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»Awareness ist keine Dienstleistung«

Ein Gespräch mit dem Verein »Initiative Awarness« über die Arbeit in der Clubszene

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Clubs sind Orte, an denen es vermehrt zu sexuellen Übergriffen kommt. Das mjut hat sich dieser Problematik angenommen und eine Awareness-Struktur geschaffen, aus der ein eigenständiger Verein entstanden ist.

kreuzer: Vergangenes Jahr hat sich der Verein »Initiative Awareness« gegründet. Welches Verständnis von Awareness liegt dem zugrunde?

ALEX: Für uns gibt es keine genaue Definition, aber es geht allgemein um Grenzverletzungen und strukturelle Ausschlüsse. Ein ganz großer Teil, das zu bearbeiten, ist Antidiskriminierungs- und im besten Fall Präventionsarbeit.

kreuzer: Es geht also um mehr als sexuelle Übergriffe?

MIRIAM: Auf jeden Fall. Es gibt total viele Ebenen von Ausschluss im Nachtleben, zum Beispiel ältere Menschen, die alleine in den Club kommen und die Securities diese nicht reinlassen. Ganz viel Diskriminierung geschieht da, wo wir sie nicht mitbekommen, nämlich am Einlass. Bist du automatisch ein sich schlecht verhaltender Mann, wenn du nicht die Klamotten der Studierendenszene trägst? Uns geht es darum, nicht nur Sexismus zu betrachten.

kreuzer: Was war die Motivation dahinter, die Arbeit in der Struktur des mjuts zu integrieren?

MIRIAM: Uns ist wichtig, dass die Arbeit nicht auf Einzelpersonen abgeschoben wird. »Awareness machen« ist eine komische Zusammenstellung von Begriffen. Awareness ist eine Haltung. Für mich gehört dazu, dass es Alle mittragen und mitgestalten, also Crew und Gäste verantwortlich sind. Wir finden ganz klar, dass Awareness keine Dienstleistung ist. Es ist sinnvoller, auf allen Ebenen mitzudenken. Was die Person an der Bar macht und sagt, hat genauso viel Einfluss auf die Atmosphäre im Club wie die Gäste.

ALEX: Man muss vor allem Teil eines Prozesses sein und sich mit eigenen Privilegien und diskriminierendem Verhalten auseinander setzen. Das geht nicht innerhalb einer Party, sondern dauert an. Wenn wir rassistische Einlasskontrollen haben, wird ein gebuchtes Awareness-Team da wenig ändern können. Da benötigt man einen längeren Austausch und muss Macht über die internen Strukturen haben. Die externen Teams haben einfach einen sehr starken Gästefokus.

kreuzer: Wie genau sieht die Awareness-Arbeit dann am Abend aus?

MIRIAM: Die Schicht beginnt im Awareness-Raum. Wir haben Zebra-Jacken und Shirts an, vielleicht noch eine Bauchtausche mit Safer Clubbing Material, drehen dann eine Runde durch den Club. Wir verteilen Obst und beobachten dann einfach.

kreuzer: Die Tätigkeit des Vereins geht über den Club hinaus. Was genau wird noch angeboten?

ALEX: Wir machen einen dreitätigen Tagesworkshop zu emanzipatorischem Umgang mit Diskriminierung und Gewalt und einen Ein-Tages-Workshop zu emanzipatorischem Umgang mit Drogenkonsum. Bald wird es noch einen Erste-Hilfe-Workshop geben.

kreuzer: Wie schätzen Sie das allgemeine Interesse von Clubs an Weiterbildungen im Bereich Awareness, die auch von Ihnen angeboten werden?

ALEX: Ich habe die These aufgestellt: Je kollektiver die aufgebaute Struktur, desto größer auch das Interesse daran. Viele Technoclubs sind nicht kollektiv organisiert, das große Interesse kommt gerade von Partykollektiven und Ladengruppen.

kreuzer: Warum wird das Thema der sexuellen Übergriffe in vielen Clubs kaum behandelt?

MIRIAM: In Clubbetrieben spiegelt sich wider, wie wenig es auch im Rest der Gesellschaft thematisiert wird. Man braucht viel Idealismus, um das anzugehen.

ALEX: Der Erfolg ist auch wirtschaftlich nicht messbar, denn das kostet den Club erstmal Geld. Man muss sich vor allem mit seinen eigenen Privilegien und Netzwerken auseinandersetzen. Das passiert in der Techno-Künstlerinnen-Szene, aber in anderen Bereichen nicht. Von der Leitung der Clubs bis zur Veranstaltungsproduktion und Technik sind es sehr häufig weiße cis-männliche Personen, die kein Interesse daran haben, aus Angst vor schlechter Publicity. Die wahrscheinlich eh kommt, wenn man nichts macht.

kreuzer: Wie oft kommt es denn im mjut zu übergriffigen Situationen?

ALEX: Wir würden uns wünschen, öfter angesprochen zu werden, aber wir bekommen nicht jeden Übergriff mit. Wir führen zwar Protokolle von Schichten, aber wenn ich anfangen würde eine Statistik zu führen, bräuchte ich eine gewisse Aussagekraft der Situation. Dann müsste ich den Vorfall interpretieren, wovon ich mich als Awareness-Person frei mache. Das steht dem Zahlen führen entgegen. Aber wir würden uns freuen, wenn sich jemand wissenschaftlich mit Gewalt und Diskriminierung im Nachtleben beschäftigt.

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