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Kultur

Grünau gestern, heute, morgen

In Grünau herrscht anlässlich des Jubiläums Feierlaune – überschattet von einer Personaldiskussion

  Grünau gestern, heute, morgen | In Grünau herrscht anlässlich des Jubiläums Feierlaune – überschattet von einer Personaldiskussion  Foto: Grünau heute/Britt Schlehahn


Die Feier

Die Sonne scheint, der Brunnen plätschert, um das Brunnenbecken herum finden sich neue Holzkonstruktionen mit Pflanzflächen, die das Stadtplanungsamt gemeinsam mit der Leipziger Modellschule und anwohnenden Menschen anfertigten, die LWB verteilt Luftballons in Unternehmensfarben, das Maskottchen vom Handballbundesligaabsteiger SC DHfK verteilt Autogrammkarten. Das Stadtgeschichtliche Museum zeigt Aufnahmen aus den ersten Jahrzehnten von Harald Kirschner (hier im Interview). Neben dem Spielplatz – genaugenommen eine Sandgrube mit Edelmetallkonstruktion, an der sich Flatterbänder der Regionalligisten Lok Leipzig und Hallescher FC schlängeln – können Kinder an Tischen basteln.

Die Feier anlässlich der Grundsteinlegung für Grünau am 1. Juni 1976 läuft vergangenen Montag gut an. Junge bis alte Menschen sind gekommen ebenso wie Stadträtinnen und Stadträte, Landtagsabgeordnete, der Baubürgermeister und die Kulturbürgermeisterin, die Musikalische Komödie sorgt für musikalische Untermalung während der Redebeiträge auf der kleinen Bühne. Ursprünglich sollte an dem Tag der namenlose Platz, der hinter dem PEP Center (Abkürzung und kein Scherz von »Pfiffige Einkaufs-Passage«) gen Allee Center liegt, in Horst-Siegel-Platz umbenannt werden – so zumindest der Wunsch und Antrag des SPD-Ortsverbandes Leipzig-West. Horst Siegel (1934–2020) kam 1967 aus Halle nach Leipzig und leitete bis 1985 das Büro des Chefarchitekten in Leipzig. So war er für Grünau verantwortlich wie auch für andere Leipziger Neubaugebiete, die vor 1989 entstanden sind. 1985 ging er nach Weimar und arbeitete als Professor für Industriebau an der Hochschule für Architektur und Bauwesen, nach 1991 als freier Architekt.


Der Fall

Allerdings wurde die Umbenennung schon vor einigen Wochen gestoppt, da Die Welt am Sonntag Ende April auf den zwei Jahre alten Aufsatz des US-amerikanischen Historikers Andrew Demshuk verwies, der wiederum Siegels Tätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit beschrieb. Heute finden sich die Verweise selbst im Wikipedia-Artikel von Horst Siegel.

Anselm Hartinger, der Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums, erklärte bei der Jubiläumsfeier im öffentlichen Gespräch mit dem Baubürgermeister, dass nach dem Bekanntwerden der Forschungsergebnisse die Stadtverwaltung die Umbenennung ruhen lasse und nun angedacht wird, den Platz nach einem Menschen aus dem Kollektiv der Begründerinnen und Begründer von Grünau zu benennen. Er verwies dabei auf die Menschen aus der sogenannten zweiten Reihe, die damit auch einen gebührenden Platz erhalten würden Siegel verstarb 2020 und im Stadtarchiv Leipzig finden sich Teile seines Nachlasses.

Das Stadtarchiv, das seit dem 1. Juni auf Facebook das Grünauer Jubiläum mit historischen Fotografien und Geschichten begleitet, veröffentlichte am 9. Juni wiederum einen Beitrag zu Siegel. Was sich in dem Text nicht findet, ist seine Tätigkeit für die Stasi, obwohl dieser Zusammenhang da bereits seit über einem Monat bekannt war. Dies verwundert umso mehr, weil ein Archiv an sich als Gedächtnis gilt und der objektive Umgang mit historischen Zeugnissen dazugehören sollte.


Fotografien von damals

Auf den Fotografien, die das Stadtarchiv am 1. Juni veröffentlichte, ist der damalige Oberbürgermeister Karl-Heinz Müller bei der Grundsteinlegung zu sehen. Der Ort – Gärtnerstraße 179 – befindet sich nahe der Brünner Straße, an der S-Bahnstrecke kurz vor der Station Grünauer Allee. An den Beginn des Neubauplattengebietes – heute wird der Begriff Großsiedlung in der Administration sehr gern benutzt – erinnert seit 1986 eine Edelsteinplastik mit in sich verschlungenen Rechtecken von Gerd Nawroth. Allein sie könnte wohl einige Geschichten über die letzten Jahrzehnte in Grünau erzählen. Vor 40 Jahren stand sie in unmittelbarer Nähe zu einem Gebäudekomplex. Dann mit dem sogenannten Stadtumbau (dem staatlich subventionierten Abrriss zu Beginn des 21. Jahrhunderts) leerte sich ihr unmittelbares Umfeld. Wer zum 40. Geburtstag von Grünau ein Foto von ihr machte, bildete sie einsam auf einer grünen Wiese ab. Das führte den Anspruch der Grundsteinleger mit Grünau die neue Heimat von 100.000 Menschen zu schaffen ins Absurde. In den letzten zehn Jahren wird in Grünau wieder gebaut und die Einwohnerzahl steigt, so dass heute die Skulptur nicht mehr allein auf einer Wiese, sondern an den Zaun einer neu errichteten Kindereinrichtung grenzt.


Vom Osten in den Westen

So wie sich das Umfeld der Plastik in den letzten Jahren grundlegend veränderte, ging es auch anderen Gebieten in Grünau. Fast ganz an den Anfang gehen die Fotografien von Harald Kirschner in der Ausstellung »50 Jahre Grünau – als Grünau noch Schlammhausen«, die bis Mitte September im Komm-Haus zu sehen ist. Zudem eröffnete in der vergangenen Woche im Stadtteilladen Grünau in der Stuttgarter Allee die Ausstellung »Aus der Kuchengartenstraße nach Grünau« von Karla Voigt.

Fotografie von Karla Voigt

Die Ausstellung war 2019 bereits im Stadtgeschichtlichen Museum zu sehen, in dessen Bestand sich die Serie auch befindet, und das hier mit dem Stadtteilladen kooperiert.

Voigt, die an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Fotografie studierte, begleitete für ihre Diplomarbeit von 1979-81 den Umzug von Menschen einer Hausgemeinschaft aus der Kuchengartenstraße 8 in Reudnitz nach Grünau. Zu sehen sind die Alltagsrealitäten in einem heruntergekommenen Gründerzeitviertel,wie sich die Menschen und vor allem die Kinder darin eingerichtet hatten und wie sie Grünau zwischen Pfützen und Betonplatten für sich eroberten.

Am 30. Juni lädt das Stadtgeschichtliche Museum und das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig um 18 Uhr in den Stadtteilladen zur Veranstaltung »100 Jahre Grünau. Von der Siedlung zum Stadtviertel«. Dabei geht es neben der Siedlung Grünau, die am 30. Juli 1926 als Verein im Vereinsregister des Amtsgerichts Leipzig eingetragen wurde auch um die Versuchsstation der Firma Rudolf Sack, die Bodenbearbeitungsgeräte herstellte und den heutigen Robert-Koch-Park begründete. Die Kaserne in Schönau, die 1935/36 die Wehrmacht errichtete und später von der Sowjetarmee genutzt wurde, bevor sich nach 1990 hier Eigenheime ansiedelten wird beleuchtet. Und natürlich der Kulkwitzer See, sowie der Aufbau und der Abrissen im Zuge des sogenannten Stadtumbaus. Darüber sprechen Evelin Müller (Grünauer Geografin und Stadtteilführerin), Christoph Kaufmann (ehemaliger Leiter der Fotothek des Stadtgeschichtlichen Museums) und Klaus Ober (Mitverantwortlicher für den Bau der Großwohnsiedlung Grünau in verschiedenen Positionen).

Und schon einmal für den Kalender erwähnt sei: Am 6. August beginnt im Komm-Haus um 17 Uhr ein Spaziergang zum Thema »Baseballschlägerjahre in Grünau«, dem sich um 18.30 Uhr ein Podiumsgespräch anschließt.

Bis dahin finden eine Reihe von Veranstaltungen im Rahmen des Grünauer Kultursommers statt. So etwa am kommenden Samstag zur großen Geburtstagsfeier von Grünau in der Stuttgarter Allee von 14 bis 22 Uhr. Von 14 bis 18 Uhr können in der Völkerfreundschaft im Rahmen des Projektes der Stadtkuratorin Geschichten zur verlorenen Kunst im öffentlichen Raum erzählt werden. Am darauffolgenden Samstaglädt das Projekt mit dem Titel »Happy Birthday Grünau. Wir suchen deine verlorenen Schätze« außerdem von 14 bis 18 Uhr zum Erzählcafé ins Komm-Haus ein. Auch das neue Heft der »Geschichten aus Grünau«, das in dieser Woche erschien, widmet sich dem Thema.


Grünau heute

Oberbürgermeister Burkhard Jung schaffte es am 1. Juni nicht zur Feier. Er war in Berlin, wo die Stadt ihre Olympiabewerbung für die Spiele 2036, 2040 und 2044 wieder einmal propagierte, bei denen Leipzig assistiert. Allerdings las der Baubürgermeister Thomas Dienberg in Grünau eine Botschaft von Burkhard Jung vom Handy ab: »Welche Chancen und Herausforderungen auf lange Sicht in einer Großwohnsiedlung liegen, das zeigt Grünau wie unter einem Brennglas: Die Menschen im Stadtteil haben vom rasanten Wachstum über die Schrumpfung bis hin zur Neugestaltung alles erlebt und gemeistert. Sie sind zu Recht stolz auf ihr Quartier und fühlen sich eng mit ihm verbunden. Für uns als Verwaltung liegt darin eine besondere Verantwortung, der wir uns weiterhin mit Elan stellen werden.« 


> »50 Jahre Grünau – als Grünau noch Schlammhausen« Fotografien von Harald Kirschner, KOMM-Haus, Selliner Str. 17, bis 18.9., dienstags 10-13.30 Uhr, donnerstags 15-19 Uhr sowie am 13. Juni und 20. Juni von 14-18 Uhr sowie am 12. und 26. Juli von 14 bis 18 Uhr.

> »Aus der Kuchengartenstraße nach Grünau« Fotografien von Karla Voigt, Stadtteilladen Grünau, Stuttgarter Allee 19, bis 22.9., dienstags von 13-18 Uhr, donnerstags von 10-15 Uhr

> Das gesamte Programm zum Jubiläum findet sich unter www.leipzig.de/50-jahre-grünau und zum hier zum Grünauer Kultursommer.


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