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Gerüst, Dachplane und Zimmerräumung

Wie eine Hausgemeinschaft unter den Maßnahmen ihres Vermieters leidet

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Die Bewohner der Thierbacher Straße 6 in Connewitz stehen in einem nervenzerreißenden Streit mit ihrem Vermieter: Der in Baden-Württenberg beheimate Eigentümer des Hauses lässt derzeit, ohne die Mieter hinreichend zu informieren, das Haus vom Grundstein bis zum Schornstein modernisieren. Die Baumaßnahmen wurden nur sporadisch angekündigt und »schon gar nicht in diesem Umfang« , beteuert eine Mieterin des Hauses.

Trotz langjähriger, ebenso juristischer Forderungen der Mieter nach Instandsetzungsmaßnahmen, passierte lange Zeit nichts. Nun aber hat sich der Vermieter anscheinand dazu entscheiden, das Haus komplett zu modernisieren, statt die notwendigen Reparaturmaßnahmen durchzuführen. Die Kosten dafür sollen auf die Mietparteien umgelagert werden, was nach Vollendung der Modernisierung pauschal 530 Euro mehr pro Mieteinheit bedeuten würde.

Zimmer räumen für Handwerker

Seit etwa einem Monat steht ein Baugerüst am Haus, um die Fassade, das Dach und die Schornsteine zu erneuern. Die Hausgemeinschaft ging davon aus, die Schornsteine würde zeitnah wieder aufgebaut werden, doch bis jetzt ist dahingehend nichts passiert. In einem Schreiben vom 1. August fordert der Vermieter dagegen die Mietparteien der Dachgeschoßwohnung dazu auf , bis zum 17. August »einige Bereiche für die Handwerker zugänglich zu machen« und diese »komplett zu beräumen«. Im Klartext umfassen diese »Bereiche« ein Wohnzimmer, Küche und das Badezimmer einer 4-Raum Wohnung, in der zwei Mütter mit ihren zwei Kindern leben. Dies sei nötig, um das Vordach, den sogenannten Gaupen, zu sanieren. Erst dann könne man nach Angaben des Bauleiters gegenüber der Hausgemeinschaft, das zuvor abgetragene und provisorisch mit Planen bedeckte »Dach« neu decken.

Schornsteine wurden abgetragen

Die Folgen dieses Vorhabens sind bereits im ganzen Haus spürbar. Abgesehen von Feuchtigkeit an der Decke infolge des Reinregnens, ist es durch die Abtragung der Schornsteine nicht mehr möglich, warmes Wasser aufzubereiten, und auch das Heizen ist praktisch nicht mehr möglich. Durch die derzeitige Lebenssituation sei die Belastung der etwa 30 Bewohner, vor allem der mit kleinen Kindern, enorm. Im vergangenen Jahr gewannen sie zwar einige Prozesse »auf Beseitigung baulicher Mängel« doch mit so einer »Kernsanierung« hat hier niemand gerechnet. Die alten, maroden Fenster sollten erneuert werden, doch nun wurde plötzlich damit begonnen, neue Fensterprofile in das Mauerwerk zu meißeln, so dass Schutt und sogar Teile der Inneneinrichtung von der Wand fielen. Das stellt einen massivem Eingriff in die Bausubstanz dar – erneut ohne Ankündigung. Gegen die vor Gericht erwirkte einstweilige Verfügung der Mieter, die Fenster nicht zu »versetzen«, hat der Eigentümer nun Widerspruch eingelegt und verschafft sich somit wieder mehr Zeit. Die Mühlen der deutschen Justiz mahlen langsam, zum Nachteil der hier wohnenden Menschen. Viele der Bewohner haben den Eindruck, als sei es die Absicht des Eigentümers, durch sukkzessive Erschwerung der Lebensumstände infolge der Baumaßnahmen, sie zum »freiwilligen« Auszug zu bewegen um dieses Haus zukünftig weitaus gewinnbringender zu vermieten. Auf Nachfrage des kreuzers war dieser jedoch bisher nicht bereit sich zu den Vorwürfen zu äußern.

Solidarität der Nachbarschaft

Auch die Kommunikation zwischen den Mietern und dem Eigentümer seir praktisch nicht vorhanden, sagen die Bewohner. Dem Hasuprojekt sei daher umso wichtiger, auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Sie wollen auf den Mißstand ihrer aktuellen Wohnsituation hinweisen, um noch mehr Menschen für das Thema Entmietung zu sensibilisieren. »Der Zuspruch und die Solidarität der Nachbarschaft und vieler Bürger Leipzigs sind vielfältig und sehr motivierend«, erklärt ein Bewohner. Derzeit liegen alle Hoffnungen der Hausgemeinschaft bei den laufenden Gerichtsverfahren. Sie hoffen auf Zuspruch der Rechtssprechung. Wie bei den meisten anderen geführten Prozessen, werden wohl die finanziellen Mittel und der längere Atem über den Ausgang der Wohnsituation in der Thierbacher Straße 6 entscheiden.

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Ein Kommentar

  1. Einer | 1. September 2018 | um 21:39 Uhr

    Ich verstehe die Aufregung nicht so komplett.
    Erst beschweren sie sich, dass nicht genug instandgehalten würde. Dann wird etwas getan und es ist auch nicht in Ordnung.
    Es ist doch klar, dass, wenn so ein Haus so sanierungsbedürftig, wie hier beschrieben, ist, diese Sanierung nun mal tiefe Eingriffe in die Bausbstanz verlangt. Dass der Eigentümer bei dieser Gelegenheit gleich Nägel mit Köpfen macht, wer kann es ihm verdenken.
    Das macht das Wohnen während der Arbeiten natürlich nicht leicht. Aber das wäre beim Sanieren eines Eigenheims auch nicht anders.
    Das Einzige, was man da machen kann, ist, für die Bauzeit etwas Mietminderung geltend zu machen. Naja, oder man zieht halt aus, wenn man das als unzumutbar empfindet.
    Wie sich die 530 Eur MEHR erklären, würde mich allerdings schon mal interessieren. Das müssen ja dann ziemlich große Wohnungen sein. Für völlig abwegig halte ich das aber auch nicht (je nachdem, wieviele Quadratmeter es sind und wie hoch die Miete vorher war bzw. dann insgesamt ist).