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»Nicht vor jeden Karren«

Ein Kommentar zu Politik im Stadion

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Wie politisch ist der Wunsch nach dem Unpolitischsein? Eine Spendenaktion, eine Pressekonferenz und eine Podiumsdiskussion zeigen die Unmöglichkeit, keine Haltung einnehmen zu wollen.

Als die RB-Fangruppe Rasenballisten ihre Aktion »Aufstehen gegen Rechts« am 9. September auf ihrer Facebookseite ankündigte, hagelte es bereits nach wenigen Augenblicken vernichtende Urteile von anderen RB-Fans. Letztere wollen partout keine Politik im Stadion – sie bestehen vielmehr darauf, dass Politik aus dem Stadion rausfliegen sollte. Was erzürnte die so vermeintlich unpolitischen Fans?
Die Erträge der von den Rasenballisten organisierten Spendenaktion zum morgigen Heimspiel gegen Hannover 96 sollen die Arbeit des Bündnisses »Chemnitz Nazifrei« unterstützen. Am Fanstand nahe des Glockenturms können zudem Solishirts mit der Botschaft »Love Rasenball – Hate Racism« ersteigert werden.

Was ist so schlimm daran? Die Gegner wünschen sich »mehr Neutralität«. Mehr Neutralität? Im Stadion? Im Verein? Auf dem Platz? Mehr möchtegern-apolitisch sein als der Verein RB ist doch kaum mehr möglich. Es gab im heimischen Fanblock nicht eine politische Losung bei den bisherigen Heimspielen in der noch jungen Saison zu sehen. Bereits in der letzten Spielzeit wurden Tapeten seitens der Vereinskontrollkommission verboten. Darauf fanden sich keine extremistischen Parolen, sondern allgemeine Grundwerte – wie sie auch der DFB vertritt. Allein das schien offensichtlich schon als Gefahr.

Schaut man sich auf dem Spielfeld um, so änderte sich zumindest im Dezember letzten Jahres die Farbe der Kapitänsbinde. Denn als Torhüter Péter Gulácsi zum Kapitän im Auswärtsspiel gegen den VfL Wolfsburg antrat, trug er nicht – wie die Kapitäne vor ihm – die deutschen Nationalfarben am Arm, sondern eine leuchtend orange Binde. Das änderte sich seitdem auch nicht.
Die Regenbogenfarben, wie sie der Wolfsburger Kapitän seit dieser Spielzeit trägt, wird es wohl so schnell nicht geben. Findet RB-Kapitän Willy Orban auf kreuzer-Anfrage einen Farbwechsel recht interessant, so betonte der Chef der Kommunikationsabteilung, dass sich der Verein nicht in Angelegenheiten der Mannschaft hängt.

»Wir lassen uns nicht vor jeden Karren spannen«, so lautet die Antwort vom Sportdirektor und Cheftrainer Ralf Rangnick bei der gestrigen Pressekonferenz auf die kreuzer-Frage, ob er sich eine Kapitänsbinde mit Regenbogenfarben vorstellen könnte, um ein Zeichen für Toleranz und Vielfalt zu setzen. Wenn die DFL oder der DFB aber ein Lippenbekenntnis verlangen, weil ein spezieller Spieltag ausgerufen wird, dann würde man schon mitmachen, sagte Rangnick weiter.

Auf die Frage, ob Politik ins Stadion gehöre oder nicht, setzte der RB-Trainer noch einen drauf und wiederholte den seiner Meinung nach unpolitischen Anspruch des Fußballs. Dass er damit der aktiven Fanszene seines Vereins einen Bärendienst erwies und all denjenigen den Steigbügel hielt, die ihre politische Haltung gern mit neutral umschreiben, dürfte ihm bewusst gewesen sein.

Bereits vorher lehnte der Verein eine mehrfach ausgesprochene Einladung zur Podiumsdiskussion »Politik hat im Stadion nichts zu suchen?« am Donnerstag im Theater der Jungen Welt ab. Auf Initiative der Rasenballisten diskutierten der erste Vizepräsent des Sächsischen Fußball-Verbandes (SFV) Jörg Gernhardt, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende vom SV Babelsberg 03 Christian Lippold sowie Andreas Siegert vom Zentrum für Sozialforschung Halle. Während der SFV-Vertreter betonte, dass Vereine und Verbände keine Reparaturbetriebe der Gesellschaft darstellen, erklärte Lippold, dass Vereine sehr wohl durch die permanent vorgelebten Werte in einer gesellschaftlichen Verantwortung stehen. Und er betonte auch, dass die Position »Politik raus aus dem Stadion« politisch sei.

Als Rangnick Anfang März die sächsische CDU um den damals noch neuen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer bei der »Denkfabrik Sachsen« coachte, gab er die Linie vor: »Bei Gegenwind den Kurs halten.« Ob das für Parteien und/oder Vereine wirklich eine zeitgenössische Handlungsweise darstellt, darf bezweifelt werden.

Bloß nicht Stellung beziehen, unpolitisch sein wollen. Das sind alles Worthülsen, die in einer Stadtgesellschaft wie in Leipzig und im 21. Jahrhundert völlig fehl am Platz sind.
Hier muss endlich ein grundlegendes Umdenken bei RB einsetzen. Weg vom Ufo-Image am Cottaweg und dem strahlenden Lächeln bei irgendwelchen x-beliebigen Events, hin zur Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft, die angenommen werden muss. Es reicht nicht, die Zuschauer als Konsumenten für sich und die Werbepartner warm zu halten. Es reicht auch nicht, aus offensichtlicher Angst alles klein zu halten. Es reicht auch nicht bei Anfragen zu Podiumsdiskussionen »Nein« zu sagen, weil man sich nicht politisch verhalten möchte. Manchmal reicht es schon aus, dass man Teil einer Gesellschaft ist und nicht in einer Blase lebt.

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Ein Kommentar

  1. ReVolte | 15. September 2018 | um 12:39 Uhr

    Gerade mal 30 Jahre nach Untergang der totalitären DDR, fordern die Neo-Marxisten schon wieder in sattsam bekannter Penetranz und Impertinenz die Einnahme des richtigen Klassenstandpunktes. Aber so ist das, wenn 68er die politische ‚Bildung‘ verantworten. Am Ende überwachen wieder die Kahanes das Leben der Anderen.