: Dieser positive Rassismus gerade gegenüber Vietnamesen ist sehr präsent. Thilo Sarrazin hat sie damals ja als einzige gute Ausländergruppe bezeichnet.

kreuzer: Wie fühlen Sie sich da?

LE: Damit wird man auch konfrontiert, aber im Alltag findet neben positivem Rassismus oder abwertendem Andersgemachtwerden eher auch eine Sexualisierung statt. Wenn ich das sage, fühlen sich immer richtig viele Männer angegriffen. Man liest ja auch, dass viele Männer einen Asiafetisch haben. Was die projizieren, bedient auch bestimmte rassistische Stereotype: die billige, unterwürfige, sexhungrige Asiatin. Damit werde ich oft konfrontiert.

kreuzer: Sie haben auch öffentlich erzählt, wie es ist, von wildfremden Männern mit irgendwelchen Sex-Wünschen angeschrieben zu werden.

LE: Genau. Zum Thema Sexualisierung von südostasiatischen Frauen habe ich bei Amnesty International geschrieben. Die Reaktionen waren schlimm. Ich habe jede Woche eine bekloppte Mail bekommen von irgendwelchen Typen, die sich richtig krass darüber aufgeregt haben. Kein anderes Thema hat jemals so viele verletzte Dudes in mein Postfach gespült. Also einerseits, dass Vorlieben doch nicht schlimm seien, man habe halt Lieblingsländer in Asien. Die andere Schiene waren krasse Beleidigungen, Hatespeech. Eine Person folgt mir seit über einem Jahr auf allen möglichen Plattformen und schreibt immer wieder: »Nhi Le bringt alle Begriffe durcheinander.« Der schreibt immer Kommentare oder E-Mails, ob ich meinen Angriff auf Männer, die halt auf Asiatinnen stehen, nicht überdenken will.

kreuzer: Wie gehen Sie damit um?

LE: Hatespeech ist einer meiner Arbeitsschwerpunkte aus der Betroffenen- und der kommunikationswissenschaftlichen Perspektive heraus. Es bringt mich schon zum Nachdenken, wenn Leute sich die Mühe machen, 30-minütige Videos über mich zu erstellen. Aber ich weiß, dass das manchmal dazugehört, wenn man sich zu Themen wie Rassismus äußert. Gerade wenn man eine junge Frau ist. Aber ich weiß auch, dass das nicht rein internetgemacht ist.

kreuzer: Aber wie kommen Sie persönlich damit klar? Gibts Wege, das auszublenden?

LE: Es gibt Strategien, mit Hatespeech umzugehen. Das ist ja anders als Trolling oder Cybermobbing wirklich arg diskriminierend auf eine ekelhafte Art. Wenn es auf meinen Plattformen ist, lösch ich das, weil das keine Meinungsäußerungen mehr sind, sondern oft schon im strafrechtlichen Raum. Ich muss mich immer erinnern – das ist eine dieser Gegenstrategien –, dass ich nur ein Trigger bin für diese Leute. Ich stehe dafür, was die alles hassen: Ich bin eine Frau, bin nicht weiß. Da kommen Diskriminierungsebenen zusammen. Das ist wie eine Mausefalle, in die sie hineintappen. Darum schießen sie sich auf mich ein. Es hilft nicht, mit denen diskutieren zu wollen, denn sie suchen keine konstruktive Diskussion, sondern wollen nur verletzen. Deswegen lösche ich das, denn Vergewaltigungsdrohungen und so müssen nicht irgendwo stehen.

kreuzer: Sie haben auch eine Zeit lang gemodelt, wie kam es dazu?

LE: Was ich so als Model gemacht habe, hat nichts mit Laufstegen zu tun. Ich hatte einfach Bock, mich außer in Texten auch in Sachen Fotos auszudrücken. Da habe ich mir manchmal Konzepte ausgedacht, in welchem Setting und in welcher Stimmung ich das so machen möchte. Oder der Fotograf hatte Ideen, die wir zusammen umsetzten. Das hat viel Spaß gemacht, aber ich hab aufgehört, als es mir inhaltlich nicht mehr viel gegeben hat. Und gerade bei der freien Fotoshooting-Szene gehts oft auch nur um Selbstdarstellung.

kreuzer: Wird in dem Bereich nicht auch mit Exotisierung gearbeitet?

LE: Bei den Leuten, mit denen ich gearbeitet habe, zum Glück nicht. Aber es kamen natürlich über diese Fotosache getarnt Leute, die irgendwie an ihre Wünsche wollten: »Du bist voll süß, ich mag Asiatinnen, vielleicht können wir ja mal zusammen mit der Kamera unterwegs sein?«

kreuzer: Sie haben ein viel geklicktes Video gemacht, in dem Sie die Flirttipps der Bravo für Mädchen auseinandernehmen. Da hat sich offenbar in den letzten zwanzig Jahren nicht so viel geändert.

LE: Genau, geändert hat sich nicht viel, was die Einstellung zu Männern betrifft. Die Hauptmaxime lautet: Aufmerksamkeit ist alles. Selbstwert wird generiert über die Aufmerksamkeit und die Interaktion mit Jungs. Ein super rückständiges Frauenbild! Da geht es nicht um die Gefühle der Mädchen, sondern nur um die Außenwirkung. Da sollen Unsicherheiten kompensiert werden mit Produkten, Mode, Schminke, irgendwas. Da hängt eine ganze Industrie dran.

kreuzer: Auch mit Ihrem Podcast bei Straßengezwitscher machen Sie Jugendbildung. Woher kommt diese Fixierung auf Angebote für junge Leute?

LE: Ich hab mir gedacht, dass man bei Jugendlichen was machen kann, weil da Bestärkung und Orientierungsfaktor eine Rolle spielen. Daher ist es wichtig, da früh anzusetzen. Gerade bei Unsicherheiten, was Sexismus und Rassismus angeht, hat es mir als Jugendliche ja auch geholfen, bestärkende Inhalte zu finden, die fernab von dem waren, was man im Alltag vermittelt bekommen hat. Und das möchte ich auch einfach gerne machen.

kreuzer: Sie setzen sich ständig mit Politik auseinander, wird es dann nicht irgendwann zu viel Politik für einen selbst?

LE: Mir gehts manchmal so, dass ich mich gerne davon entfernen möchte. Aber ich habe noch so viel Wut in mir, dass ich unbedingt weiterarbeiten möchte. Es gibt Leute, die sagen, dass man mit dem Alter Rassismus und Sexismus gelassener angeht. In fünf Jahren werde ich aber auch noch wütend sein.


Biografie: Nhi Le kommt aus Thüringen und lebt seit fünf Jahren in Leipzig, zieht aber bald für ein halbes Jahr in die USA, um dort ihr Studium »Global Mass Communication« voranzubringen. Hierzulande ist sie unterwegs als »Slam Poetin, Bloggerin, Speakerin und Moderatorin«, wie sie sich selbst auf ihrem Blog beschreibt. Ansonsten schreibt sie dort über die Themen Antirassismus, Feminismus und vegane Ernährung. Zudem steht sie für die Funk-Reihe »Jäger & Sammler« oder ihren Videopodcast »verrückt« vor der Kamera.

Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 06/2018. Um ein kreuzer-Abo abzuschließen, klicken Sie bitte hier: https://kreuzer-leipzig.de/abo

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