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»Immer noch ein Tabu-Thema«

Aufklärung zu Analphabetismus zwischen Leseratten auf der Buchmesse

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Es mag seltsam erscheinen, einen Stand zum Thema Analphabetismus auf der Buchmesse zu finden. Schließlich geht es ums Lesen! Doch genau das ist der Knackpunkt. »Wir wollen das mitwissende Umfeld ansprechen«, sagt Agnieszka Jaworski vom ALFA-Mobil, einem Projekt vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung. »Es ist immer noch ein Tabu-Thema.« 7,5 Millionen Menschen in Deutschland können nicht oder nur unzureichend Lesen und Schreiben.

Der kleine, fast unscheinbare Stand der Koordinierungsstelle für Alphabetisierung (kurz: Alpha Dekade) ist brechend voll. Dafür sorgt das ausgewählte Programm, das von offenen Gesprächen mit Betroffenen über Live-Theater bis zu einem Poetry Slam reicht. Vorbeiströmende Besucher verlangsamen ihre Schritte, bleiben neugierig stehen und erkundigen sich am Ende eines Acts interessiert am Info-Tisch.

Die Schwierigkeit, mit funktionellem Analphabetismus zurecht zu kommen, schildert eine Betroffene anhand einiger Beispiele: Miete zahlen, Verträge unterschreiben, teure Kindernahrung in der Apotheke mit Beratung kaufen, weil sie die Alete-Gläschen nicht voneinander unterscheiden kann, nur im eigenen Kiez bleiben, weil Fahrpläne nicht lesbar sind. Die Einschränkungen fangen bei Banalitäten an. Der Leidensdruck ist hoch, die Angst vor einem Outing ständig da. Viele Betroffene haben Mechanismen, durch die ihre Einschränkung kaum auffällt. Vorlesen lassen, weil »Brille vergessen«, oder Auswendiglernen ganzer Vorträge.

Doch der mutige Schritt zu einem Kurs für Lesen und Schreiben verändert vieles. »Meine Welt ist bunter geworden.« Die Offenen Gespräche sind informativ und voller Ehrlichkeit, bringen den Zuhörenden dieses oft untergehende Thema näher. »Ich finde es immer wieder verblüffend, wenn ich höre, dass so viele Menschen nicht richtig Lesen und Schreiben können«, sagt eine Hörerin. »Ich ging lange davon aus, dass es sich dabei um Schulabbrecher handelt.« Dabei haben die meisten Betroffenen mindestens einen Hauptschulabschluss und die meisten sind berufstätig.

Ein Highlight dieses Tages ist das Theaterduo »Stille Hunde«. In einfacher Sprache geben die zwei Herren Goethes Faust zum Besten und bringen die Walpurgisnacht mit »überall knallt’s und es ist laut!« treffend auf den Punkt. Beim anschließenden Poetry Slam geht es um Emanzipation, die Suche nach dem Ursprung des Ursprungs und Fragen zum Umgang mit Fremden. Fremd ist vielen von uns auch der Umgang mit Analphabetismus. Doch das tolle Programm der Alpha Dekade hat die Thematik sicher nicht nur in meinem Kopf wieder aktuell gemacht.

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit »Leipzig lauscht«.

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