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Kein Deckweißgebirge

Ein Nachruf auf die langjährige Schriftlehrerin an der HGB Hildegard Korger

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Für Hildegard Korger standen Schrift und Schreiben ihr ganzes Leben im Mittelpunkt. Anfang November ist die Leipziger Meisterkalligraphin im Alter von 83 Jahren gestorben.

Ein Deckweißgebirge entsteht, wenn man Missgeschicke beim Zeichnen von Buchstaben per Deckweiß retuschiert, einige ungelenke Handbewegungen führen zu mehreren Farbschichten. Ein Blick von der Seite auf den Bildträger offenbart die produzierten Erhebungen. Für Hildegard Korger waren das Deckweißgebirge, die es tunlichst zu vermeiden galt.

Ihre ehemaligen Studierenden Katja Schwalenberg, heute künstlerische Mitarbeiterin für Animation und digitale Bildbearbeitung, und Thomas Müller, Professor für Illustration an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB), fallen die Deckweißgebirge unabhängig voneinander sofort ein, wenn es um Hildegard Korger geht.

»Man kommt schwer in die HGB rein und wieder raus«, so lautete ein anderer Satz der Künstlerin. Hier an der Hochschule prägte sie als Schriftlehrerin viele Generationen. Sie, die kleine Frau mit der großen Brille, im blauen Nylonkittel und knarrenden Schuhen, lebte für die Schrift, handwerkliches Können und Formgefühl, lehrte Sehen. Sie war extrem streng, besaß Humor und ein großes Herz – für Müller eine fordernde Lehrerin im besten Sinne.

Geboren 1935 im heutigen Liberec, lernte Korger zuerst bei einer Bank, von 1956 bis 1959 besuchte sie in Heiligendamm die Fachschule für angewandte Kunst. Anschließend studierte sie bis 1963 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Albrecht Kapr. Es folgten Aspirantur, Oberassistenz, der Lehrauftrag und seit 1980 arbeitete sie als Dozentin und von 1992 bis 1999 als Professorin für Schriftgestaltung im Grundstudium.

Vor fast 50 Jahren erschien erstmals ihr Lehrbuch »Schrift und Schreiben. Ein Fachbuch für alle, die mit dem Schreiben und Zeichnen von Schrift und ihrer Anwendung zu tun haben«. Darin ist zu lesen: »Zwischen den Stilformen der Architektur und denen der Schrift bestehen bekanntlich enge Beziehungen. Bis zur Periode des Klassizismus waren die Inschriften in vollendeter stilistischer Harmonie auf den Baukörper abgestimmt. Mit dem Verfall des Stilgefühls im 19. Jahrhundert und dem Aufkommen der Reklame änderte sich dies in zunehmendem Maße. Auch im Straßenbild der Gegenwart findet man nur wenige Beispiele, wo die Schrift schön ist und in richtiger Beziehung zu den architektonischen Gegebenheiten steht. Der vorherrschende technische Schematismus und formale Dilettantismus in der Fassadenbeschriftung beweist, dass weder Architekten noch ausführende Firmen den ästhetischen bzw. gestalterischen Problemen gewachsen sind.« Jahrzehnte später scheint diese Erkenntnis aktueller denn je.

Von 1976 bis 1984 war Hildegard Korger zudem als Beraterin für baugebundene Schriftgestaltung beim Büro des Chefarchitekten der Stadt Leipzig tätig. In ihrem Beitrag zum 9. Seminar der Zentralen Arbeitsgruppe »Architektur und Bildende Kunst« des Verbandes Bildender Künstler der DDR und des Bundes der Architekten der DDR im November 1977 stellte sie die Frage: »Industriebezogene Leuchtwerbeanlagen sollen die wirtschaftliche Stärke der DDR repräsentieren und den Stolz der Werktätigen für Geschaffenes stimulieren helfen. Aber können sie diese Ansprüche wirklich erfüllen?«
Die Wirkung von Leuchtreklame verstand Korger daher über einen beleuchteten Schriftzug oder ein Logo hinausgehend und verglich Schrift mit architekturbezogener Kunst. Es sollte daher bei der Gestaltung und Anbringung ein hohes Maß an Verantwortlichkeit und Kontrolle bezogen auf gestalterische Qualitäten und technische Realisierung regieren und ebenso immer bedacht sein, dass die Formen am Tage ebenfalls eine attraktive Wirkung ausstrahlen.
Ein zeitloser Rat. Vor allem im digitalen Zeitalter halten sich oft Menschen, die halbwegs eine Computermaus in der Hand halten können, für Gestalter. Aber Schriftgestaltung verlangt ein hohes Maß an Sensibilität, eine handwerkliche Schulung, die den Geist anregt und eine Form aus dem Zusammenhang heraus verständlich werden lässt.

Neben dem Schriftunterricht entstanden viele Arbeiten, die heute beispielsweise noch in den Katalogen der Bezirkskunstausstellungen und der DDR-Kunstausstellungen nachzublättern sind. Plakate und kalligrafische Blätter gehören dazu wie auch das 1979 entstandene Logo der Leipziger Albert-Schweitzer-Schule. Noch heute ist es an der Fassade in Marienbrunn zu sehen.

Die Replik der Schrift Kis Antiqua entstand 1983/84 für den VEB Typoart Dresden. Der damalige künstlerische Leiter Albert Kapr gab sie in Auftrag. Mit Stift, Pinsel, Temperafarbe und Karton entstanden die Buchstaben. Für Korger galt, dass die ehemaligen Bleisatzschriften nicht einfach kopiert werden. Ihrer Meinung nach müssen historische Schriften behutsam neu geformt werden.

Hildegard Korger starb am 8. November 2018.

Hildegard Korger, »Schrift und Schreiben im Unterricht: über den Schriftunterricht im Grundstudium des Fachbereichs Buchkunst/ Grafik-Design an der HGB 1972-1997«, Leipzig: Institut für Buchkunst, 1999.

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