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Geschichte ist kein Marketing-Gag

... Demokratie auch nicht. Darum muss dem Stadtmarketing die Kontrolle über das Lichtfest genommen werden

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In dieser Woche wird im Stadtrat über die Zukunft des Lichtfestes beraten – der zentralen Gedenkveranstaltung zum Leipziger Herbst 89. Es bietet sich die Chance, endlich reinen Tisch zu machen und den Revolutionskitsch des Stadtmarketings zu beenden.
(UPDATE: Der Stadtrat hat ein Kuratorium berufen. Mehr dazu unter diesem Text)

Geschichte ist dazu da, dass man aus ihr lernt. Meist klappt das aber nicht, vor allem dann, wenn sie für Propaganda missbraucht wird.

Beim Leipziger Lichtfest geht es um die Erinnerung an den denkwürdigen Abend des 9. Oktober 1989, als die Menschen auf Leipzigs Straßen den Widerstand des DDR-Regimes brachen. Ihnen war öffentlich ein Einsatz »mit der Waffe in der Hand« angedroht worden, die Krankenhäuser hatten Leichensäcke und Blutkonserven geordert, Funktionäre äußerten Verständnis für die Lösung in China nur vier Monate zuvor. Siebzigtausend Menschen gingen auf die Straße, es blieb friedlich. Nach diesem Abend wurde alles anders, denn nun war zum ersten Mal klar, dass der Aufstand nicht mehr mit Gewalt niedergeschlagen werden konnte. Danach änderten sich auch die Montagsdemos, aus »Wir sind das Volk« wurde »Wir sind ein Volk«. Wenig später fiel die Mauer. Der 9. Oktober ist der Höhepunkt der Geschehnisse im Herbst 89, die Auswirkungen auf unser aller Leben hatten und haben. Das ist, kurz gesagt, seine Bedeutung. Das Lichtfest soll daran erinnern, es ist die wichtigste Gedenkveranstaltung der Stadt Leipzig – und steht wegen seines Eventcharakters, man könnte auch sagen: seiner Albernheit, seit Jahren in der Kritik.

Ein Bohei

Ende August gab es eine Pressekonferenz der Stadt zusammen mit den Organisatoren des Lichtfestes: Der Leipzig Tourismus und Marketing GmbH (LTM) und der Initiative 89, einem Zusammenschluss von ehemaligen Bürgerrechtlern sowie Vereinen und Museen, die sich mit dem Thema 89 beschäftigen. In dieser Konstellation hatte das LTM von Anfang an das Sagen, während die Initiative als zivilgesellschaftliche Organisation eher beratende Funktion haben sollte.

Man hatte sich als Ort für die Pressekonferenz ausgerechnet die Oper ausgesucht, in der vor acht Jahren die öffentliche Kritik am Lichtfest so richtig Fahrt aufnahm. Die damalige Oper-Pressesprecherin Christine Villinger hatte das Lichtfest als ein »Bohei« bezeichnet und musste daraufhin ihren Hut nehmen.

Die Kritik an der Veranstaltung setzte sich allerdings fest in der Stadt. Ganz einfach, weil sie berechtigt war. Geschichte wurde zu einem Eventmatsch mit Artistik vermanscht – alles um die Marke Leipzig zu promoten. In Leipzig wurde alljährlich ein »Wendewonderland« aufgefahren, ein »kitschiges Revolutions-Disneyland, das konstruktives Erinnern verhindert« (kreuzer 10/2014). Viele, die 1989 dabei waren, hatten nur noch Kopfschütteln übrig für das servierte Revolutionsgulasch. Und doch blieb es jahrelang erstaunlich ruhig. Anfang 2018 implodierte dann die Initiative 89. Denn inzwischen hatten selbst die angepasstesten Veteranen der Wende die Nase voll. Uwe Schwabe zum Beispiel – er kündigte in einem Eklat zu Beginn des Jahres 2018 seine Mitarbeit in der Initiative 89 auf. Das Lichtfest sei immer belangloser und dem Stadtmarketing geopfert worden, sagte er. Seitdem lassen sich die Probleme nicht mehr unter den Tisch kehren – und es geht schlimmer drunter und drüber als je zuvor.

Abgewirtschaftet

Jetzt, an diesem Tag Ende August sollte etwas Ruhe in die Sache gebracht und das Programm des diesjährigen Lichtfestes am 9. Oktober vorgestellt werden. Auf dem Podium saßen Marit Schulz, die Vertreterin des LTM, Oberbürgermeister Burkhard Jung, die Zeitzeugin Gesine Oltmanns (die später noch eine entscheidende Rolle spielen sollte), zwei Kunstschaffende und mit Michael Kölsch der Vertreter der Initiative 89.

Das Lichtfest sei »kein Bratwurstfest«, sagte Oberbürgermeister Jung zur Einstimmung, es würde »nicht um ein billiges Event« gehen. Aber er gab zu, dass selbst er in der Vergangenheit »nicht von jedem Lichtfest begeistert war«. Dass es hinter den Kulissen brodelte war deutlich zu spüren.

Ganz langsam und auch erst auf Nachfrage kam heraus, was eigentlich im Busche ist: Die Initiative 89, die sich sonst immer gegen Einflussnahme der Politik gewehrt hatte, wollte sich den Stadtratsfraktionen plötzlich öffnen. Der Grund: Würde sie sich nicht kontrollieren lassen, wäre das ihr Ende gewesen. Burkhard Jung benutzte lieber den Begriff vom »Miteinander« zwischen Stadtrat und Initiative: »Es ist ein Miteinander, so soll es verstanden werden«, sagte er.

Die Initiative 89 hat abgewirtschaftet, das ist klar. Schon lange konnte sie sich nicht mehr durchsetzen gegen die forschen Pläne und die Tatkraft des Stadtmarketings. Die Gründe dafür sind so vielfältig, wie die Initiative Mitglieder hat. Einige ihrer Protagonisten driften inzwischen deutlich in Richtung AfD, andere klammern sich an ihre Posten und Etats, einige machen sogar beides. Das LTM wiederum wusste das Vakuum zu nutzen. Und es hat wenigstens seinen Job gemacht – etwas zu effektiv für die Materie, aber immerhin. Von der Initiative kann man das nicht behaupten. Ihr Handeln ist eine klare Niederlage der Zivilgesellschaft, die es in diesem 89er-Zusammenhang nicht mehr zu geben scheint. Das ist wohl die erschreckendste Erkenntnis der Krise rund ums Lichtfest: Es gibt derzeit keine ernstzunehmende Kraft in der »Heldenstadt« Leipzig, die sich um das Erbe von 89 kümmert.

Jedenfalls, so war man sich auf dem Podium einig, soll jetzt alles besser werden, das Lichtfest endlich relevant, »ernsthaft und feierlich« (Jung). Also kein Revolutionsstadl mehr. Das ist gut so. Nicht so gut ist, dass die Verantwortliche für all diesen Wohlfühlkitsch weiter fest im Sattel sitzt: Die Leipziger Tourismus und Marketing GmbH, das Stadtmarketing. Das ist ein Problem.

Denn ein Stadtmarketing macht so ein Lichtfest nicht für die Demokratie oder Zivilgesellschaft, nicht, um an die Ideen der damals Beteiligten zu erinnern: Basisdemokratie, gesellschaftlicher Dialog – ja noch nicht einmal für die Leipziger Bürger. Das Stadtmarketing macht das Lichtfest für die Touristen, für schöne Bilder, die von möglichst vielen Journalisten in die Welt getragen werden sollen. Das wurde zuletzt wieder in der Debatte um die Leipziger Gästetaxe deutlich, wo das LTM hochoffiziell angab, das Lichtfest würde es »ohne touristische Nutzung« gar nicht geben. Unaufrichtigkeit kann man dieser in Besitz der Stadt befindlichen Firma jedenfalls nicht vorwerfen. Schon zum ersten Lichtfest 2009 hieß es vom LTM, dass »der Tag der Friedlichen Revolution zu einer deutlich erkennbaren Botschaft im Rahmen des Stadtmarketings werden« solle. In der Broschüre des LTM zum Jubiläums-Lichtfest 2014 war dann auch kein einziges Foto vom echten 9. Oktober enthalten. Die waren wohl alle zu düster.

Frau Oltmanns

Die Vertreterin des Stadtmarketings jedenfalls, Marit Schulz, ließ sich beim Pressetermin in der Oper von all dem politischen Hintergrundgeblubber wenig beeindrucken und zauberte für das diesjährige Lichtfest ein ganz besonders fortschrittliches Leitthema hervor: Frauen! Ja, um Frauen soll es in diesem Jahr gehen beim Lichtfest. Denn die waren ja auch dabei, damals 1989.

Doch da kam plötzlich Gesine Oltmanns ins Spiel, die schon die ganze Zeit ein bisschen wie verloren da oben auf dem Podium saß zwischen all den Öffentlichkeitsprofis. Oltmanns ist eigentlich eine Legende. Sie ist die junge Frau, die zusammen mit ihrer Freundin Katrin Hattenhauer am 4. September 1989 ein Banner mit dem Spruch »Für ein offenes Land mit freien Menschen« auf dem Nikolaikirchhof in die Luft hielt. Stasileute rissen es den Frauen aus den Händen – doch weil gerade Messe war, war ein ARD-Fernsehteam anwesend und filmte die Szene. Noch am selben Abend ging die Aktion per Tagesschau um die Welt. Es war das erste große Bild der Proteste in der DDR im Lichte der Weltöffentlichkeit.

Oltmanns jedenfalls wird jetzt interviewt von Frau Schulz vom Marketing, die ungefähr doppelt so laut spricht wie sie. Es geht um »die geballte Frauenpower« von 89, ein schönes Thema für Frau Schulz, ein schönes Thema für die Zeitungen. Schulz lächelt Oltmanns verschwörerisch an. Die sagt aber eiskalt: »Nein, ich war damals in keiner feministischen Gruppe.« Dann bricht kurz mal was Echtes in die Runde, etwas Authentisches, in Oltmanns leisen Antworten auf Frau Schulzes laute Fragen. Oltmanns beginnt Sätze mit »Als ich von der Arbeit kam …« und erzählt von Frauen, »die während der Demos ihre Kinder allein zu Hause gelassen haben.«

Anschließend präsentiert Initiativen-Sprecher Kölsch das Motto des diesjährigen Lichtfestes. Etwas rätselhaft: »Ich. Die. Wir.« soll es heißen. Angeblich war es dieses Motto, das zu Jahresbeginn Schwabes Hutschnur platzen ließ. Oltmanns muss grinsen als es verlesen wird. Ratlosigkeit im Raum. Michael Kölsch versucht aufzuklären: »Ja damals wars ja klar. »Ich«, das war der Bürger. »Wir«, das war das Volk, und »Die« das war die Staatsmacht.« Aber was das heute bedeutet, weiß er selbst nicht so genau. Kölsch beginnt zu stocken, Chemnitz ist gerade zwei Tage her. Und in dem Moment scheint ihm klar zu werden, wie verdreht sein Lichtfest in der aktuellen politischen Situation liegt. Ja, wer sind denn »Die« heutzutage? Kölsch murmelt noch was von »Establishment«. Merkel vielleicht? Danke Merkel? Und wer ist das »Wir«? Der Wutmob? »Ja, wer eigentlich?«, fragt Kölsch ratlos in die Runde.

Keine Antwort auf das Heute

Eine Antwort auf die Gegenwart, auf Pegida, AfD und Rechtsbürgertum hat das Lichtfest jedenfalls nicht. Dabei könnte genau das seine Aufgabe sein: Licht zu bringen in das, was damals geschah und was es zu tun hat mit dem, was heute geschieht. Warum gehts beim Lichtfest nicht um Neonazis, besorgte Bürger mit völkischen Einstellungen, die ganz gern mal irgendjemanden aufhängen und keine GEZ-Gebühren zahlen wollen? Bürger, die schon damals mit auf den Straßen waren – und nur kurze Zeit später klatschend daneben standen, als Asylbewerberheime brannten und angegriffen wurden in Rostock und in Hoyerswerda, auch in Leipzig. Bürger, die in diesen Ausfällen das Gefühl haben konnten, nun auch die neue Staatsmacht »gezwungen zu haben vor ihrem rassistisch motivierten Willen zurückzuweichen«, wie der Zeitgeschichtler David Begrich ausführt. Was haben Rostock/Lichtenhagen und Hoyerswerda damals mit Freital und Chemnitz heute zu tun? Viel womöglich.

Statt »Frauen« hätte das dem Osten seit der Wende eigentümliche Neonazitum, das Wutbürgertum, Leitthema des Lichtfestes 2018 sein können. Ist es aber nicht. Denn so etwas würde ein Stadtmarketing eben nie machen. Weils zu schmuddelig ist. Weil man darauf einfach nicht kommt, wenn es einem um die Promotion der Marke Leipzig geht. Das Stadtmarketing jubelt lieber über die internationale Berichterstattung, hunderttausende Kontakte weltweit mit einem Mediawert von mindestens 9 Millionen Euro wie beim Lichtfest 2014. Doch die Geschichte der Bürger Leipzigs im Jahr 1989, die der Wende und Nachwende ist größer als das.

Also, was tun mit dem Lichtfest?

Gebt das Lichtfest Frau Oltmanns, als Intendantin vielleicht. Und Marcel Nowicki, einem der Organisatoren von No Legida. Die eine weiß, was damals los war auf der Straße, der andere weiß, was heute los ist auf der Straße. Beide sind in die Sache eher so reingerutscht, als sie »von der Arbeit gekommen« sind. Sie haben sich nicht aufgedrängt, aber bewiesen, dass sie mit ihrem Engagement tausende Menschen zu etwas Gutem motivieren können. Beide haben am Ende gewonnen, falls man das so nennen kann – die DDR-Diktatur ist gefallen, Legida ist tot. Lasst David Begrich die Rede zur Demokratie halten statt Herta Däubler-Gemlin – Begrich hat uns mehr zu sagen über das Gestern und Heute. Fernerhin: Gebt am 9. Oktober Freibier aus.

Das Leipziger Lichtfest litt von Anfang an unter einem ganz einfachen Geburtsfehler: Seine Entäußerung ans Stadtmarketing. Dieser Fehler muss endlich behoben werden. Die Chance, einen Anfang zu machen, bietet sich schon am Donnerstag in dieser Woche, wenn im Stadtrat über die Zukunft des Lichtfestes beraten wird. Das Stadtmarketing muss seine Arbeit machen – die macht es ja offensichtlich sehr gut. Aber es hat nichts zu suchen in der Herstellung unserer Erinnerungskultur und der Darstellung von Geschichte. Es gibt Dinge, die sind zu wichtig, um sie als Werbemittel zu benutzen. Daran kann es, wenn man es durchdenkt, nichts zu rütteln geben. Das Marketing hat seine Wurzeln ja auch irgendwie in der Propaganda. Vielleicht wird so klarer, was das Problem ist. Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Klingt doof, ist aber so.


UPDATE (9.10.18): Vorschlag zur Güte

Mit dem Revolutionskitsch könnte es nun bald vorbei sein: Der Stadtrat hat ein Kuratorium »Friedliche Revolution 89« berufen, dass dem Gedenken den nötigen Tiefgang einhauchen soll. In der Sitzung am 27. September stimmten CDU, SPD, Grüne und Freibeuter für die Einsetzung. Schon für das große Jubiläumslichtfest 2019 soll das Gremium die Konzeption übernehmen, die LTM nur noch ausführen. Am runden Tisch beraten dann neben dem Oberbürgermeister und den Stadtratsfraktionen auch die Initiative 89 über Thema und Gestaltung des Lichtfestes. Unklar ist noch, wer für die Fraktionen und die Initiative im Kuratorium sitzt und wann zum ersten mal getagt wird. Gesine Mertens, gleichstellungspolitische Sprecherin der Bündnisgrünen im Stadtrat ist dennoch optimistisch:

»Ich denke, dass sich etwas ändern wird. Wir formalisieren mit dem Beirat die Auseinandersetzungen und verbinden die Arbeit der Initiative 89 wieder mit Politik und Zivilgesellschaft.« Gesine Mertens, Bündnis ’90/Die Grünen

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